Schlafende Hunde – politische Lyrik in der Spaßgesellschaft


Ein Wort zuvor

Ein Wirtschaftswissenschaftler, der bis vor einiger Zeit im selben Haus wohnte und dessen Treppengespräche ich von Zeit zu Zeit genoß, sagte vor ein paar Jahren, daß ihn dies hier, dies hier in diesem Land, doch sehr an die DDR im Endstadium, wenn auch auf höherem materiellen Niveau, erinnere. Er mußte es als DDR-Professor und Osteuropaexperte wissen. Zwischenzeitlich fuhr er sogar mal einen Mercedes. Soviel zum Niveau.
Präteritum scheint allerdings tatsächlich die Zeitform zu sein, in der wir uns befinden. Die Lage jammert den Hund und spottet jeder Beschreibung. Und obwohl das so ist, rühren die Betroffen keinen Finger, weder für andere noch für sich selbst. Eine seltsame Situation, die man vielleicht Vakuum nennen könnte.
Natürlich, es ist nicht leicht, in dem Durcheinander und der Menge der täglich quellenden Nachrichten einen klaren Gedanken zu finden. Zumal einige Bereiche ausgeblendet oder allenfalls als Marginalie behandelt werden, Berichte über Demonstrationen zum Beispiel oder über unsägliche Polizei- und Gerichtspraktiken oder über Versuche in anderen Ländern, der Fixierung auf Kapital und Mehrwert eine Alternative entgegenzusetzen. Natürlich ist mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Auslaufen des Modells 68 nichts leichter geworden, schon gar nicht das Denken. Doch so langsam könnte sich die Apathie hierzuland mal wandeln, es wär an der Zeit. Schon allein, um die Herren und Damen in den Parlamenten zu überreden, endlich wieder dafür einzustehen, wofür sie gewählt worden sind. Wenn es denn noch möglich ist. Zumindest besteht hier und da schon die Ansicht, daß diese schwindsüchtige Demokratie sich nicht mehr regeneriert. Was daraus folgte, ist bekannt.
Aber zu diesem Buch. Als wir die Ausschreibung starteten, trotz inzwischen jahrelanger Erfahrung ein immer wieder wiederholtes Wagnis, runzelten sich ringsum die Brauen. Politische Lyrik, gibt’s die überhaupt noch? Von biertrinkenden Sozialbeat-Autoren mal abgesehen. Und überhaupt, das Wort allein, Politik. Hiesige Lyrik ist akademisch und wird von Germanisten produziert, die sich in kleinen, abgeschotteten Kreisen bewegen. Und: Wer soll das lesen? Oder glaubt ihr, daß ihr einen Heine oder Brecht findet? Und selbst wenn – das läse auch keiner. Nun, wir begannen allen Unkenrufen zum Trotz, und die Resonanz war erheblich. Einige Autoren faßten fast nicht, was sie im Rundbrief lasen und drückten dies in ihren Begleitschreiben auch aus. So floß das Material reichlich und, auch nicht üblich bei Anthologieprojekten, die emsigen Eitlen blieben von selbst weg. Mit solchen Gedichten läßt sich in diesem Land kein Blumentopf gewinnen, dachten sie gewiß. Nun, wir werden sehen. Das Wort Politik den Profis“ zu überlassen scheint jedenfalls ein reichlich sumpfiger Weg.
Die Autoren: Vom Liedermacher aus dem Westen, der auf Demos zu finden ist, adlige Jagdhochsitze zersägt und barfuß läuft, Sommers wie Winters, über die junge Frau aus dem Osten, die zart und leis nachdenkt, bis hin zum Großautoren und Brechtschüler mit über sechzig Büchern, entsprechenden Auszeichnungen und entsprechendem Bekanntheitsgrad, nicht zu vergessen: einen Schweizer Verleger – alles dabei. Womit auch die Gegenden genannt sind, aus denen uns Texte erreichten.
Politische Lyrik: Ist ein Problem. Die Frage, ob da nicht zuallererst Meinung steht, Meinung und Befindlichkeit, ist berechtigt. Wir stellten sie uns auch. Die Autoren belehrten uns eines Besseren. Natürlich findet sich Meinung, natürlich Befindlichkeit. Aber es findet sich vor allem Sorge und Verantwortung, vom Handwerk mal abgesehen, welches wir voraussetzen. Die Fähigkeit zum Schreiben, ausdrücken zu können, was ist, und dabei nicht im privaten Gesichtskreis zu bleiben, beim eigenen Bauchnabel, den Blick zu heben und für andere Menschen mitzusprechen, der Autor als Instanz, auch moralische, warum denn nicht?, war eine der Ãœberraschungen, die wir bei der Arbeit erlebten. Schreiben nicht als Selbstbefriedigung, nicht als Mittel, Ansehen zu erringen, etwas zu gelten, sich wichtig zu machen – es ist schön, dies feststellen zu können. Denkende Intellektuelle in diesem Land, die nicht feige sind! Und hier und da bittersüß humorvoll. Nicht witzig, humorvoll. Uns erging es also ein bißchen wie im Märchen, wir hoben den Stein von der Quelle, und sie sprudelte. Vielleicht saß da auch eine Kröte, wer weiß das schon. Das Ergebnis befindet sich zwischen diesen zwei Buchdeckeln, liegt vor, für jeden nachzulesen. Und vielleicht kommt jemand anders auch auf diese Idee. Schlecht wär es nicht.
Vielleicht kann dieses Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten, Menschen nachdenklich zu machen. Wer nachdenkt, benutzt seinen eigenen Kopf. Wer seinen eigenen Kopf benutzt, wird Dinge begreifen. Und nach dem Begreifen folgt, dieTat. Und sei sie nur die, so ein Wort wie Demokratie wieder richtig ernst zu nehmen, nicht ganz so hilflos zuzuschauen, wie in diesem Land gelogen und betrogen wird, Umgeschichtet wird von unten nach oben, Geschichte ausgehebelt wird. Vielleicht kann so ein Buch ein wenig Mut machen, immerhin ist es eine Stimme, die aus über dreißig zum Teil recht verschiedenen Stimmen besteht. Zur Arbeit: Der Leipziger Literaturkreis ist eine freie Gruppe von Autoren in wechselnder Besetzung. Mal besteht er aus zehn Personen, mal aus drei. Sämtliche Arbeit erfolgt ohne Entgeld. Dies setzt uns in die Lage, ziemlich unabhängig zu sein, unabhängig von Fördertöpfen, Vereinsmeierei, regionalen Beschränkungen, und ein Stück weit auch vom sogenannten Literarurbetrieb, der das Buch primär als Ware nimmt und in dem Autoren sich verkaufen müssen. Tintensklave und Showmaster in einem. Trotzdem sind wir froh, daß das Projekt nun zu Ende ist. Auch dieses hat wieder unzählige Stunden gekostet. Wir wünschen den „Hunden“ aufmerksame Leser und ein wenig Aufmerksamkeit überhaupt.

Nachsatz: Als es darum ging, wie man den berühmt gewordenen Nikolaikirchhof Leipzigs gestalten solle, zum Angedenken der sanften Revolution, machte einer den Vorschlag, ein Loch in den Boden zu bohren, ein Mikrofon hineinzuhängen, dieses mit dem hiesigen Radiosender zu verbinden und jedenTag eine Stunde, zu bestimmter Zeit, freizuschalten, daß jeder, der wolle, sprechen könne, im Andenken an die sanfte Revolution, und auch so. Die Oberen der Stadt fanden dies so gefährlich, daß sie es nicht einmal erwogen, in ihrer Versammlung ein Wort darüber zu verlieren. Thomas Bachmann Leipzig, Februar 2004