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Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 30. September 2022

„Ein Zitat ist immer recht billig“, sagt der Kneipenphilosoph. „Aber dieses hier hat es in sich, stammt von Tucholsky, aus dem Jahr 33. Stammt aus einem seiner Briefe, die man in ein Buch gedruckt hat: Massen und Führer – das ist immer so gewesen. Die Deutschen sind viel weniger interessant als sie glauben. Gefährlich – das ja. Aber langweilig.

Der Kneipenphilosoph lacht und setzt hinzu: „Erinnert doch ein wenig am Wilhelm Reich, nicht wahr? Die Massenpsychologie des Faschismus. Und an Klemperers LTI natürlich auch gleich noch. Tucholsky übrigens konnte den Brecht überhaupt nicht leiden. Hat ihn sogar Scharlatan genannt. Tja, die Weimarer Republik. Wenn dich heute, im Herbst 2022, vieles an sie erinnert, dann kannst du dich fragen, ob wir gerade eine Zeitreise machen. Obwohl, das mit der Programmierung von Leuten läuft heute besser, oder schneller, wie du willst. Und die Vehemenz, mit der einige ihre Programmierung als eigene Meinung, Erkenntnis gar, wiedergeben, ist schon erstaunlich. Es ist, als würden sie vor Angst jeden Zweifel, jeden eigenen Gedanken niederschreien. Wie hat es Pispers so schön gesagt: Wenn man einen Feind hat, hat der Tag Struktur.“

Ich nicke, Pispers, dieser Kabarettist, der es fertig gebracht hatte, in einer BRD, die es nicht mehr gibt, auf der Bühne eine Wahrheit nach der anderen auszusprechen, und der dabei manchmal wie ein Rumpelstielzchen herumfuhrwerkte.

„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Linken konnten sich schon immer gut zerfleischen. Manchmal ist es amüsant, zuzuschauen, manchmal bitter. Ansonsten machen die Grünen einen hervorragenden Job, das sollte man nicht verwechseln, sie tun genau das, wofür sie bezahlt werden. Und geradezu infantil ist es, von ihnen einen anderen Job zu verlangen. Wenn sie hier fertig sind, werden sie alle irgendwo im Süden ihre Memorieren schreiben, nicht in Europas Süden selbstverständlich. Aber das ist alles Tagesgeschäft; bunte Wimpel, Stöckchen für den Hund, organisiertes Gewusel. Das sind so viele Luftballons, daß man den Himmel nicht mehr sieht. Der eigentliche Grund, der Sturm, der sich über den Ballons ankündigt, der schon angefangen hat Wolken zu türmen, ist die Angst vorm Sinken des Schiffs. Tja, die Amerikaner haben den Mast beflaggt, sie wollen noch ein Stück weiterfahren, wenigstens ein Stück, so lange es irgendwie geht. Sie knurren und bellen wie ein hungriger Kettenhund an ihrer eigenen Kette. Und sie sind bereit, jedes Schiffchen in ihrem Schlepptau absaufen zu lassen.“

Dann schweigt der Kneipenphilosoph und stopft seine Pfeife, und alles, was er eben gesagt hat, ist wie eine Stadt unter dem gelbem Herbstlicht des Abschieds.

Ich stehe auf, um mich zu verabschieden, da sagt er noch: „Diese Demokratien sind faul und schwach bis ins Mark – Tucholsky, 33, solltest du mal lesen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 14. September 2022

„Es gibt viele hier, die lieber nichts wissen wollen.“ Der Kneipenphilosoph schaut mich nachdenklich an. „Sie haben zu tun, die Leute. Und sind müde. Und haben Angst. Nun, und sie haben die Hoffnung des Vogels Strauß, Kopf in den Sand und so weiter. Was nutzt auch das Wissen, wenn man nichts machen kann. Und wenn man brav ist wird´s vielleicht nicht so schlimm. Kopf einziehen und schweigen.“ Der Kneipenphilosoph lacht. Es klingt ein wenig bitter: „Tja, wer nichts weiß kann wirklich nichts machen, nicht mal rechtzeitig weglaufen. Auch dafür braucht es Mut. Aber eigentlich soll das Leben so weitergehen wie bisher, wie vor ein paar Jahren noch. Das ist die Hoffnung. Und die da oben sollen es irgendwie richten. Es ist aber auch verstörend, wenn dir alles Bekannte unterm Hintern wegbröselt. Und nirgendwo gibt es den sicheren Hafen. Und so sind inzwischen jede Menge Leute hier, die sich den aufgeklärten Monarchen wünschen, ein wenig verschämt vielleicht, aber mit steigender Vehemenz. Als ob es den je gegeben hätte. So eine Art Vater, der lobt und bestraft. Von Gottes Gnaden. Es könnte allerdings auch ein Dorfältester der Wickinger sein oder ein kriegerischer Mönch in Kutte, natürlich mit Schwert darunter. Hauptsache irgendeiner, der sagt: Da geht´s lang. So ist das mit uns, wie sortieren uns immer auf die gleiche Weise. In der Mitte der mit dem Hut und alle anderen drumherum. Angst funktioniert hervorragend. Und je weniger Wissen, desto leichter ist es damit. So konnte Corona eine Art Religion werden. Und der Klimawandel. Und der böse Russe. Ansonsten sieht es ganz so aus, als wollten die Leute lieber Untertanen als alles andere sein. Mal davon abgesehen, daß die Amerikaner ihre Felle wegschwimmen sehen und zu gerne andere für sich kämpfen lassen. Sind wie Zauberer, die Amerikaner. Bekommen es immer wieder hin, daß Vater und Sohn, Bruder und Schwester, Onkel und Tante sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

Ich nicke, der Kneipenphilosoph stopft seine Pfeife. Dann kommt die Kellnerin und bringt den bestellten Kaffee. Es nieselt, wir sitzen unter einem viereckigen, roten Schirm mit Bierwerbung an den Rändern. Der Sommer, der mit großen Schritten über die Felder schreitende Mann, hat die ersten grauen Haare im Bart.

Der Kneipenphilosoph lächelt und sagt: „Am Ende ist´s immer das Gleiche. Die jungen Hähne ziehen am liebsten in den Krieg, je dümmer desto lieber. Den Rest muß man mühevoll überreden. Aber die Sehnsucht nach einem Häuptling ist den meisten eigen. Ich habe nur Befehle befolgt – schau dir mal die alten Aufnahmen vom Nürnberger Prozeß an. Obwohl, naja, wie viele der Chargen sich nach Südamerika verdrückt haben weiß keiner so genau. Ansonsten: veritas non est in oculis aspicientis.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 5. September 2022

„Tja, wenn für mich das Bild eines Baumes realer ist als der Baum, dann habe ich ein Problem. Mal abgesehen davon, daß das Bild immer nur ein Bild sein kann, kann der lebende reale Baum, bei Sturm zum Beispiel, umfallen. Genau auf meinen Kopf. Da liege ich dann und mein Handy, zum Beispiel, mit dem Bild vom Baum, liegt neben mir. Hat Glück gehabt, ist noch ganz. Bis einer der Rettungssanitäter versehentlich drauf tritt, in der Eile. Da ist´s dann auch hinüber. Was das soll? Nun, die Realität ist zwingend. Das Bild vom Baum ist nur ein Datensatz. Kann man, wie in einem Computerspiel den Helden, wieder herstellen. Ein Baum muß wachsen. Aber es gibt Leute, die wollen uns erzählen, so ein Baum wäre auch nur ein Datensatz. So wie ein Mensch, so wie der Himmel, die See, eine Stadt. Alles nur Datensätze. Hätten sie gern. Warum? Nun ja, sie haben Angst. Vor dem Tod zum Beispiel. Sie würden gern ein Datensatz sein, den man immer wieder herstellen kann. Aber dann kommt die böse Realität, die Zeit zum Beispiel. Und die sagt einfach, daß nix für die Ewigkeit gemacht ist, außer der Ewigkeit vielleicht. Aber das ist nur ein Wort, das wir Menschen uns ausgedacht haben. Das ist so mit Worten, sie schränken ein, wenn man nicht hinter die Buchstaben schaut.“

Der Kneipenphilosoph lacht und ich denke unvermutet an Diogenes in seiner Tonne, der es laut Legende fertig brachte, Alexander den Großen zu ignorieren, Platon zu veralbern und ansonsten so frei jeglicher Konvention zu leben, daß er in aller Öffentlichkeit onanierte.

Der Kneipenphilosph schaut mir einen Augenblick zu, wie ich lache, dann sagt er: „Tja, da kommt einem der ein oder andere der Altvorderen in den Sinn.“ Ich nicke.

„Die sogenannten Transhumanisten würden gern wissen wollen, aus was Gedanken bestehen. Sie würden gern 0 und L daraus machen und das Ganze dann abspeichern. Und von Zeit zu Zeit würden sie gern den Reset-Knopf drücken. Da sind die Altvorderen mit ihren Legenden und Schriften, die sie hinterlassen haben, ganz analog, der Beweis, daß es Vergangenheit gibt und damit die Zeit, zum Beispiel. Die alles verschlingende Zeit, dieses Monster. Aber das ist so bei Narzißten. Das ist so, wenn der einzige Sinn der eigene Bauchnabel ist. Das ist so, wenn man völlig bedeutungslos ist und sich über einen Feind definieren muß. Das ist so, wenn man nichts weiter als ein Schmarotzer ist.“

Ich schaue auf die Straße und denke: Harte Worte. Mitten im Spätsommer. Mitten im Leben dieser Stadt. Mitten in dieser so zerrissenen Welt im Jahr 2022.

„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Geschichte unserer Spezies ist voll von Schmarotzern und Hochstaplern jeglicher Couleur.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. August 2022

„Also, wer der Kasper ist dürfte klar sein. Bei dieser Rolle ist fast egal, was gesagt wird. Hauptsache es ist viel und durcheinander. Und es muß sich steigern, immer verrückter werden sozusagen, dann hat der Kasper seinen Job gemacht. Das böse grüne Krokodil mit roter Zuge läßt sich auch recht einfach zuordnen. Es schnappt mit seinen Stoffzähnen nach jedem und allem – und hat den Stein der Weisen gefressen. Die Prinzessin? Kein Problem, sie muß einfach nur dumm sein, sich vor dem Spiegel drehen und ab und zu vorgefertigte Texte ablesen. Tanzen muß sie auch nicht können, sie muß eigentlich gar nichts können. Tja, und dann ist da noch der König. Der muß hinterlistig und ein wenig gruselig sein, und er muß lange Sätze sprechen können, am besten im Kreis, Kreissätze sozusagen. Und wenn alle besoffen sind hat er seinen Job gemacht. Der Rest sind Bänkelsänger, Spione, Sittenwächter, Polizisten und Sternengucker. Diese Rollen sind austauschbar, so wie die Farbe ihrer Hosen, mal sind´s rote, mal gelbe, mal schwarze. Grüne sind auch dabei. Blaue auch. Und bunte. Wenn alles funktioniert klatschen die Kinder Beifall. Die Story? Nun ja. Hauptsache, die lieben Kleinen sind beschäftigt und fürchten sich ein bißchen vorm bösen Krokodil und vorm Kasper. Ach und die Hexe noch, die hätte ich beinahe vergessen. Sie wohnt im Wald und kommt immer mal vorbei, und flüstert den Puppen einen neuen Text ins Ohr. Damit hätten wir´s.“

Der Kneipenphilosoph lacht und stopft seine Pfeife. Wir trinken Kaffee, der Sommer ist inzwischen alt geworden, Ferienzeit vorbei. Und es ist, als liege über allem ein grauer Schleier. Die bunten Kinderhorden, die Hunde, die Katzen, die Passanten, alle sehen aus, als liefen sie gebückt. Sogar die Häuser sehen aus, als stünden sie gebückt.

„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Das ist so, wenn das Puppentheater den Leuten Angst macht. Und dann darfst du den „General Winter“ nicht vergessen. Die Deutschen haben so ihre Erfahrung damit. Die Franzosen übrigens auch, wie es so ist. Naja, und die Bänkelsänger singen und singen. Aber eigentlich pfeifen sie wie der Rattenfänger von Hameln, dem die Stadtoberen den Lohn verweigerten. Der Unterschied ist nur, sie pfeifen vorher, sie haben Angst. Sie sind abhängig Beschäftigte, wie es so schön neudeutsch heißt. Aus ihrem dauernden Lügenmüssen ist inzwischen längst Wut geworden. Und da sie zu feige sind, sich im Spiegel zu betrachten, schlagen sie auf alles ein, was sie an ihre Situation erinnert. Aber mein Mitleid hält sich in Grenzen. Sie sind zu eifrig, diese gebrochenen Seelen. Und: Für manche von ihnen gibt es einen Weg zurück, für manche nicht.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 16. August 2022

„Gestern sah ich drei junge Männer mit ihren Handys neben einem Haufen Elektrorollern stehen. Einer hatte einen, die zwei anderen probierten und probierten, und nix passierte. Sie tippten und wischten und tippten und wischten, und schimpften dabei wie Waschweiber. Und gleich nebenan schloß ein Rentner, ein Graukopf, sein Fahrrad ab, stieg gemütlich auf und radelte gemütlich davon, ganz analog. Nun ja, die drei jungen Männer schauten einen Augenblick irritiert, dann schauten sie verbiestert und wischten und tippten weiter. Da waren die alte und die neue Welt mal kurz nebeneinander. Oder die Welt und die Vorstellung davon auf Handybildschirmgröße. Ansonsten steht in diesem Sommer alles auf der Stelle. So müssen sich die Leute auf der Titanic gefühlt haben. Man trinkt Sekt, die Kapelle spielt und niemand schaut in Richtung See, lieber nicht. Und ein paar Kinder spielen Fußball mit den Eisklumpen auf den Oberdeck. Was lustig ist und Väter und Mütter mehr beschäftigt als die Kinder selbst.“

Der Kneipenphilosoph schaut mich an, wir rauchen und trinken Kaffee. Und ich überlege, ob ich mir nicht auch eine Pfeife anschaffen sollte. Immerhin riecht es gut und erinnert.

Dann kommt die Kellnerin und sagt: „Macht ihr heute wieder Kabarett, ihr Zwei?“

„Wieso“, frag ich verblüfft.

„Naja“, entgegnet sie und lacht. „Du schreibst den ganzen Kram doch auf. Ist Kabarett, wenn auch manchmal etwas bitter.“

Ich schaue auf den Kneipenphilosophen, der schaut auf mich und lacht auch: „Tja, mein Lieber, nichts bleibt geheim. Wenn du nicht willst, daß jemand liest, mußt du Tagebuch schreiben.“

Die Kellnerin nickt, lächelt und geht wieder, der Kneipenphilosoph aber setzt hinzu: „Obwohl Tagebuch, das der Anne Frank ist auch nicht geheim geblieben, zum Beispiel. Oder die Briefe des Gneisenau. Hast du die mal gelesen? Befreiungskrieg, Napoleon und so weiter, sehr erhellend. Inkompetenz, Befindlichkeiten, Interessen, Egoismus, Gier, alles vertreten. Ist fast ein Wunder, daß der Franzosenkaiser bei Leipzig geschlagen wurde. Tja, und die Deutschen und die Russen kämpften zusammen. Ist Geschichte, kannst du sagen. Ist wie heute, kannst du gleichfalls sagen. Vor allem Inkompetenz und Befindlichkeiten. Was mir allerdings wirklich Sorge macht, ist die Verbiesterung der Intellektuellen hierzulande, das Vergnügen am preußischen Knüppel, um mit Heine zu sprechen. Und der mittlerweile geifernde Haß auf Rosa Luxemburgs selbst denkende Leute. Übrigens, eines der hervorstechenden Merkmale des Faschismus ist militante Intoleranz. Kannst du nachlesen, stammt nicht von mir. Und: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 5. August 2022

„Dein Beitrag zum Geschwätz sagst du?“ Der Kneipenphilosoph lacht schallend. Dann setzt er hinzu: „Es ist ein anstrengender Job, gewiß. Mit dem Fernglas den eigenen Bauchnabel anstarren. Und es ist ein anstrengender Job, sich selbst nicht leiden zu können. Sei beruhigt, ohne Fragen keine Erkenntnis, ohne Erkenntnis kein Handeln. Jede Amöbe reagiert auf einen äußeren Reiz, das ist kein Handeln. Das ist nur Reaktion. Handeln setzt ein Ziel voraus, und dazu muß man erst mal eines haben. Tja, und wie läßt sich besser eines finden, als durch Fragen. Also frag ruhig. Übrigens ist der Vorwurf des Geschwätzes eines der beliebtesten Totschlagargumente, wie man so schön neudeutsch sagt. Man darf allerdings den Zweck nicht aus den Augen verlieren, die besetzen Ohren, die besetzten Gehirne. Die Bildzeitung zum Beispiel, schau sie dir an, die macht das hervorragend. Die haben keine Fragen, nur Meinungen. Da sitzen schlaue Leute, die Trudchen und Erna bei Bäcker zuhören und am Vergnügen des Schwatzens andocken. Tja, und von dort aus ist es nicht weit zum Voyeurismus. Und von dort aus nicht weit zum Feind. Das ist der Ansatz, damit bekommt man es hin, daß sogar Massen, die Mehrheit dieses Landes zum Beispiel, gegen die eigenen Interessen handelt. Und am Ende lassen sich die Leute sogar in den Schützengraben schicken. Natürlich zu einem höheren Zweck. Wie hieß es doch neulich so schön? Frieren für den Frieden, ehrlich, da kannst du die Massenprogrammierung anschauen, ganz ähnlich wie Corona. Victor Klemperer, Lingua Tertii Imperii, da kannst du nachlesen, wie das funktioniert. Nun ja, und die Feigheit der Intellektuellen hierzulande, die immer noch glauben, zu viel zu verlieren zu haben, und die es gut hinbekommen, sich selbst anzulügen. Sie unterwerfen sich, sie sind wie Kinder, die hoffen, daß es mit ein paar Ohrfeigen getan sein wird. Wird es aber nicht.“

Ich rauche und starre auf meine Kaffeetasse. Er hat mich erwischt, der Kneipenphilosoph. Und die Sonne scheint dazu, und auf der Straße rumpelt eine Straßenbahn, und der Himmel hat weiße Wattewölkchen.

„Ja“, sagt der große bärtige Mann und raucht seine Pfeife. „Sie schleichen in unserer Gehirne, hinten rum, und vorne rum erschlagen sie uns mit bunten Bildern und Nachrichten und Meinungen. Und wenn das nicht so recht funktionieren will, holen sie den Knüppel aus dem Sack und zeigen ihn uns. Und schlagen probehalber schon mal den ein oder anderen Kopf ein, zu Erziehungszwecken. Die Demokratie, mein Freund, zerbröselt gerade wie ein halb gebackener Biodinkel-Keks.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. Juli 2022

„Aber er hat ja gar nichts an“, der Kneipenphilosoph lächelt. „Ich frage mich, wann hier das Kind kommt und den Kaiser so sieht, wie er ist. Obwohl, wer den im Augenblick darstellt ist ja nicht so richtig klar. Als es die Kaiserin noch gab, war zumindest das kein Problem. Aber nehmen wir mal den Lauterbach. Der Name ist Programm, er ist ein lauter Bach, geschwätzig und ohne jeden Tiefgang. Kann ein Bach auch nicht haben, will ja später erst ein Fluß werden. Ein Bächlein ist hübsch, aber niemand nimmt es ernst, eigentlich. Allerdings, wer den Fluß nie gesehen hat hält den Bach für ein bedeutendes Gewässer. Das ist ein Problem, und ein Problem ist mehr als ein Umstand.“
Der Kneipenphilosoph lächelt wieder und pafft blaue Wölkchen aus seiner Pfeife. Es ist Sommer, die Stadt stöhnt unter der Hitze, in den Straßen steht die Luft wie in einem Backofen ohne Gebläse. Und die bunten Kinderhorden sind samt Eltern in die Ferien gefahren.
„Der Lauterbach ist ein Synonym. Er ist wie der einzige Großinquisitor, den es in hiesigen Landen je gegeben hat. Ist übrigens eine lustige Geschichte. Die Inquisition in Deutschland dauerte genau so lange, wie dieser Mann lebte. Da waren die Spanier eifriger. Wußtest du, daß die Inquisition erst in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts abgeschafft wurde? Mancher Unfug ist überaus zäh. Das liegt daran, daß er sich gut gebrauchen läßt. Krieg ist sowas. Wenn es innen nicht mehr rund läuft ist ein äußerer Feind geradezu ideal. Ein Universalschuldiger ist wie ein Geschenk des Himmels, und wenn keiner da ist, wird einer erfunden. Die Geschichte kennt tausend Beispiele. Man kann mit dem Finger immer in eine Richtung zeigen, herrlich. Und es ist völlig egal, was Ursache und was Wirkung ist. Und Kausalität ist nur noch ein Wort im Duden. Naja, das Volk muß halt programmiert werden, nennt man heutzutage Framing. Ein Rahmen fürs Denken. Ist wie der Rand eines Sandkastens, drinnen die zu Erziehenden, draußen die Erzieher. Und lauter eifrige, gut programmierte Menschen spielen den Wachhund an der Kette. Und bei jedem Bellen klirrt es wie die hölderlinschen Fahnen.“
Ich nicke und denke an die klirrenden Fahnen, die Zäsur in der Literatur. Immer hat es solche Texte gegeben. Immer, wenn in der Zeit ein Riß entstand, sozusagen.
„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Ameisen sind schlauer als wir. Die wissen, daß sie zusammenhalten müssen, wenn es ums Überleben geht.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 14. Juli 2022

„Hurrah, wir saufen ab“, der Kneipenphilosoph lacht, daß es über die Straße schallt. Ein paar Frauen drehen ängstlich die Köpfe, ein paar junge Männer schauen finster. Die Straße liegt unter der Sommersonne, es ist Nachmittag, es fahren weniger Autos als sonst. Und wir haben uns eine Weile nicht gesehen.

Der Kneipenphilosoph schaut mich an und sagt: „Denkzeiten und Denkpausen. Und manchmal hüpfen die Gedanken ein wenig hin und her, und die Erkenntnisse hüpfen mit. Naja, und der Hang zum Masochismus. Hat was mit der Dreistigkeit eines Kindes zu tun. Wie lange kann ich den Hund quälen, bis er endlich beißt. Hast du übrigens mal den Fühmann gelesen? Da gibt es eine schöne Frage: Sind die Widersprüche in der Realität oder entstehen sie durch die Abbildung der Realität? Könnte von heute sein, ist von 1980. Also, wir haben Sommerloch. Und alle fühlen sich wie in den letzten Tagen. Die einen feiern, was sie nur können, die anderen stapeln Vorräte. So kriegt man die Freiheit in die Kammer, da kann sie dann hängen wie eine Dauerwurst und warten.“

Ich muß lachen, die Freiheit als Dauerwurst. Dann kommt die Kellnerin und bringt Kaffee. Wir rauchen.

„Es gibt jede Menge Leute, die sich so ihre Gedanken machen“, sagt der Kneipenphilosop. „Aber die meisten davon verstehen nicht, daß das Auflisten irgendwelcher Dinge keinen Sinn macht. Sie tun so, als müßten sie sich auf eine Gerichtsverhandlung vorbereiten. Das ist Käse. Das Verzetteln in Details, das hastige, eifrige Aufzählen ist Käse. Als brauchten sie dauernd eine Rechtfertigung, als gäbe es eine Instanz. Sind wie Kinder, die zudem noch petzen. Tja, wo eigentlich? Am Ende ist´s nur Angst, die Konsequenz schreckt. Und die ist ganz einfach: Dieses Gesellschaftssystem ist nicht in der Lage, die Probleme der Spezies Mensch zu lösen. Das Ende der Geschichte ist eben nicht erreicht. Möchte übrigens jeder Fürst, das Ende der Geschichte sein. Und dann gibt es noch die, die Hopfen und Malz für verloren halten und auswandern. Sind viele, schreibt keine Zeitung was davon. Und viele warten auf den richtigen Augenblick und hoffen, daß sie nicht zu spät sind. Waren schon einige Leute in der Geschichte zu spät. Und spätestens jetzt solltest du dir überlegen, was von unserem Gespräch du aufschreibst.

Ich nicke und denke an Heinrich Heine. Ja, was schreibe ich auf und was bleibt besser ungesagt.

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 23. Juni 2022

„Laß uns über´s Leben reden“. Der Kneipenphilosoph lacht, dann schmunzelt er vor sich hin und schweigt. Eine kleine Weile.
„Tja“, sagt er und schaut mich an. „Es gibt viele Leute, die wollen viel und können wenig. Ist der Normalzustand, sozusagen. Künstler zum Beispiel, oder Politiker. Und weil das so ist haben sie andauernd Angst, ertappt zu werden. Sie huschen aufgeregt hin und her und plappern, was das Zeug hält. Aber sie haben etwas entdeckt. Man könnte sagen: Unter den Blinden ist der Scheeläugige König. Also verwenden sie viel Energie darauf, das Niveau zu senken. Es funktioniert hervorragend. Nun, und von dort aus ist es nicht weit zur Meinung, und von der Meinung nicht weit zur Realitätsverweigerung. Und damit lassen sich wunderbar Feinde herstellen. Kannst du dir jeden Tag anschauen.“
Der Kneipenphilosoph stopft seine neue Pfeife und entzündet sie. Dann kommt die Kellnerin, wieder eine andere Studentin, und bringt den bestellten Kaffee. Der Himmel ist klar und hoch, die Stadt brummt gemütlich vor sich hin.
„Harmonie und Schönheit“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Natur, der Goldene Schnitt, der Klang. Meinetwegen auch der Sonnenuntergang an der See. Das technisierte Zeitalter macht alles viereckig, das Dezimalsystem macht alles viereckig. Und der Mond über einer Nächtens voll erleuchteten Stadt ist nicht mehr als eine blasse Lampe. Wir asphaltieren auch Feldwege, wir haben eine Vorstellung von Ordnung, sie ist viereckig. Tja, inzwischen haben die meisten von uns Angst vor der Natur. Wenn es nachts richtig dunkel ist, im Wald zum Beispiel, kriegt ein gutes Drittel einen Herzinfarkt. Und wenn es dann noch knackt im Unterholz, dann sind es zwei Drittel. Nur, wenn man die Leute von der Physik entfernt, sozusagen, kann man als Künstler oder Politiker der Scheeläugige und damit König sein. Wenn man die Natur als Lehrmeisterin ausblendet. Schau die neuen Häuser an, die in den letzten vierzig Jahren gebauten; Beton, Stahl und Glas. Alles hart, spitz und viereckig. Oder die mit dem Computer entworfenen Autos. Hüllen, keine Idee. Fassaden, kein Inhalt. Es gibt inzwischen Physiker, die glauben, daß es Materie überhaupt nicht gibt, alles nur Energiezustände. Die sitzen in klimatisierten Neonlichtkästen ohne Fenster. So wie Leute, die sich hinter ihren Computern verkriechen und in einer virtuellen Stadt Bürgermeister oder Bankräuber spielen.“
Dann lacht der Kneipenphilosoph, stopft seine Pfeife neu und sagt: „Aber weißt du was, laß sie. Der Natur ist das Individuum egal, die Natur interessiert sich nur für die Art. Ich denke, ein paar werden übrig bleiben. Und Schwätzer werden kaum darunter sein.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 10. Juni 2022

„Schein und Sein, Physik und Wunsch­ ­— oder die Reise. Wenn du dich ins Flugzeug setzt, ist´s wie eine Blase. Wenn das Ding landet, wirst du irgendwo ausgespuckt. Tja, die Indianer sagen, so schnell kommt die Seele nicht hinterher. Kann also sein, daß hier mittlerweile ein Haufen Leute ohne herumläuft. Weiß keiner so genau. Und ein Haufen Seelen hat keinen Besitzer mehr. Obwohl, Besitzer ist nicht das richtige Wort, zu Hause ist besser. Stell dir vor, da schwirren jede Menge Seelen herum und wissen nicht, wohin.“
Der Kneipenphilosoph zückt eine Pfeife. Das ist neu. Er lacht, stopft sie gemütlich und sagt: „In jedem Klischee steckt das Korn Wahrheit. Kommt drauf an, wie man damit umgeht.“ Er entzündet ein Streichholz, auch das ist neu, und dann raucht er genüßlich. Es riecht würzig und ein paar Passanten drehen die Köpfe. Da sitzt ein großer, graubärtiger Mann und raucht Pfeife. Fast könnte man ihn für Rübezahl halten oder einen Fischer mit Blick auf die See, Blick in die Ferne.
„Es gibt eine Sorte Leute, die sind schon nicht mehr auf diesem Planeten. Und überall gibt es die gleichen Hotels für sie, die gleichen Kneipen, die gleichen Getränke, die gleiche Sprache. Die sagen, sie wären überall zu Hause. Aber ich denke, die haben gar keines mehr, oder sie wollen keines mehr haben. Sie haben einen Mangel einfach umgedreht und verachten jeden, der an der Scholle klebt. Was sollen sie auch machen? Der Neid würde sie ja glatt zerfressen. Das ist so, wenn man überall und nirgendwo ist. Das ist so, wenn man keine Heimat mehr hat. Tja, und so schweben sie immer einen halben Meter über dem Boden. Und wenn jemand das Wort „zu Hause“ sagt, werden sie wütend. Eine Muttersprache haben sie übrigens auch nicht mehr, und eine Vergangenheit so wie so nicht. Das sind Leute, die denken, sie können ihr Ich auf einer Festplatte speichern und so dem Gevatter ein Schnippchen schlagen. Eigentlich sind´s schon Aliens, man sollte sie zum Mars schicken, für den Anfang jedenfalls.“
Der Kneipenphilosoph lacht: „Zu viel geschimpft? Zu viel Wahrheit? Das ist so eine Sache mit der Wahrheit, die Leute verwechseln das andauernd. Eine Meinung ist eine Meinung, und nichts weiter. Eine Ansicht eine Ansicht. Und das immer nur auf Zeit. Die Wahrheit schert sich nicht drum, die objektive Realität. Die Philosophen kauen schon seit Äonen daran herum. Und können sich auch nur auf die Reise begeben, wie alle. Aber das ist etwas anderes, als ein Flugzeug. Sie führt wohin, nicht weg. Das ist ein großer Unterschied.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 27. Mai 2022

„Innere Immigration“, sagt der Kneipenphilosoph. „Das war mal ein Schlagwort. Das Schweigen, das Kopfeinziehen, das Überleben, wenn man so will. Oder die Maske vor dem Gesicht. Mit der Zeit wächst sie an, sozusagen. Man bekommt sie nicht mehr herunter. Aber innere Immigration ist mehr als eine Maske außen herum. Schau es dir an, das Volk schweigt. Und wundert sich vielleicht noch, was so ein paar Schreihälse anrichten können. Und sie schreien von morgens bis abends, immer im Kreis herum. Haben gelernt, daß man nur laut genug sein muß. Sind wie ein heranrauschender Güterzug, der alle anderen Geräusche schluckt. Ist fast so, als ob sie nicht mehr da wären, die anderen Geräusche. Aber wie es so ist, der Zug rauscht vorbei. Tja, und dann haben sie gelernt, gleich den nächsten hinterher zu schicken. Und immer so weiter. Des Volkes Mund sagt dazu: eine Sau durchs Dorf treiben. Hat also Methode, man soll die eigenen Gedanken nicht mehr hören. Und es ist ziemlich egal, was der Zug geladen hat; Corona, Krieg, Klimawandel, Gender – such dir was aus. Hauptsache es klappert.“
Der Kneipenphilosoph schaut mich an, dann trinkt er von seinem Kaffee, und dann setzt er hinzu: „Ist wie Zahnschmerzen.“
„Hm“, sage ich. „Gibt es alles, Corona, Krieg, Klimawandel, Gender.“
„Sicher“, entgegnet er und lacht. „Nur ist die Frage: was soll das eigentlich? Was sollte das brennende Rom, was sollte der dreißigjährige Krieg, was die Erstürmung Trojas? Homers Ilias oder das alte Testament, die fünf Bücher Mose, lies mal. Oder Morus, Utopia. Da steht alles da. Dazu noch den Simplizissimus und Tacitus, und am Ende Hegel und Feuerbach. Die klassische deutsch Philosophie, sagt man dazu. Und dann schau dir das hier an, im Jahr 2022. Na ja, und die Griechen, und Dante, und Heine und wie sie alle heißen, die Altvorderen.“
„Wer hat so viel Zeit?“, sage ich.
„Genau“, entgegnet der Kneipenphilosoph. „Wer damit zu tun hat, aufs neue Autochen zu sparen, hat keine. Und wer damit zu tun hat, überhaupt genug für den Kühlschrank heran zu schaffen, hat auch keine. Aber sei gewiß, die da immer im Kreis schreien sind Leute, denen die Anzüge zu groß sind, in denen sie stecken. Das Volk erträgt sie nur, das ist alles.“
Ich blicke mich um, heute ist der Himmel bedeckt. Dann schaue ich wieder auf das bärtige Gesicht des Kneipenphilosophen. Er sitzt und schweigt, die Geräusche der Stadt drängen sich nach vorn.
Doch dann sagt er doch noch etwas: „Tja, mein Lieber, wie immer. Alles, was entsteht, ist Wert, daß es zugrunde geht.

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 10. Mai 2022

„Der kategorische Imperativ – manche halten es eben mit Kant.“ Der Kneipenphilosoph zieht an seiner Zigarette und macht eine kleine blaue Wolke. „Ist bequem“, sagt er weiter. „So eine Instanz. Man muß sich nur zu ihr verhalten. Spart Energie, man muß nicht selber denken. Ist wie ein Hauptmann im Schützengraben, Befehl und Gehorsam. Die Leute schreien geradezu nach Befehlen. Wir sind aber auch eine seltsame Spezies.“
Ich nicke und überlege. Wie war das noch mit dem kategorischen Imperativ? Handle nur so, daß dein Handeln allgemeines Gesetz sein kann. Oder werden kann.
Der Kneipenphilosoph lacht: „Na, erinnerst du dich? Ich nicke.
„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „So ist das mit Kategorien. Auf dem Papier stehen sie schön gerade da. Und weit ist es hier auch nicht, zu Nietzsches Zarathustra. Interessiert aber die Realität herzlich wenig. Wenn sich damit nicht Massen von Leuten programmieren lassen würden, wäre es pipegal. Aber es lassen sich wunderbare Moralkeulen daraus herstellen. Du mußt dir nur Corona anschauen. Oder unsere Kriegspropaganda. Gedanken sind halt Werkzeuge, kann man in Köpfen damit herum schrauben. Und für die Kinder im Sandkasten kann man daraus den guten und den bösen Engel machen. Die Linken zum Beispiel, schau sie dir an. Sie tragen den kategorischen Imperativ wie eine Monstranz vor sich her. Man könnte einen Lachkrampf nach dem anderen kriegen. Fehlt nur noch, daß sie wieder anfangen wollen, Hexen zu verbrennen.“
„Merken die nicht“, sage ich.
„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Sie merken nicht, daß sie sich wie mittelalterliche Inquisitoren aufführen. Aber was solls, immer wieder wächst das Gras, wild, und hoch und grün. Wenn du zu vergessen drohst, wer du bist, hör die Gundermann an. Tut vielleicht weh, heilt aber.“
„War keine Instanz“, sage ich. „War ein Bruder.“
„Genau“, entgegnet der Kneipenphilosoph. „Und mehr braucht es auch nicht.“
Ich schaue in den Himmel. Hoch und blau ist er. Kein Flugzeuggestrichel heute, nur hier und da Wattewölkchen. Oben der Himmel und unten die Stadt. Unten wir. Eine Kinderfrage fällt mir ein: Was ist der schnellste Flug? Nein, denke ich. Wir brauchen kein Konstrukt eines Menschen. Wir brauchen nur Menschen.
„So ist es“, sagt der Kneipenphilosoph. Und wieder mal ist es mir unheimlich, daß er anscheinend tatsächlich Gedanken lesen kann, zumindest meine.

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 28. April 2022

„Credo, quia absurdum. Ich glaube, obwohl es widersinnig ist“, der Kneipenphilosoph lacht. Dann sagt er: „Stammt nicht von mir. Geht zurück auf die Zeit, als ein Eulenspiegel sein Wesen trieb, Mittelalter also. Als in manchen Städten so viele Mönche herumliefen, daß es fast ein Viertel ausmachte. Und die soffen und hurten, daß es quietschte. Und der Papst verkaufte Ablaßbriefe. Tja, und dann kam der Luther.“
„Naja“, sage ich. „Ist lange her.“
„Ja“, entgegnet er und nickt. „Aber wenn du dich umschaust, Corona zum Beispiel, oder wie sie alle über einen Atomkrieg herum schwadronieren, dann ist’s genau jetzt. Die haben alle nur noch ein Kurzzeitgedächtnis. Da ist der Blick in die Vergangenheit mit Brettern vernagelt. Anscheinend sind wir inzwischen so eine Art Eintagsfliegen geworden, Horizont ein Tag. Oder denkst du, daß irgendeine Art von Herrschaft selbst denkende Leute mag? Kann man schlecht in den Schützengraben schicken, selbst denkende Leute. Treffen vielleicht die Entscheidung, daß es nicht ihr Schützengraben ist.“
Der Kneipenphilosoph raucht, wir sitzen unter der Frühlingssonne, es ist wärmer geworden. Dann kommt die Kellnerin und bringt den bestellten Kaffee. Diesmal ist es eine andere Studentin, sie lacht nicht, sie zieht ein mürrisches Gesicht. Aber in der Straße laufen die Leute mit offenen Jacken herum, und hier und da sieht man sogar schon ein Sommerkleid.
„Mit der Vergangenheit ist das so eine Sache“, sagt der Kneipenphilosoph. „Wenn man so gar nichts von ihr weiß ist es mit dem Verstehen dessen, was ist, ziemlich lausig. Und der Blick auch nur ein paar Tage voraus bleibt im Nebel stecken. Aber wie heißt es so schön: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht. Wenn du so willst, kannst du hier der spätrömischen Dekadenz zuschauen, nur daß Rom diesmal Wertewesten heißt. Wir gehen unter, mein Freund. Und kein Panzer, kein Flugzeugträger, keine Rakete wird etwas daran ändern. Wir sind einfach dran. Sind alle untergegangen, die Weltreiche. Die Mongolen, die Osmanen, die Römer, die Briten. Und alle taten sie so, als würde mit ihnen die Welt untergehen. Ist sie aber nicht. Nur, wenn wir tatsächlich Atombomben schmeißen, ist Schluß. Zumindest für die Spezies Mensch. Ratten und Kakerlaken überleben, heißt es.“
Ich schaue in die Straße, die Sonne scheint. Straßenbahnen rumpeln, Autos fahren, Mütter schieben Kinderwagen, Schulkinder in bunten Klamotten bilden fröhliche Trauben, Obstverkäufer sortieren Tomaten. Und ich stelle mir vor, wie jemand auf all das eine Bombe schmeißt.
„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Kaum zu glauben, was?“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 15. April 2022

„Die Linken? Wirklich?“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an, als wäre ich ein grünes Männlein mit drei Augen und Antennen als Ohren. Wir sitzen in seinem kleinen Café, der Himmel ist bedeckt. Aber es ist wärmer geworden und die Bäume machen endlich Frühling. Dann kommt die Kellnerin und bringt Kaffee.
„Die Linken“, der Kneipenphilosoph schüttelt den Kopf. „Das ist eine Frage fürs Tagesgeschäft. Das ist ein bunter Wimpel, ein Stöckchen zum reinbeißen. Du könntest genau so nach den Grünen fragen oder den Gelben, oder dem Kasper im Theater. Hinter den Farben ist die Realität. Unter den Farben ist der Schimmel.“
Und nach einer kleinen Pause setzt er hinzu: „Haben alle den Hang zur Religion, wenn man so will. Teilen alle gern die Welt in Freund und Feind. Denkt sich einfacher. Und rennen sich alle Beulen an die Köpfe. Die böse Welt ist anders, die Realität fragt nicht nach Wünschen. Von denen mal abgesehen, denen das alles sowieso egal ist, die ihr Pöstchen interessiert und sonst nichts. Insofern sind die mit einer Überzeugung sozusagen halb echt. Politik ist ein Geschäft, nichts weiter, ein Geschäft und Beschäftigung. Und komm mir nicht mit Recht, und Moral, und Anstand. Es gibt nur Interessen, das ist alles. Politik ist eine Bühne und das Volk schaut zu, manchmal vergnügt, meistens mit Wut im Bauch.“
Ich sitze und trinke meinen Kaffee. Der Kneipenphilosoph raucht und trinkt auch. Dann kommt die Kellnerin, eine junge, schlanke Frau, fast noch ein Mädchen. Vermutlich Studentin. Sie schaut auf uns, wie wir da sitzen und lächelt. Dann fragt sie: „Nochmal Kaffee?“
„Ja“, sag ich. „Kaffee und ein bißchen Sonne.“
Sie lacht und geht, und der Kneipenphilosoph schaut mich an und sagt langsam: „Wenn du all die bunten Luftballons wegläßt, all die Ideologien und Meinungen, all die gespielte Wut und den Neid und die Angst, was bleibt dann übrig?“
„Vermutlich so eine Art Urmensch“, sage ich.
„Genau“, entgegnet er und lacht. „Und nun stelle dir einen Urmenschen bei den Linken oder den Grünen oder den Schwarzen vor. Einen mit Bärenfellen um den Bauch, und mit Keule in der Hand.“
„Schätze, der würde draufhauen oder wegrennen“, sage ich.
„Genau“, sagt der Kneipenphilosoph. „Genau das ist es.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 7. April 2022

„Kopfschütteln, Kopfschütteln, Kopfschütteln. So, wie ein Wackeldackel hinten im Auto bei jedem Schlagloch nickt, so kann ich nur noch den Kopf schütteln, mein Freund. Und wo ich anfangen soll, weiß ich auch nicht.“
Der Kneipenphilosoph sitzt unter der Frühlingssonne und starrt in seinen Kaffee. Dann fingert er umständlich eine Zigarette hervor, so, als gäbe das die Zeit für einen Gedanken. Und dann schaut er mich einen Augenblick lang an, als wäre ich ein Fremder. Bin ich ein Fremder?
Der Kneipenphilosoph nickt und lächelt: „Die Leute haben sich sortiert, immerhin, das kann man sagen. Und sehen kann man es auch. Man kann es nicht übersehen, tja. Ist selten, daß jeder seine Fahne im Gesicht trägt. Jedenfalls lügen die Zeitungen recht gekonnt, auch das kann man sagen. Sie haben es mittlerweile gut gelernt, besser jedenfalls, als vor ein paar Jahren noch. Jedenfalls laufen recht viele programmierte Leute herum, und einige davon sind wütend, abgesehen von denen, die nur Angst haben. Die Wütenden wissen, daß sie programmiert sind. Ist aber auch schwierig, wenn man weiß, daß man verkehrt herum läuft, rückwärts sozusagen. Verrenkt den Hals, und verrenkte Hälse ergeben verrenkte Gedanken. Da ist es gut, wenn man sich einen Feind suchen kann. Naja, und das machen sie dann auch.“
Der Kneipenphilosoph entzündet seine Zigarette und schaut auf die Straße. Das kleine Café liegt an einer mit Autos und Straßenbahnen und Müttern mit Kinderwagen und Omis mit Dackeln.
„Sieht alles noch ganz normal aus“, sagt er. „Bis auf die Fahnen in den Gesichtern. Haben sich dran gewöhnt, die Leute. Ist schon seltsam, das alles.“
Ich nicke und rauche auch. Wir haben uns lange nicht gesehen. Und ich bin froh, daß der Kneipenphilosoph noch der Kneipenphilosoph ist. Er sitzt da, als hätte es die letzten zwei Jahre nicht gegeben.
Und dann sagt er, als hätte er meine Gedanken erraten: „Tja, die Reste der alten Welt. Genießen wir jeden Tag, an dem es sie noch gibt.“