Thomas Bachmann

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Mai 2009
Häng dich auf und lebe

Sinnhunger
Neue Geschichten von Thomas Bachmann

Vielleicht sollte man gleich nach den Müttern die Pfarrer erwürgen, denkt Anton Breitlicht. Er kämpft an gegen vierzig Jahre Pflichterfüllung, gegen Schrauben im Kopf. Einmal Nein sagen. Wenn er es heute schafft, ist er heute frei. Jetzt ist ihm jede Gelegenheit recht. Und sei es die, jemandem erste Hilfe beim Autounfall zu verweigern. Anton Breitlicht sähe auf die staunend größer werdenden Augen der Frau, sähe auf den Mund, der fistelnd: Aber Herr Pfarrer sagt und dann verstummt, und drehte sich um, mit fliegenden Händen in den Taschen, und ginge. Und dann würde es hinter ihm herschreien. Pfarrer wollen sie sein? würde es hinter ihm herschreien.

Der Mutant heißt die Groteske, in der sich der Zorn eines Mannes auf eine Existenz voller Vorenthaltungen in wirre Tagträume versteigt. Gleich vorweg: Thomas Bachmann, der aus Grimmen bei Rostock stammende, in Leipzig lebende Autor, ist weder Sadist noch asozial. Übrigens auch kein Trübsalbläser. Vermutlich lächelt er hintergründig, wenn er an Leben erinnert, die eine einzige Programmierung sind.

In den 35 Geschichten nebst Vorwort-Märchen seines neuen Bandes Häng dich auf und lebe spürt man den komponierenden ehemaligen Ingenieur, der Schach liebt. Zumeist betrachtet er teils realitätsnah erzählend, teils zuspitzend bis zum Surrealen unscheinbare Alltagssituationen, die zu Problemsituationen werden. Was geht vor in einem von der Arbeit heimkehrenden Angestellten, wenn sich zwei Männer breitbeinig vor ein Mädchen stellen, das in der Straßenbahn Platz genommen hat? Wie erlebt der Erzähler seinen ersten Kletterversuch wenn sich das dünne Seil vor der Brust spannt und der Fels, die Blumen, das Laub heranrücken, als läge er in der Waagerechten auf einem Feld? Was denken Konzertbesucher, wenn der Pianist, der nach Beethovenspiel eben noch graziös an einer Rose roch, sich Minuten später als Kneipengast im Pullover einen Schweinebraten schmecken lässt? Was fällt ordnungsliebenden Leuten ein, wenn es in ihrem Viertel zu Bränden kommt und in diesem Viertel ein Gitarre spielender, mit einem blonden Schwarzen verkehrender Rotschopf lebt? (Krimi mit versöhnlichem Schluss.) Wozu entschließt sich eine Frau, wenn kahlköpfige junge Nachbarn in der Gartenanlage fortwährend einen Hund quälen und der Gartenvorstand sich hilflos gibt? Es ist eine seltsame Angst um kahle Köpfe. Wie muss es um den Anspruch einer Popband bestellt sein, wenn der Blick der Rezensentin die Seiten der Geigerin springen und auflodern lässt? Wie wird ein Zeitgenosse damit fertig, dass er nachts aus sich heraustritt und eine mittelalterliche Burggesellschaft ihn als Graf empfängt? Ohne Gedankenzauber: Was erwartet einen Mann mit Fototasche unter fremdem Himmel, auf zerrührtem, zerbrochenem Boden, wenn er sich allein vom Lager entfernt hat? Was will er hier? fragt er sich. Wieso ist er in dieses Gelände gegangen? Ringsum Stille, nur einen Motor hört er. Das Land wurde zerfetzt und zusammengedrückt. Nun drückt es zurück.

Sucht man nach einer begrifflichen Klammer für die Figuren des Bandes und den Antrieb des Autors, so muss man nicht über den Buchtitel grübeln (er leuchtet spätestens nach der abschließenden Geschichte ein). Ein Stichwort findet sich, adjektivisch versteckt, auf Seite 111: Sinnhunger. Ein gutes Wort.

Einige der versammelten Texte sind literarischer Publizistik verwandt. Im Brief zurück im Dezember 03 blickt Bachmann auf sich selbst, prüft angesichts einschneidender Änderung der Verhältnisse, was von seinem Jugend-Ich geblieben ist und ob er ihm in die Augen schauen kann. In Vielleicht, vielleicht auch nicht eine Betrachtung wird ein wildromantischer Stadtgarten zum Anlass für ein fiktives Gespräch mit einem Pfarrer; es spannt sich über ein halbes Jahrtausend, samt eingestreuten Liebesgeschichten. Die Reflexionen dieser Texte stoßen sich ebenso wenig mit den eigentlichen Geschichten wie Erlebnisberichte über Reisen nach Frankfurt am Main und Amsterdam.

Wie schon bei seinen früheren Kurzprosabänden Stuhl im Café Maître (1999) und Der fette Mann auf dem Fahrrad (2004) beeindruckt Bachmanns Sprache. Alle Hoffnungen hatten sich zwischen die Wände gelegt und waren eingestaubt inmitten der Geräusche aus den Nachbarkammern und des Treppenhauses. Es blieb nichts zurück, eine abgestreifte verschrumpelte Haut war dieses Zimmer, niemand würde mich vermissen und das Provinzblatt, für das ich arbeitete, auch nicht ... (Das Schiff).

Auf zwei Besonderheiten der Texte sei der Leser vorbereitet. Zum einen erwächst eine gewisse Schwierigkeit aus dem Umstand, dass Bachmanns Figuren meist namenlos bleiben: eine Frau, ein Mann, er, sie ohne Rücksicht auf mögliche kuriose Doppeldeutigkeiten (sie und er müssen ja nicht Personen sein!). Kommen sich zwei menschliche sie ins Gehege, wie bei Rezensentin und Geigerin, so weiß man nicht recht, ob das who is who? als absichtliches retardierendes Moment dient.

Zum andern kann man beim Lesen auch ohne Rapsblüte gelbe Finger bekommen. Nur wenige Geschichten finden sich, in denen nicht geraucht wird. Wer auf Werbevertrag schließt, kennt den Autor schlecht. Eher sollen wir wohl so ganz nebenbei erfahren, was Menschen zur Zigarette oder Pfeife greifen lässt (und zumindest in einem Fall, Seite 200 ff., wohin das führen kann). Wie er auf seiner Website bekennt, findet Bachmann Rauchen aus verschiedenen Gründen sympathisch. Der so feinfühlige Schriftsteller mit einem Mal selbstvergessen?

Im Ernst: Den neuen Geschichten ist unbedingt eine zweite Auflage zu wünschen. Dann sind bestimmt auch Schreibversehen getilgt, die einen vorläufig nicht zu sehr ärgern sollten. Und käme ein vom Autor gesprochenes Hörbuch hinzu, so hätten wir etwas von der Stimme, die wir von seinen Liedern kennen. Von der eindringlichen Stimme eines Erzählers.

PS. In der Leipziger Reihe Literature on stage (Literatur auf der Bühne) las Th. B. am 26. April zwei Geschichten aus Häng dich auf und lebe. Die Reihe findet gegenwärtig jeden dritten Sonntag im Monat statt 19.30 Uhr bei Tonellis in der Elsterstraße.

Gottfried Braun



LVZ vom 26.04.09
Häng dich auf und lebe



lizzy-online, 31.03.2009
Häng dich auf und lebe

Häng dich auf und lebe: 35 einsame Geschichten von Thomas Bachmann

Seine Homepage eröffnet im März mit einem Lob des Nikotins. Und sein neuestes Buch heißt anders, als ursprünglich geplant: Leicht macht es sich der Leipziger Autor, Liedermacher, Grafiker Thomas Bachmann nicht. Nicht mit sich und nicht mit seinen Texten. "Häng dich auf und lebe" heißt sein neues Buch.

Erschienen im Verlag am Park, einem der exotischen Küken unter den Fittichen der Eulenspiegel Verlagsgruppe, vorbehalten den Autoren, die nicht so recht passen ins übliche Programm, nicht als Stapeltitel, nicht als Preisverdächtige und auch nicht ins Spaßprogramm. Auch wenn der Titel so anmutet, als könnte er mit Karikaturen gespickt werden, als stecke da ein bisschen was von Lucky Luke drin oder ein wenig schwarzer Humor aus England. Ist aber beides nicht.

Die große Tradition der 35 kleinen Geschichten, in denen eigentlich nichts geschieht, ist bei genauerem Hinsehen die deutsche Romantik. Noch genauer die deutsche Spätromantik. Noch genauer: die Romantik der Ritter- und Schauermärchen à la Tieck, Fouqué und Brentano. Das, was als Grundhaltung zur Welt seitdem nie verschwunden ist aus der deutschen Literatur und der Welt-Haltung deutscher Literaten. Womit Bachmann eigentlich ein Daueranwärter sein müsste auf sämtliche viel besungenen Literaturpreise des Landes.

Nur ist da noch ein Quäntchen mehr in seinen Geschichten, das, was sie vorsichtig hinüberschiebt in die benachbarte Welt der Grotesken und Nacht-Geschichten eines Edgar Allen Poe. Gemeinsam ist beiden die Einsamkeit und das Ausgeliefertsein der Figuren an das, was ihnen geschieht. Mit dem kleinen Unterschied: Wo bei Poe die Figuren noch in Panik zum Handeln getrieben werden, bleiben Bachmanns Heldinnen und Helden im Kreis der Hölle. Und der Kreis ist eng. Dialoge gibt es praktisch keine, und damit auch kaum eine Interaktion mit den "Anderen". Namen haben sie auch selten, auch wenn die Kulisse scheinbar im Hier und Jetzt zu finden ist. Einem erstarrten und ruinösen Jetzt, in dem nicht nur Häuser sich in Ruinen verwandeln und die Leerräume zunehmen.

Ein Land in der Auflösung, in dem jeder nur noch in seinen eigenen Gedanken kreist. Ausgiebigst und ausweglos. Die Kulisse ist nur beiläufig Leipzig. Auch Ostsee, Berlin, Frankfurt tauchen auf. Ebenso beliebige Kulissen. Austauschbar. In der Regel sogar nur wie Kulissen wirkend: die Schatten einer Wirklichkeit, an der die einsamen Gestalten des Thomas Bachmann nicht mehr Teil haben. Ausgeworfene, Abgetriebene. Wie in der Geschichte "Das Schiff", in der der Protagonist augenscheinlich in eine jener mystischen Szenen gerät, wie man sie aus den Gespenstersagen der Spätromantik kennt: Durch einen Zufall gerät ein Hirte in eine verfallene Burg und trifft dort auf eine Festtafel mit schweigenden Gästen. Und nur wenn er die richtige Frage stellt, kann er die verwunschene Gesellschaft erlösen und wird selbst reich beschenkt.

Geld freilich taucht bei Bachmann nirgendwo als Heilmittel auf. Und sein Held muss das verwunschene Schiff verlassen, ohne der Lösung des Knotens auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein. Ganz ähnlich in "Die Burg" oder in der Fahrstuhlgeschichte "Dritte Etage". Das sind die Geschichten, die am deutlichsten zeigen, auf welche Ursprünge Bachmanns Geschichten verweisen. Was nur noch fehlt, ist der Verweis auf eine der zentralsten Geschichten aus dem spätromantischen Repertoire: den Peter Schlemihl und sein bedrängendes Problem, seinen Platz in der Welt zu verlieren, weil ihm der Schatten abhanden gekommen ist. Was ihn bei Chamisso zum Ausgegrenzten macht, zum Ausgelieferten. Und das eint im Grunde alle Protagonisten der Bachmannschen Skizzen jeder für sich eingeschlossen in seiner Kapsel Wehmut, Hoffnungslosigkeit und Selbstreflexion.

Ganz so schlimm wie im Covertext angekündigt "Leipzig im Arsch und am Arsch der Welt. Und Leipzig ist überall." ist es denn doch nicht. Denn mehr als hingetupfte Kulisse ist Leipzig nicht wirklich. Andersherum wird ein Schuh draus: Auch in Leipzig lässt sich diese Art "Gesellschaft in Auflösung" finden. Und wer die frühen Geschichten der Anna Seghers gelesen hat, weiß, dass es nicht einmal nur symptomatisch ist für das jetzige Jahrzehnt. Kafka lässt ebenfalls grüßen.

Die Welt als labyrinthisches Erlebnis, als Suche nach einer klaren Antwort in einer unüberschaubar wuchernden Verwaltung. In einem anonymen Verwaltetsein - vom braven deutschen Staatsbürger natürlich längst verinnerlicht. Wie in der "Geschichte vom Nest", in der der Held davon träumt, ein leeres Haus am Rand der Stadt wieder mit Leben zu erfüllen und schon bei der Besichtigung Revue passieren lässt, wie die Ordnungsmacht dafür sorgen wird, das Haus wieder zu beräumen.

Ohnmacht als Gefühl des Enteignetsein. ein enteignetes Leben das leben sie alle, die in diesen 35 bedrückenden und teilweise makabren Geschichten auftreten. Geschichten, die eigentlich nicht Geschichten heißen dürften weil nichts geschieht. Und wer eine Geschichte mit dem Titel "Häng dich auf und lebe" sucht, wird nicht fündig werden. Das Motiv taucht erst in Nr. 35 auf, "Der doppelte Mann".

Und wer da meint, er müsse sich diese Geschichten zur Filmmusik von "Spiel mir das Lied vom Tod" anhören, irrt. Passender ist "Eleanor Rigby" von den Beatles.

Thomas Bachmann "Häng dich auf und lebe. 35 Geschichten", Verlag am Park, Berlin 2008, 14,90 Euro.

Ralf Julke



Cap Arkona - Ende oder Beginn einer Reise

Was vor dem Roman in dem Buch steht, dieses Paradoxon einer Verlagsablehnung, kann  programmatisch gesehen werden. Die Spannung vieler Szenen, die Bilder und Videos sind, reißt den Leser atemlos durch die Seiten. Bald merkt man, Realität selbst kann es kaum sein, bei so viel Glück. Aber es ist so gut erzählt, daß das dann keine Rolle mehr spielt. Dieses Abenteuer Leben. Diese Sehnsucht nach Menschen und fremden Ländern, nach Ferne und Leben. Ein berauschender Roman, der wie eine Droge den Leser in seine Welt eintauchen und auch entfliehen läßt, die so nur Utopie sein kann mit ihren Höhen und Tiefen. Eine Fiktion, ja! Na und? Während des Lesens versinkt alles und man bangt, hofft, hat Angst, liebt und träumt. Das irritierende daran ist, nicht die Helden, die vier aus einem wiedervereinten Deutschland und die, denen sie begegnen, werden zur Identität, sondern wundersamerweise das eigene, lesende Ich.
Und dann die Reflexionen über den Osten, den Westen und über die Realität, die dadurch stets gegenwärtig bleibt. Es ist ein atemberaubendes Spiel. Und überall diese Melancholie, eine Traurigkeit vor der Wirklichkeit, die ja doch anders ist. Ein durch und durch ehrliches Buch. Ohne Pathos. Und ganz dicht am Erlebbaren. Voller Rätsel. Diese Reise zu sich selbst, diese Reise eines Ostdeutschen mit einem westdeutschen Juden, einem westdeutschen Hippi-Schlosser und einem Glatzkopf aus den thüringischen Wäldern, der keiner mehr ist. Eine Reise in den Westen, in die Wüste Afrikas und wieder zurück. Wo so viel auf der Strecke bleibt, auf der drei ihr Zuhause finden. Nur der Erzähler findet es nicht. Bei ihm geht mehr verloren. Sind es die Illusionen, die Utopien und die Romantik der Idylle? Oder gar, weil er mehr gefunden hat? Trotzdem endet das Buch wo es begann, am Cap Arcona auf Rügen und in Leipzig. Ausgangsort und dann wieder Ende sind eine der vielen Scherbensplitter in dem Roman, die nur einen der vielen schier unlösbaren Denkprozeße in Gang setzen. Ein Roman, in dem es scheint, daß das Glück die Hauptrolle übernommen hat. Doch es gibt so viele Glassplitter, die daran so verdammt tiefgründig zweifeln lassen. Dennoch ist es ein Buch voller Hoffnung geworden. Weil es ein Buch ist, was vor allem jungen Menschen ihre Wünsche, ihre Träume und ihre Sehnsüchte erhält. Melancholie liegt über allem und die Realität wirkt schonungslos mit auf dieser bizarren Reise. Aber die Helden lassen sich nicht unterkriegen. Horst Werder



Sächsische Zeitung 27.12.05

"Der verwirrende Anspruch auf Glück"

Aber Aufbruch ist besser

Thomas Bachmann erzählt von Liebe und Tod und all den Möglichkeiten dazwischen

"Wir waren vier: John, der Johannes hieß und die fünfunddreißig Jahre, die er in seinem Kaff an der Nordsee verbracht hatte, nicht aus seinen Latzhosen herausgekommen war; Else, der seinen Namen Elias für ein Brechmittel hielt und mit dem es seine Großmutter seit Neunzehnhundertsechzig nur gut meinte; Furz, der noch nie in seinem Leben an einer organisierten Arbeit teilgenommen hatte, Pfeife rauchte und dabei das Profil eines Gartenzwerges aus dem Thüringischen besaß, und ich."
An einem Sommertag sitzt der Protagonist der Geschichte in der Nähe einer Treppe auf der Insel Rügen, nahe dem Kap Arkona, und betrachtet die Ostsee, diese freundliche Meer.
Die Zeit davor hatte er damit zugebracht, das "Welthandbuch", einen internationalen politischen Almanach aus dem Jahre 1962 zu studieren, welchen er auf dem Dachboden seiner Großmutter gefunden hatte. So hatte er sich in Gedanken zwischen Griechenland und den Jungferninseln herumgetrieben, halbherzig seinen Dienst im Büro eines kleinen Theaters verrichtet, um schließlich, wie in jedem Sommer an die Küste zu fahren. Doch seltsamerweise kommt ihm jetzt auch hier alles so falsch vor, geschönt und unecht. Da gesellen sich drei junge Männer zu ihm, sie reden, rauchen, schweigen eine Zeit lang und beschließen den Abschied vom Land. Sie fahren nach Leipzig, holen das dicke Buch aus dem Regal, regeln das Nötigste und halten schließlich an der Autobahn die Daumen in den Wind. In Strasbourg bekommt der Protagonist von einem Mädchen namens Susan eine Kette aus roten Erbsen geschenkt, die ihn wie ein Amulett beschützten wird. Weiter geht die Reise über Bordeaux und Valencia in den Norden Afrikas. Sie kaufen einen alten Jeep und fahren ostwärts an der Mittelmeerküste Marokkos entlang, wo sie überfallen werden und so ziemlich alles an irdischen Gütern verlieren. Nächte lang ziehen sie weiter, finden schließlich eine verlassene Stadt und bekommen merkwürdigen Besuch. Im weiteren Verlauf der Reise wird die Gruppe zunehmend kleiner, drei der vier Freunde haben es wirklich ernst gemeint mit dem Abschied vom Land. Abgesehen von den turbulenten Reisererlebnissen enthält die Geschichte bemerkenswerte Aufenthalte voller Reflexionen und aufrichtiger Bekenntnisse, die sich im weitesten Sinne unter dem wunderbaren Titel des Romans subsumieren lassen, eben jenem verwirrenden Anspruch auf Glück. Dieses Buch bezaubert zweifellos durch einen leichten erzählerischen Ton, der nirgendwo aufdringlich oder manieriert wirkt, sondern auf eine berührende Weise aufrichtig und klar. Der vielseitige Autor Thomas Bachmann, 1961 in Grimmen geboren, lebt seit langem in Leipzig, arbeitete unter anderem als Ingenieur und Sozialarbeiter, ist Liedermacher, Mitbegründer des Leipziger Literaturkreises, Herausgeber mehrere Anthologien, Fotograf, Grafiker und seit Herbst 2004 Mitglied des Liedprojektes "Wegerein". Er ist ein unkonventioneller Organisator, ein unermüdlicher Visionär voller Energie und immer neuer Ideen.

Undine Materni



LVZ vom 21.12.05

Vorhang zu - und alle Fragen offen

Thomas Bachmanns neuer Roman "Der verwirrende Anspruch auf Glück"

Am Ende ist er zu sich gekommen. Der Ich-Erzähler sitzt am Kap Arkona, mit Tausenden Kilometern im Rücken, Bruchstellen in Seele und Knochen. Spürbare Beweise, dass der Trip in die Ferne kein Traum war. Obwohl er manchmal sehr surreal anmutet, dieser "Verwirrende Anspruch auf Glück", den der Leipziger Autor Thomas Bachmann auf 2 30 Seiten formuliert.
Das namentlich ungenannte erzählende Ego trifft an der Ostsee zufällig die drei Mehr-oder-weniger-Aussteiger John, Furz und Else. Nach ein paar Zigaretten und Sätzen fällt der Beschluss zur gemeinsamen Weltreise. Und die lässt genug, Zeit, um zu philosophieren. Das tut erst der gelernte Schlosser John über die Magie des abgehalfterten Songs "Rolling Home", über Authentizität und Klischees. Eine Station später beginnt Else, der musizierende Jude vom Land, einen Exkurs zum Sinnzusammenhang von Sprache, Kommunikation und Identität; Begleiter Furz folgt wenig später. Durchaus schöne Gedankengänge mit ungeahnten Knicken und Verbindungen, allerdings immer im selben Sprachduktus des Erzählers. Der Grund, der sich allerdings kaum erschließt: Thomas Bachmann nutzt vier Figuren, um die Gedanken und Weltanschauungen von nur einer herauszuschälen.
Nach einem Überfall in der Sahara scheint das Abenteuer ins Verhängnis zu kippen, Wasser und Nahrung gehen aus. Die Rettung kommt mit dem schwulen Wüstenbewohner Willy. Furz outet sich und bleibt an seiner Seite, die anderen drei reisen weiter. John bleibt in einem Hippielager hängen. In der Nähe von Gibraltar droht dem Rest-Duo der Martertod durch wildgewordene Kampf-Emanzen. Als sich auch Else verabschiedet, ist der Erzähler allein und macht sich auf die Suche nach der geheimnisvollen Susan, die ihm in Strasbourg eine Kette rotgefärbter Erbsen als Andenken an eine gemeinsame Nacht schenkte.
Der Plot geht befremdliche Wege, aber es sind die Details, die das Buch so ärgerlich machen. Oder so schön: Je weiter sich der Erzähler von der Heimat entfernt, desto öfter grantelt er über Goethe als Stellvertreter deutschen Spießertums. Und trifft mit seiner bilderstarken Abrechnung zum Thema Wende wunde Punkte. Verkauftes Land DDR, Montags-Demos, deren Hoffung auf Erneuerung dem Ruf nach der Banane wich. Knallbunte Fassaden, hinter denen Solidarität bröckelt. "Die neue Zeit baute antiseptische Häuser, in denen Menschen nicht recht vorgesehen waren." Stellen wie diese finden sich mehrfach. Doch das punktuell Große leidet unter allzu künstlichen Konstrukten, schwer nachvollziehbaren Entwicklungen. Bis zum Schluss bleibt ungelöst, warum die Erbsenkette die Hauptfigur mehrfach vor Ungemach schützt. Der Wandel von Kumpel Furz zum Wüstenbewohner ist psychologisch unergründbar, der Emanzen-Alarm komplett irreal.
Endgültig sträuben sich die Haare angesichts der vom Lektorat übersehenen Fehler. Das weibliche Idiom "Klientel" erfährt mehrfache Geschlechtsumwandlungen, Kalif Harun al Raschid heißt hier Harun al Radschin", Buchstaben haben sich zigfach aus Wörtern geschlichen; die Kommata fallen, wie sie fallen, kurzum: Nachlässigkeiten, die den Roman beschädigen. Dabei hat Bachmann, Jahrgang '61, in seiner Sprache und Kraft vielen anderen etwas voraus.
Am Schluss kehrt der Erzähler zurück ans Kap Arkona, mit zwei Susans im Herzen und der Erkenntnis, dass Reisen Ankommen bedeuten kann. Auch die Lektüre ist ein Trip: von einem Qualitätsextrem zum anderen.
Mark Daniel

Thomas Bachmann, "Der verwirrende Anspruch auf Glück", Verlag am Park, Seiten 234 Seiten, 12.90, www.edition-ost.de.



LN 2005

"Der Geist wird über die Scheune triumphieren"

Neue Kurzgeschichten von Thomas Bachmann

Wer den Kurzprosa-Band Stuhl im Cafe Maitre, die Geschichte vom Glück oder Früheres von Thomas Bachmann gelesen hat, wird seinen neuen Band Der fette Mann und das Fahrrad gespannt zur Hand nehmen. Und nicht enttäuscht. Wieder besticht der an der Küste geborene Leipziger durch überraschende Sujets und durch Erzählkunst; erneut ist ein Zug zum Kriminalistischen spürbar.
Die hier versammelten "Erzählungen" - in der Mehrzahl Shortstorys - sind freilich keine Krimis. Dort, wo sie Rätsel aufgeben, führen sie nicht zur Lösung, sondern wollen verunsichern. Bachmann schreibt gegen Klischeedenken an. Was hat zum "Fall" geführt? Welche gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen, welches Erleben? Am unmittelbarsten kreisen die Gedanken um diese Frage in Hans im Glück, der Story von der Geiselnahme in einem Kindergarten. Vom Revolvermann, der Märchen vorliest und am Telefon selbst einem Kriminalkommissar sympathisch zu werden beginnt. Offener Tatausgang und offenes "Motiv" belassen uns zwiefach beunruhigt.
Ein furioser Auftakt des Bandes gelang mit Gladiator. Ein Mann sitzt im vierten Stock in einem Fensterrahmen "und schaut zu, wie das gesamte Innenleben des Abrisshauses unter erstaunlich wenig Geräusch in sich zusammenrutscht". Dabei wollte er nur ein paar Fotos machen - "lange wird es solche Häuser in der Stadt nicht mehr geben, bei der Sanierungswut". Aber nicht er ist der Fall, sondern diejenigen, die bei Scheinwerferlicht auf seinen Sturz warten wie Römer auf das Fallen eines Gladiators. Oder mit verschränkten Armen Mut zusprechen.
Im Kontrast zu diesem kurzfilmreifen Drehbuch scheint es im Text mit dem seltsamen Titel Die Seele aus dem Dorf tragen ruhig zuzugehen. Eine junge Frau, die sich der mündlichen Geschichtsüberlieferung verschrieben hat, sucht in die Vergangenheit eines mecklenburgischen Dorfs zu dringen. Um den Ort, heißt es, habe die Geschichte einen Bogen gemacht. Immerhin, das eine oder andere erfährt die Forscherin; wechselweise rücken sich Aussagen und ungenannt Aussagende ins rechte Licht. (Ein Kabinettstück die Auskunft, die unschwer dem Pastor zuzuordnen ist!) Doch erst mit den Aufzeichnungen eines am Rand der Dorfgemeinschaft lebenden Alten hätte die junge Frau, die beim Wirt Quartier gefunden hat, wirklich die Seele aus dem Dorf tragen können. Hätte ... Ein Schock-Schluss zwingt zu erneutem Lesen von vorn bis hinten.
In der vergleichsweise harmlosen Posse Der Dorfpoet geben sich Gast und Wirtin eines Dorfkrugs nicht nur literarische Rätsel auf. Hier herrscht spätestens beim letzten Satz Klarheit: über Klüfte in der Literatenwelt ... und den Wert unserer überschrift.
Überraschend auf ganz andere Art, für Unsensible zum Schütteln erheiternd, schließt die Erzählung von der Stieglitzstraße und dem Postboten Friedrich Hardenberg - der zwei Damen, Mutter und Tochter, besucht und sich in Ohnmacht rettet (Entschuldigen Sie die Störung!). Mit raffinierter Komposition und Atmosphäre-Zauber lässt Bachmann eine schlichte Fabel zum Hochgenuss werden.
Bei Vier Szenen im Cafe müssen wir uns anstrengen. Wir geraten in ein Netzwerk von einer und dreimal zwei Personen, die im Dialog und inneren Monolog ihre Gedanken und Gefühle preisgeben. Abgesehen davon, dass sich die Anwesenden, soweit sie sich nicht kennen, einen Reim voneinander machen wollen, müssen wir im Puzzle ihrer äußerungen herausfinden, wer da gerade etwas sagt oder denkt. Wichtiger: Auch hier im Cafe tun sich "Fälle" auf; weit Zurückliegendes und vielleicht vor Monaten Vorgefallenes tritt zutage, neben Komischem ereignet sich unversehens Dramatisches.
Insgesamt zehn Texte - von der Titelgeschichte sei nichts verraten - umfasst der Band. Einer davon ist nichtfiktional, doch nicht minder anspruchsvoll gestaltet. Aus dem Bericht über einen Jugendgefährten (Ulli) erfahren wir zugleich einiges davon, wie der Autor in einer DDR-Kleinstadt aufwuchs und was er zu verarbeiten hatte. Und dass es auch der "Singebewegung" zu danken ist, wenn es einen Grimmener in unsere Stadt verschlug.
- Gottfried Braun
Thomas Bachmann: Der fette Mann auf dem Fahrrad. Erzählungen. Peter Segler Verlag, Freiberg 2004. 220 Seiten, .... Euro



lizzy-online

Thomas Bachmann: Der fette Mann aud dem Fahrrad

Ralf Julke am Samstag, 07. Mai 2005

Es gibt sie noch: die kleinen, engagierten Verlage, für die ein Autor, der nicht für die Bestsellerlisten schreibt, kein Tabu ist. Die sich sogar bewusst positionieren abseits von der Schmökermassenware und sagen: Wir bringen nur die originellen, eigenwilligen und qualitätsbewussten Schreiber. Gibt es die noch? Gibt es. Einer davon heißt Thomas Bachmann, lebt in Leipzig. Und der Peter-Segler-Verlag in Freiberg hat seinen neuesten Erzählungsband gedruckt.

Der Segler-Verlag ist einer von jenen kleinen Verlagen, die Bücher machen für Leser, die sich wieder Zeit lassen beim Seitenumblättern. Dieses Jahr feiert der kleine Verlag aus dem sächsischen Freiberg seinen zehnten Geburtstag. Seine Bücher stehen - das betont der Verleger - nur bei ambitionierten Buchhändlern. Literarische Qualität spielt bei ihm die wichtigste Rolle. Bei Mainstream verzieht er nur das Gesicht. Das ist wie Fastfood für Leser. Damit braucht ihm keiner kommen.

Er liebt er die Ungeschliffenen. Solche wie den Leipziger Bachmann, ausgebildeter Ingenieur, Sozialarbeiter und Liedermacher. In der Wochenzeitung "Freitag" veröffentlicht er regelmäßig, ist mit der Gruppe "Wegerein" auch auf der Bühne zu erleben. Und manchmal liest der 43jährige auch vor aus seinen Geschichten, die er seit 1996 veröffentlicht. Geschichten, die beinah auch anderen Leuten passieren könnten. Aber eben nur beinah. Es sind Geschichten aus einer Welt, die liegt haarscharf neben der unseren. Sechs Millimeter neben dem Leipzig, in dem Bachmann zu Hause ist.

Aber den fetten Mann auf dem Fahrrad hat nur er gesehen, wie der sich abquälte auf dem Rad, den Kopf gesenkt, ein Kerl wie ein Gebirge, aber vollgepackt mit Scham. Bachmanns seltsame Helden schämen sich noch. Weil sie denken. Zuweilen erinnert das an Wim Wenders Engel im Himmel über Berlin, wie sie lauschen, wie sie den Menschen da unten zuhören in ihren Kopfgesprächen. Und das erfordert sehr feine Ohren, wenn einer da richtig hören will.

Einfältige Autoren gehen ja davon aus, die Menschen müssten einander verstehen, weil sie denken. Sie hören sich nicht selber zu und ahnen nicht, dass gerade das Denken der Anfang ist für alle Missverständnisse, Peinlichkeiten, Zögerlichkeiten. Die Typen in Bachmanns zehn Geschichten sind keine Draufgänger. Sie zögern, wo sie kämpfen müssten, machen Umwege und fahren in ihren eigenen Gedanken Amok. Nichts ist gewiss.

Ein Haus stürzt zusammen und auf einmal sitzt oben im hohlen Fenstersims ein Fotograf. Gefangen vom Abgrund. Was wird er tun? Und: Was werden die unten tun? "Gladiator" nennt der Autor die Geschichte, die nicht mit Sensationen aufwartet. Aber die vom Zuschauen erzählt. Vom Zuschauen auch des Lesers, der unten steht und den Kerl da oben schwitzen sieht. Worauf wartet er?

Bachmann schlüpft in die Haut eines Postboten, der sich über die Leute in der Stieglitzstraße seine Gedanken macht. Was weiß ein Postbote über die Menschen?

Was weiß ein Kellner über seine Gäste? Es ist die längste Geschichte im Buch: "Vier Szenen im Cafe". Alle vier Szenen spielen im Kopf der Leute, die in einem kleinen Cafe warten, sich umschauen, sich Gedanken machen. Nicht immer weiß man gleich, in wessen Kopf man ist. Das ist gut. Das kommt einem vertraut vor. Manche nennen es den inneren Schweinehund oder "mein anderes ich".

Manche haben diesen inneren Kontrapart vielleicht nicht. Kann sein. Das sind dann wohl die Schwarzeneggers und Tarzans, die "edlen Helden", die immer wissen, was sie zu tun haben, damit die ganze Chose auch beim Happyend landet. Eben Kerle nicht von dieser Welt. Wenn sie in dieser Welt auftauchen, wird es gefährlich. Denn hier in dieser geht es eher zu wie bei Bachmann, der so gern wissen möchte, wie das rumort in den Köpfen der anderen. Er hat sich selbst zugehört und weiß, dass Denken auch Rätselraten ist.

Was ist los in dem Dorf, in dem die Leute nichts erzählen von sich? Was verbirgt sich hinter dem Schweigen? Bachmann schickt seine Stellvertreter los in die Geschichten. In diesem Fall eine Autorin, die einfach nur schreiben möchte über ein Dorf und sich wundert, dass sie nichts erfährt. Dass nichts zu einer Geschichte werden will, bis sie erfährt, dass unter dem Schweigen Geschichten lauern, vergraben wie tote Hunde. Am Ende darf sie sie trotzdem nicht mitnehmen.

Am Ende wird auch der Kidnapper erschossen in "Hans im Glück" und der Kommissar draußen wird nie erfahren, warum er Kinder und Betreuerin zur Geisel nahm. Am Ende trennt ihn ein Abgrund von dem, was er wissen wollte. Und er war so nah dran. Denn wissen wollen wir ja alle dieses große Warum. Geschichten sind Erklärungsversuche für Dinge, die geschehen. Aber das bedeutet ja nicht, dass sie am Ende tatsächlich logisch sind. Oder sich auflösen wie ein Krimi. Der fette Mann mit seinen schwitzenden Gedanken jedenfalls fährt weiter. Immer haarscharf an seiner Wirklichkeit vorbei. Vielleicht sieht ihn einer morgen oder übermorgen vorbeifahren, verbissen in die Pedale tretend, ganz mit sich beschäftigt. Ein Gast aus einer Welt, sechs Millimeter neben dieser hier.



Info: Thomas Bachmann "Der fette Mann auf dem Fahrrad. Geschichten.", Peter-Segler-Verlag Freiberg, 12 Euro



L.N. 2003

"Kinder in solch einem Viertel wissen früh viel"

Thomas Bachmann schrieb eine wunderbare Geschichte für Große und Kleine

Hätte ich Enkel, läse ich ihnen das neuste Buch des Leipziger Schriftstellers Thomas Bachmann vor: "Die, Geschichte vom Glück". Schon die ebenso einfachen wie kunstvollen Sätze - wie für den Rhythmus des Atems geschrieben - machen Lust aufs Weitererzählen. Und was da erzählt wird, wie Spannung geschaffen wird, läßt das schwer beschreibbare Gefühl wiedererstehen, mit dem man als Kind Bücher verschlang. Dabei begibt sich in dieser Geschichte auf den ersten Anschein nichts Sensationelles. Sie spielt, von den letzten Seiten abgesehen, auf engstem Raum hier und heute: zwischen einem städtischen Häuserviereck und einem Müllberg (aufgepaßt, Filmleute mit Sparbudget!). Für die Geschwister Grete und Friedrich, die ihre Eltern verloren haben und bei der Großmutter aufwachsen, ist der Müllberg - ein richtig großer, wie die Leipziger sie kennen - keineswegs ein Abenteuerplatz. Wenn sie auf dem eingezäunten Areal Buntmetall ausbuddeln, tun sie das nicht aus Neugier. Sie sind sozusagen Geschäftspartner eines sie ständig bedrängenden Schrotthändlers. Was der von ihnen wirklich will und - wer ihn dazu treibt, sagt er ihnen freilich nicht. Und das wird natürlich auch hier nicht verraten. Jedenfalls reicht das Geheimnis ziemlich weit in die Geschichte, bis zu Napoleons Zeiten ... Sobald die Ferien angefangen hatten, dachte die Großmutter über ihre Schützlinge, waren die beiden den ganzen Tag verschwunden, jedes Jahr ein bißchen mehr. Sie verwilderten regelrecht im Sommer. Und der Friedrich roch manchmal nach Nikotin. Dabei waren sie bestimmt nicht krumm gewachsen und würden wohl auch nicht krumm werden. Aber wer konnte das schon so genau wissen. Kinder in solch einem Viertel wissen früh viel, sie wußte es sehr gut. Und stecken schnell in irgendeiner Klemme. Wofür schon ein Rottweiler und die Freunde des Schrotthändlersohns sorgen ...
Unaufdringlich läßt der Autor teilhaben an Erkenntnissen der Kinder und Erfahrungen ihrer Großmutter. Da ist vom fratzenhaften Krieg die Rede, der Menschen aus ihrem Dorf vertrieb. Oder davon, wie der Schrotthändler seinen Sohn ohrfeigt und brüllt: "Wenn das Geschäft nicht läuft, läuft gar nichts, verstanden?" Oder von dem freundlichen älteren Herrn, der begeistert von der Eisverkäuferin Krause sagt: "Das ist eine Person. Eine handfeste Person. Davon die halbe Stadt voll, dann würde hier einiges anders aussehen."Der Krimi mit glücklichem Ausgang, in den Thomas Bachmann seine Helden geraten läßt, schärft den Blick auf die Gesellschaft ohne belehrend zu wirken. Auch der junge Leser wird erfühlen, daß das Glück, von dem der Titel spricht, nicht nur in der weiten Reise besteht, mit der das Buch ausklingt.

Gottfried Braun






Kleine LVZ 2004

Mephisto vergeht Lust an obszönen Späßen - Gelungene szenische Premiere in Kaditzsch

Kaditzsch (bb). Gut besuchte, ungewöhnliche Premiere in der Studiogalerie in Kaditzsch am Samstagabend: Mit kraftvollem teuflischem Lachen betritt Mephisto alias Reinhardt Hellmann, bewährt in vielen klassischen Rollen, die Bühne, aber das Lachen bleibt ihm bald im Halse stecken, als er sich unter lauter Deutschen wiederfindet. Denn was macht der "Geist, der stets verneint", ganz ohne Gegenspieler? "Keiner kann mich nicht leiden!" Das kann nicht gut ausgehen. Für das "kraftlose Gesindel" der Gegenwart hat Mephisto im Vergleich mit der deutschen Geschichte nur Verachtung übrig, und er verliert zunehmend an Kraft, hervorragend gespielt von Hellmann und am Klavier ebenso überzeugend umgesetzt von dem Leipziger Jazz - Pianisten Stephan König. Selbst die Lust an obszönen Späßen ist Mephisto vergangen. "Euch darf man keine ganzen Sätze sprechen", realisiert er als Realitätsverlust auch in der Sprache. Autor Thomas Bachmann schrieb das Stück während eines winterlichen Aufenthalts als Stipendiat in der Denkmalschmiede Höfgen. Es thematisiert tiefste Hoffnungslosigkeit. Am Ende stirbt Mephisto, denn er wird nicht mehr gebraucht. Und was bleibt einem Deutschland ohne ihn übrig?






Bachmann liest

Aus seinem im Bochumer drei-ECK-Verlag erschienen Buch "Stuhl im Cafe Maitre" liest der seit vielen Jahren in Leipzig lebende Thomas Bachmann am 19. April im Werk II (mit dabei: Johann Heß). Eine zweite Lesung steht am 11. Mai in "Frau Krause" an. "Stuhl im Cafe Maitre" ist eine Geschichte über das Risiko Mann und Frau. Lokalbezug ist mit solch einem Titel unumgänglich, dennoch läßt sich Bachmann nicht in die Regionalautorenschublade verfrachten. Zumal seine Texte inhaltlich viel weiter reichen als bis nach Schkeuditz. Vollkommen egal, daß das Maitre gerade renoviert wird. Das Buch stellt Texte aus vier Jahren Thomas Bachmann vor: Unterschiedliche Kurzprosa mit unterschiedlichen Wirkungen. Seine Texte sticheln den Leser und schaffen Spielraum für eigene Fragen. Der Autor beobachtet das Jetzt und Hier, sieht den Wandel und die Realität als solche und wenig illusorisch. Von Vorerfahrungen geprägt, nimmt er nicht alles kommentarlos hin, sondern bezieht Position und bringt seine Skepsis zum Ausdruck. Diese ist allerdings keine verbitterte Zeigefinger-Kritik, sondern oft in Humor und Ironie gepackt. Bachmanns subjektiv beobachtete Einzelerscheinungen kritisieren das Generelle unseres Umfeldes.

TEXT& FOTO: PATRICIA ZECKERT






L.N. 2000

Welt- und Selbstporträt
in 106 Strichen

Thomas Bachmann: "Stuhl im Cafe Maitre". dreiECK-Verlag, Bochum 1999. 172 Seiten (mit Vorwort von Hans Weil), 19,80 DM.

... Ich kenne T. B. schon seit einigen Jahren... So richtig kannte ich B. freilich doch nicht ("kennen" - seltsam hartes, scharfes Wort). Was für ein Bursche da durch die Stadt zieht, altmodisch mit Ottomotor, und in Kaufhallen und Kneipen luchst, falls er nicht gerade vom Balkon und in Hinterhöfe schaut oder sinniert oder träumt oder sich um seinen Jungen mit der hellen Stimme kümmert, das ahnte ich nicht. Das begriff ich erst, als ich sein neues Buch zur Hand nahm. Obgleich mir seine bisherigen Selbstzeugnisse "Das Dagobert-Prinzip", "Auszug", "Hirnbrand" (mit Zander und Birnbaum) und "Knastlochblues" eigentlich schon allerhand verraten mußten.
Der Prophet gilt nichts im eignen Land, und vermutlich erst recht nichts in der eignen Stadt. Nach Leipzig kam der in Grimmen Aufgewachsene zwar erst mit 26, doch das ändert nicht viel. Deshalb lauthals: Unter uns lebt einer der stärksten deutschsprachigen Kurzprosa-Autoren.
Ein Hauch von Strittmatter und Handke, von Lateinamerika und Japan (Yasushi Inoue), von Debussy und Ravel -ja, es gibt Satz-Boleros - in 106 Texten auf 161 Seiten. Ein sprachmächtiges Psychogramm heutigen Alltags, allerdings nicht der Hautevolee und der agilen Schicht darunter, und zugleich ein Selbstporträt. Es zeigt einen genau hinschauenden, feinfühlig - nachdenklichen Enddreißiger, der in Menschen zu blicken versteht. Mit Autobiographie hat das übrigens nichts zu tun: Von der Ingenieurausbildung oder vom Leben des Schweißers und Sondenarbeiters ist keine Rede, eher schon vom Nachwende-Erleben des Sozialarbeiters und von den eigenen vier Wänden. Verblüffend, welche Disparatheit von tatsächlichen und denkbaren Situationen diese Geschichten und Miniaturen zeigen, angesiedelt vorzugsweise zwischen Leipzigs Grünau und Karl-Liebknecht-Straße, Tag- und Alpträume eingeschlossen. Erinnerungen fügen sich ein - an die vorpommersche Kindheit, an Stippvisiten in B(erlin); Krieg wird gegenwärtig mit der Mine im Wald und der Reporterlandung in Frankfurt/Main; eine Wasserfalle schnappt zu... Dazwischen essaynahes Gedankenkreisen von philosophischem Rang. Ganz unterschiedlich auch die Darstellungshaltung: teils minutiös-protokollarisch, teils lakonisch und pointiert, mal elegisch, mal skurril-humoristisch, seltener satirisch. Abwechslung nicht zuletzt dadurch, daß Bachmann souverän über die Varianten der Erzählperspektive verfügt. Hier wird in jeder Hinsicht präzise Arbeit geliefert. Hoffentlich habe ich nicht gesagt, vom Sondenarbeiter und Schweißer sei nichts zu spüren.
Mir tat es gut, mit diesem Autor loszuziehen. Auch wenn er mich gelegentlich in ein Rätsel führte - so wie Steffi Kassler von der Hochschule für Grafik und Buchkunst, die den anziehend-geheimnisvollen Paperback-Umschlag schuf...

Gottfried Braun






Thomas Bachmann las und sang in Genthin

Unaufdringliche Töne, die sich da Gehör verschafften

Von Karl-Heinz Klappoth

Man kennt sich inzwischen, schließlich trifft man sich regelmäßig ... Mitglieder des Kunstvereins und der eine oder andere kunstinteressierte Bürger, insgesamt sind es in der Regel etwas mehr als 20 ... So auch am Donnerstagabend ... Den offiziellen Auftakt um 19.30 Uhr ließ man wohlweislich verstreichen, in der Hoffnung, das Foyer könnte sich weiter füllen. Doch Fehlanzeige. Thomas Bachmann sah das nicht so problematisch: "Mir ist es lieber, es sind nur eine Handvoll da, die mir aber zuhören, als ein voller Saal, aber keiner zeigt Interesse."
Die wenigen Gäste, die kamen, wollten Thomas Bachmann unbedingt hören - als er aus seinen Büchern las, als er sich bei seinen Liedern selbst auf der Gitarre begleitete... Um einem Resümee dieser ungewöhnlichen "musikalischen Lesung" vorzugreifen: Der Eindruck, den er bei den Gästen hinterließ, war nachhaltig. Dabei ist Thomas Bachmann - in unseren Breiten fast völlig unbekannt, ein Mann der leisen Töne.
Und so mußte man genau hinhören, als er sich seinem Publikum vorstellte: ... Dieser Mann hatte wahrlich etwas zu erzählen, "doch meine Bücher könnt ihr nachlesen." Also brachte er (zunächst) seine neuesten Manuskripte und Lieder zu Gehör - über Geld und Literaten, über die so scheinbar alltäglichen Dinge wie Fußball, Kinder und Garten, verwies auf den scheinbaren Wandel der Welt im kleinen.
An einem Buch aber kam er an diesem Abend nicht vorbei: "Stuhl im Cafe Maitre"... Im Maitre traf sich die Leipziger Kunstszene, oder jene, die glaubten, daß sie dazu gehören", erzählt Thomas Bachmann und verrät, daß dieser Kulturtempel (leider) inzwischen geschlossen ist. Er aber "setzte" zuvor mit diesem Buch dem Cafe ein Denkmal ... Nicht zuletzt deshalb, weil er Geschichten erzählte, die man als Zuhörer scheinbar selbst erlebt hat. Und so verwundert es auch nicht, daß sich die Gäste von dieser Atmosphäre anstecken ließen, einige wenige summten sogar bei seinen Liedern mit...






Thomas Bachmann: "Knastlochblues"

Aufbruch aus der Enge

Von Andreas Fritsche

Eigentlich sollte der Roman Anfang 1996 das Buchdebüt des damals 34jährigen Leipzigers Thomas Bachmann werden. Damals hatte ein Verlag die Veröffentlichung unter dem Titel "Die Geschichte des Frank Kohn" zugesagt. Aus Kostengründen zog er zurück, und das Buch fand erst jetzt in die Öffentlichkeit. Inzwischen erschienen ein Krimi und Anthologien, die der Autor für die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen herausgab. Doch Bachmanns Debüt blieb sein bisher stärkstes Buch, auch wenn es nicht als Debüt publiziert wurde. Diese Stärke gewinnt der Roman aus seiner Authenzität. Weitgehend ist der Autor selbst Frank Kohn. Ein Mann, der 1989 aus dem Norden der DDR nach Leipzig kommt und dort an den Montagsdemonstrationen teilnimmt. Fünf Jahre später findet er sich in einer Behörde wieder. Er genießt die Freiheiten eines ausreichenden Gehaltes. Aber er fühlt sich eingesperrt in den weißen Wänden seines Büros, die er auch mit einem unerlaubt angebrachten Graffiti nicht lebendig machen kann. - Was er zuvor nur ahnte, wird ihm nun klar: Daß mit der DDR Heimat zurückblieb, nach der er sich sehnt. Sein einst bürgerbewegter Amtsleiter ist ein angepaßter Schlipsträger geworden. Frank aber bricht auf aus der neu empfundenen Enge. Erfrischend und wichtig an "Knastlochblues" ist, daß es sich um eine Bilanz der Wende handelt, die den Blick nach vorn richtet.






"Ejakulata" - Literaturzeitung 2000

Stuhl im Cafe Maitre

Thomas Bachmann

Ein leises Buch! In Zeiten, wo Literatur nur noch für die MTVIVA-gestählten Clipgucker oder für "ich sitze in meinem Ohrensessel und rauche Pfeife"- Akademiker geschrieben wird, ist dieses Buch richtig wohltuend. Es passiert relativ wenig in den kurzen Geschichten des Leipzigers Th. Bachmannn, er erzählt von seinem Sohn, dem bierbäuchigen Untertanen-Nachbarn, dem russischen Tenor in der Innenstadt und anderen eher unauffälligen Figuren der heutigen Zeit. Sex and crime (bevorzugt noch der Tagesschau) und andere verkaufsfördernde Beimischungen derzeitigen Literaturschaffens finden nicht statt. Ein Buch für den deutschen Herbst, wenn die Blätter fallen und man Zeit hat, den Fernseher auszulassen. Bachmann tut das, was wir alle öfter tun sollten. Er lehnt sich zurück und resümiert über Welten außerhalb der großen Schlagzeilen. Wir hoffen, daß mehr solche Bücher auf den Markt kommen und legen dieses allen Lesern wärmstens an's Herz.






23. DEZEMBER 2004, Westfälischer Anzeiger

Neues vom Hutzelbrutzel

Thomas Bachmann, Leipziger Autor, las im Städtischen Gymnasium Bergkamen

BERGKAMEN - Es ist schon gute Tradition geworden, einmal im Jahr einen Autor an das Bergkamener Gymnasium einzuladen. In diesem Jahr stellte sich der Leipziger Schriftsteller Thomas Bachmann den Fragen der Schüler.
Bachmann ist ein vielseitiger Autor, der neben Romanen für Erwachsene auch Kinderbücher und vor allem Lyrik geschrieben hat. In einer 8. Klasse stellte er sein neuestes Buch "Hutzelbrutzel" vor, ein Buch mit Reimrätseln und Sprachspielen. Die Schüler ließen sich gerne auf diese witzigen Reimspiele ein und errieten, welchen Gegenstand Bachmann mit seinen lustigen Texten meinte. Danach las er anspruchsvolle Lyrik zur Natur und zu mitmenschlichen Beziehungen. Die Schüler konnten ihre eigenen Interpretationen mit den Gedanken des Autors vergleichen. Erfreut stellte der Autor fest, wie tief das Verständnis der jungen Leute bei seinen durchaus schwierigen Texten ging.
Den Oberstufenschülern stellte er im Anschluß daran Auszüge aus seinem Theaterstück "Mephisto" vor, in dem er eine moderne Deutung des alten Faust-Stoffes lieferte. Dieses Stück stieß bei den Schülern deshalb auf großes Interesse, weil sie gerade Goethes "Faust" besprochen hatten. Fragen zu den Unterschieden, aber auch den Parallelen zur Tragödie von Goethe beeindruckten auch den Autor, der so viel Hintergrundwissen bei seinen jungen Zuhörern nicht erwartet hatte. - lp






OTZ 23.06.2003

Thomas Bachmann neuer Stadtschreiber von Ranis

Jury wählte vielseitigen Künstler aus Leipzig

Ranis (OTZ/S.B.) Thomas Bachmann heißt der sechte Stadtschreiber von Ranis. Bürgermeister Andreas Gliesing übergab dem 42-jährigen am gestrigen Mittag die Urkunde, die dem Autoren u.a. ein 100-tägiges Wohnrecht in der Stadt versichert. Er sei literarisch kein unbeschriebenes Blatt, sagte Andreas Gliesing über den gebürtigen Erfurter Thomas Bachmann. Er lebt seit einigen Jahren als freier Schriftsteller in Leipzig und dürfte nach dem ersten Stadtschreiber York Sauerbier der mit dem kürzesten Anreiseweg sein.
Thomas Bachmann schreibt für die Wochenzeitung "Freitag", gehört zu den Mitbegründern des Leipziger Literaturkreises, hat als Sozialarbeiter gearbeitet und bereitet derzeit die Vertonung eines Textes von Gunter Preuß vor. Zu seinen bisherigen Veröffentlichungen gehören u.a. der im Untertitel als "Krimi aus Leipzig" benannte Roman "Das Dagobert-Prinzip", "Knastlochblues" und "Stuhl im Cafe Maitre", aus dem Thomas Bachmann gestern einige Ausschnitte vorstellte.
"Ich komme nicht ganz so leichtfüßig daher, wie mein Vorgänger", gab Thomas Bachmann im Hinblick auf die Lesung seines Amtsvorgängers Jochen Weeber zu bedenken. Für ihn sei jeder Text Mittel zur Kommunikation. Als Idelalzustand sieht er, "wenn im Gespräch das Gelesene zurücktritt, Autor und Zuhörer dann in Augenhöhe miteinander sprechen". Auf seine Zeit in Ranis freut er sich, die Burg hatte es ihm bereits gestern Mittag angetan: "Ich fühle mich wohl hier in der Ruhe", sagte Thomas Bachmann im OTZ-Gespräch...






Thomas Bachmann

Das Dagobertprinzip

Ein Krimi aus Leipzig

MAXIME Verlag, Gera

Gleichsam als Parabel, geformt in eine abenteuerliche Kriminalgeschichte, spiegelt der Leipziger Autor Thomas Bachmann in seinem Buch die Turbulenzen des 1990 einsetzenden Umbruchs im Osten Deutschlands und die daraus folgenden bestürzenden Befindlichkeiten vieler Menschen. Allerdings ist aus der Handlung nicht überzeugend zu entnehmen, daß Leipzig ihren Hintergrund bilden soll. Die Dialogdichte macht sie stellenweise nur schwer lesbar.
Im Mittelpunkt des aufregenden Geschehens stehen arbeitslos gewordene Facharbeiter, die sich über Nacht wertlos vorkommen müssen. Ihre hoffnungslose Situation versuchen sie auf unkonventionelle Weise mit einer gehörigen Portion Frechheit und Anarchie zu meistern. Sie folgen dabei dem Beispiel des berühmt-berüchtigten Wirtschaftserpressers Dagobert, der über viele Monate hinweg die Polizei narrte. Mit kriminellen Aktionen legen sie sich bewußt mit der gewendeten Obrigkeit an.
Natürlich geht es ihnen dabei auch um Kohle und um Spaß. Die einfallsreichen Störenfriede werden vom Autor bis zu einem bestimmten Grade sympathisch geschildert, wenn er ihre raffiniert ausgetüftelten Aktionen beschreibt. Die Handlung führt auch zur Ermittlungsarbeit der Polizei, zu zwielichtigen Straßenmusikanten in der City, die sich als Trittbrettfahrer betätigen und zu sensationslüsternen Reportern eines Boulevardblattes.
Thomas Bachmann (geboren 1961), der selbst etliche Berufe ausprobieren mußte und längere Zeit als Sozialarbeiter tätig war, kennt genau die Psyche seiner Figuren und das Milieu, in dem sie agieren. Mit Augenzwinkern und auch satirischen Hieben versteht er es, das Geschehen, das eine ganze Stadt in Aufregung und Chaos zu stürzen droht, interessant darzustellen. Der Leser kann es mit Spannung und Anteilnahme verfolgen.
-kor-

ZeitPunkt 9-97






Freie Presse 1998

Auf Suche nach Nischen

Thomas Bachmann liest im Gellertmuseum - Publikum aktiv einbezogen

HAINICHEN (uka). Sie waren gekommen, um Kurzgeschichten und Gedichten zu lauschen. Am Ende sangen sie selber - lauthals und im Kanon, keinen Gedanken daran verschwendend, ob die Tonhöhe nun stimmt oder der Text paßt. Die Gäste des Hainichener Gellertmuseums ließen sich am Freitagabend anstecken von der Atmosphäre, die Thomas Bachmann (Foto: Klaus Ebert) aus Leipzig verbreitete. Eingeteilt in drei Gruppen, verließen die Besucher den bloßen Zuhörerstatus, um selbst zu Akteuren zu werden. Kinderlieder und Gesänge über die vom Konsumbrot Dahingerafften verleiteten das Publikum genau wie die Künstler mehr als einmal zu herzhaftem Lachen. 1961 in Erfurt geboren und nach zahlreichen Zwischenspielen in seinem Leben heute als freier Schriftsteller in Leipzig lebend, kennt Bachmann nur zwei Feinde: den Informationsmüll unserer Zeit und die daraus resultierende Scheinkommunikation. Dagegen wehrt er sich - schreibend und komponierend. Seine Lieder, eine Mischung aus Jazz und Blues, beleuchten Stationen der Geschichte, beschreiben vergangene und noch existierende Ideale. Von Wolfgang Vallentin am Keyboard unterstützt, singt Thomas Bachmann von einer Gesellschaft, die den Einzelnen zu erdrücken droht und den Nischen, die sich die Menschen dann zwangsläufig suchen.
In Bachmanns Kurzgeschichten, von denen zehn in einem Faltblatt mit dem Titel "Auszug" zusammengefaßt sind, bestimmen Gerüche, Geräusche, Lärm, Chaos und Dreck das Geschehen. So beschreibt er in "Die Straßenbahnfahrt des Angestellten M." die tägliche Fahrt seiner Hauptfigur vom Büro heim zu "dieser Frau" . Die Straßenbahn "riecht nach zerquetschten Regenwürmern" und die einzigen Mitfahrer sind untersetzte, häßliche Kerle, die ein blondes Mädchen anstarren. Der Mann fühlt sich seltsam angezogen von der Frau. Am Ende verbietet er sich jeglichen Gedanken an das Mädchen und fährt heim zu "dieser Frau", denn "man soll nicht soviel denken. "Das ist nicht gut." Das Ende einer Beziehung beschreibt Bachmann in "Heimfahrt". Ein Mann und eine Frau reflektieren über ihre Vergangenheit, resümieren Gesagtes und beleuchten Zurückliegendes. Die gleichen Geschehnisse beschrieben von zwei Menschen, die alles voneinander wissen und sich trotzdem oder gerade deshalb nichts mehr zu sagen haben. Sie verlassen einander ohne Worte und "eigentlich geht jeder, wie er gekommen ist, nur ein paar Falten sind dazugekommen."






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