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Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 27. Mai 2024

„Die Welt in der Welt in der Welt. Die Schachtel in der Schachtel in der Schachtel. Das Bild im Spiegel im Spiegel im Spiegel.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Immerhin, so kann man sich den Urknall vorstellen, oder den göttlichen Schöpfungsakt. Heißt, unsere Wahrnehmung ist begrenzt, ist auf den Planeten bezogen, praktisch. Ein Hund hört bis zu 40000 Hertz, wir hören nicht mal die Hälfte. Wir sehen vom Licht nur einen kleinen Teil, Ultraviolett und Ultrarot liegen außerhalb, tja, und was hinter dem Horizont liegt können wir nur wissen, wenn wir hingehen und nachschauen. Was ein Problem darstellt, dieser blöde Horizont, wir können ihn nicht erreichen, wir gehen, er geht mit. Kann schon sein, daß ein Gutteil unserer Neugier genau darin besteht. Der Kreis als Symbol der Unendlichkeit hat es in sich, nun, und die Kugel ist eine unendlichen Anzahl von Kreisen. Man könnte sagen, wie haben die Unendlichkeit genau vor der Nase. Da liegt es natürlich nahe, sich für den Nabel der Welt zu halten, immerhin, man kann sich ja als Anfang betrachten, nicht wahr? Und als Ende, selbstverständlich. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, jedem Ende ein Tod. Aber der Kreis, nicht? Er verführt: In jedem Ende steckt ein Anfang. Da ist er, der Ausweg. Man könnte sagen, unsere ganze Philosophie basiert auf der Kugelform der Erde. Die Philosophie und die Religion, obwohl, so genau kann man das ja nicht trennen. Das Problem ist, es wächst eine ungeheure Anmaßung daraus. Mach dir die Erde Untertan heißt so: mach dir die Unendlichkeit Untertan; du Nabel aller Welten, du egozentrierte Spezies, du Herrenmensch. Ist schwierig, sich als Teil von etwas zu betrachten, so als Abbild eines Schöpfers. Insofern hat uns die christliche Religion einen Bärendienst erwiesen, wir waren nie bereit für einen Jesus von Nazareth. Und die paar Urchristen, die Kommune wurde spätestens seit Konstantin verraten. Aber was macht man damit? Heute, im Jahr 2024. Wenn unser ganzes Dasein aus einem Irrtum und Anmaßung besteht, und der Angst vor dem Ende? Ist schon blöd, wenn einer sein Leben damit verbracht hat, Geld übereinander zu stapeln und nichts mitnehmen kann, zum Beispiel. Als Außerirdischer würde ich Tränen lachen, als irdischer Milliardär würde ich meine Endlichkeit verfluchen.“ Der Kneipenphilosoph schweigt und stopft seine Pfeife. Die Kellnerin bringt Kaffee, der Nachmittag hat Sonne und Wind, wir sitzen draußen, Frühsommer. „Tja, mein Lieber. Alles, was wir haben und benutzen ist geborgt, ja, Binsenweisheit. Aber am Ende sind wir auch nur geborgt. Was zu dem Gedanken führt, daß niemand von uns etwas wirklich besitzen kann, kein Land, keinen Goldklumpen, keine Macht, die eigentlich immer nur physische Gewalt ist, am Schluß. Woraus folgt, daß wir nicht mal etwas auf eine abgemessene Zeit besitzen können, wir können nur so tun als ob. So wie Kinder imaginäre Suppe kochen, am Plastik-Herdchen, so wie man Luftgitarre spielt. Und damit steht das ganze Konstrukt ziemlich nackt da, samt unserer Geschichte. Schätze, wir sind reichlich lächerlich, so als Spezies. Womit wir zum „Gedächtnis der Menschheit“ kommen; die Könige und Feldherren, die Helden und Erfinder, die Poeten, die Maler, und immer so weiter. Licht und Schatten, und Selbstbespiegelung. Und nur wenige, die tatsächlich über sich selbst hinaus reichen. Allerdings, mit Abstand die Krönung des Ganzen ist der Krieg, der immer und immer ums Haben geht und am Ende ein paar Leuten ihr Sein beschert. Der Rest liegt im Grab oder läuft als Krüppel herum, außen und innen – unser unendliches Bild in zwei Siegeln. Wir sind Neandertaler mit Atomwaffen als Keulen, obwohl, die waren friedlicher. Und: die lebten noch auf Mutter Erde. Und waren ihre Kinder, wie alle anderen auch. Und Vater Himmel sang mit Stürmen und Sternen sein Lied dazu. Tja, das Gedächtnis der Menschheit, es hat Löcher wie ein Käse, oder Demenz, ganz wie du willst.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 14. Mai 2024

Eine dicke Frühlings-Hummel hat sich verirrt und brummt durch das an diesem Vormittag fast leere Café. Bei der leise vor sich hin dudelnden Musik wirkt ihr Brummen wie ein Störgeräusch. „Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Natur in der Stadt, Hasen zwischen den Häusern, Füchse des Nachts und Turmfalken hier und da. Wird wohl nicht mehr lange dauern, dann wissen die Wölfe auch nicht mehr, wohin. In Berlin zum Beispiel haben sie schon seit Jahren eine Windschweinplage. Schön effizient sind wir, da bleibt für irgendwelche Tier nicht viel übrig. Und gleichzeitig lamentieren wir, Artensterben und so weiter, als gäbe es sozusagen zwei Planeten nebeneinander. Die geradezu wütenden Rasenmäher zum Beispiel, jedes Frühjahr neu. Sobald die Wiesen in den Innenhöfen es wagen zu wachsen, ziehen sie los und nennen es Ordnung machen. Wir sind wahrlich ein seltsamer Haufen, so als Spezies. Wir holzen Urwälder ab, im Süden irgendwo, weit weg von Europa, jede Minute ein paar Fußballfelder, und wissen, daß das nicht gut sein kann. Und Europa „schimpft“ deswegen, diese unverschämte Gier, dieser unverschämte Geschäftsinn – und kauft das gute, edle Holz. Und es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir die Wale fast ausgerottet, die Büffel in Amerika, und immer so weiter. Man könnte fragen, was ist los mit uns, sind wir wirklich so dämlich?“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Wie hat es der Herr Marx so schön geschrieben: Nach uns die Sintflut ist der Wahlspruch jedes Kapitalisten – und damit hast du es auch schon. Wenn dir jetzt Brechts Pappel vom Karlsplatz einfällt hast du sozusagen die andere Seite. All das Lamentieren ist also nichts weiter als das. Man könnte sagen, es ist der Tanz um den blinden Fleck. Heißt, wir müssen uns erst einmal zugeben, daß es so ist, so als Ausgangspunkt. In der Technik würde man das das Feststellen des Ist-Zustandes nennen. Ohne dieses gibt es keine Problemlösung. Du kannst dich gern in das kaputte Auto setzen und wünschen, nur zu. Im Märchen funktioniert das vielleicht, in der Phantasie funktioniert so einiges, nicht wahr? Das Auto allerdings wird dastehen, grinsen und sagen: Du mußt schon nachschauen, den Fehler finden, tja, und dann mußt du Hand anlegen. Sonst stehe ich hier bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Zugegeben, bei einem Auto ist es einfach, bei einer kaputten Gesellschaft ist es schwieriger. Denn diese sagt zu gern: Ich bin doch nicht kaputt, ich befinde mich nur im Wandel. Ich entwickle mich eben, es gibt kein Grundproblem mit mir, keinen Grundfehler, keinen gordischen Knoten. Ich bin das Ende der Geschichte, nach mir kommt nichts mehr, ganz gewiß. Tja, jede Gesellschaft hat das von sich behauptet, und je näher das Ende, desto größer die Behauptung. Heißt, auf den Punkt gebracht, wir müssen uns überlegen, wie wir uns in Zukunft organisieren wollen. Es steht tatsächlich das Überleben zur Debatte. Die Bilderberger und ähnliche Leute haben das Problem erkannt, ihre Lösung heißt Reduktion, Totalüberwachung, Massenprogrammierung und elektronisches, programmierbares Geld; Leibeigenschaft, wenn du so willst, Mittelalter, Fürst und Bauer, Nero mit seinem Daumen im Kolusseum. Und sie sind fleißig, das muß man sagen. Aber sie wollen zurück, in eine „Gute alte Zeit“, von der Phantasie der absoluten Macht mal abgesehen. Nun, die Geschichte ist gerade dabei, ihnen eine lange Nase zu zeigen, nennt sich multipolare Weltordnung. Heißt, das Rad hat sich noch nie rückwärts drehen lassen, ganz wie die Zeit. Man kann sie auch nicht stauen, wie einen Fluß.“ Der Kneipenphilosoph schweigt, dann lacht er: „Und das alles nur wegen einer verirrten Hummel, mitten im Wertewesten sozusagen. Wer weiß, vielleicht ist sie ja auch eigentlich der eine Schmetterling, nicht wahr?“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 1. Mai 2024

Frühling. Und kalt, vor ein paar Tagen noch. So kalt, daß man sich den Klimawandel wünschte. Der Kneipenphilosoph lacht: „Tja, mein Lieber. Schein und Sein, Wunsch und Realität, krächzende Krähe und Nachtigall, April und Wintermantel. Und Ostfront, nicht zu vergessen. Und Palästina, nicht zu vergessen. Und neuerdings Spione überall, sehr passend, sehr erinnerungsschwer. Man könnte sagen, das Theater mit seinen Bühnenbildern aus Pappe samt Energiesparlampen und mäßig talentierten Schauspielern zerfällt nach und nach in seine Einzelteile. Die Dekoration gleitet scheppernd zu Boden, wobei natürlich nichts scheppernd gleiten kann, und übrig bleibt das morsche Gerippe, vom Wurmfraß zerlöcherte Balken, blätternde Farbe und hin und her huschende Bühnenarbeiter mit Tuben von Sekundenkleber, die mit Schweiß auf der Stirn und zittrigen Fingern versuchen, den ganzen Kram irgendwie zusammen zu halten. Aber die auf der Bühne stampfen mit trotzigen Kinderfüßen, und poltern und sagen rhythmisch ihren Text auf, bei hochgereckten Nasen und übergroßen Gesten. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis es richtig kracht. Aber weißt du was, mir tun die echten Grünen leid. So etwa, wie die echten SPD-Genossen oder die echten Linken. Sie werden nach Strich und Faden verraten und verkauft. Sicher, es ist nicht einfach, eine falsche Fahne als diese zu erkennen, noch dazu, wenn man glauben möchte, noch dazu, wenn sich die Probleme übereinander stapeln. Wenn all die Gewißheiten aus der Vergangenheit obsolet geworden sind und nichts mehr stimmen will. Aber da hilft die Logik und der einfache Satz: An ihren Taten soll man sie messen. Der Krieg, zum Beispiel, ist der größte Umweltzerstörer auf diesem Planeten, ein Grüner, der danach schreit, ist kein Grüner, so simpel ist es. Ein Herr Habeck, der nicht weiß, was eine Insolvenz ist, ist kein Wirtschaftsminister, so simpel ist es. Eine Frau Bärbock, die das Wort Feminismus buchstabieren muß und „feministische Außenpolitik“ betreiben möchte, ist keine Außenministerin, so simpel ist es. Und immer so weiter. Die Schauspieler können ihre Rollen nicht. Nun, und ein Männchen wie der Herr Bundeskanzler ist etwas zum dauernden Fremdschämen. Also, die trotzigen Kinderfüße bringen den Laden zum Einsturz, die Theaterbühne fällt in sich zusammen. Und das Volk wird unter den Trümmern liegen, wie immer. Mal abgesehen von der Arroganz der Dummheit, die geht in etwa so: Siehst du, du hast studiert, du hast dein Studium sogar abgeschlossen, aber ich sitze oben, nicht? Ich kann dir den Job wegnehmen, dein Haus, deine Kinder. Ich kann dich zwingen, den größten Blödsinn von dir zu geben, kann dich zwingen, die haarsträubendste Lüge für Wahrheit zu nehmen, ich kann dich zwingen 1 + 1 für Siebenundzwanzig zu halten, Grün für Rot, Gelb für Blau. Ich kann dich zwingen, meine „Auswürfe“ für Goldklumpen zu nehmen. Und es macht richtig Spaß, dir beim Leiden zuzuschauen. Tja, wärst du mal dumm geblieben. Wieso das alles funktioniert? Es hat schon immer funktioniert, schau dir die Geschichte an. Das Schlüsselwort heißt Angst. Und natürlich Brot und Spiele, die Römer wußten das gut. Dieses System, das riecht wie ein nasser Hund, spült die Individuen in die Sessel, die wie nasse Hunde riechen. Und die Religion als Korrekturfaktor, die Basis-Religion, um genau zu sein, fällt aus. Und so steht der nackte Kaiser samt nackten Satelliten auf der Bühne und stakt und quakt, er ist die Krähe, die ihr Krächzen für Gesang hält. Und all die bezahlten Claqueure klatschen und klatschen, und all die bezahlten Büttel und Denunzianten und Bänkelsänger und Richter und Zensoren funktionieren, weil sie Angst haben, selbst als Hexe auf dem Schafott zu enden. Aber schreib das lieber nicht auf, es sei denn, du sitzt schon auf gepackten Koffern und hast dein Flugticket gelöst. Die Angst gebiert Leute, vor denen man sich wahrlich fürchten muß.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 22. April 2024

„Wenn du etwas immer nur denkst, nie sagst, für dich behältst, dann ist das wie Weltliteratur in der Schublade, vielleicht jedenfalls. Kommt auf deinen Gedanken an, taugt er was. Nach dem Gedanken kommt die Idee, und der Gedanke hat natürlich eine Herkunft, zumeist die Realität. Aber konkret, der Rauschebart Marx hat gesagt: Wahrheit ist immer konkret.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Also, das Verkehrskonzept der Zukunft zum Beispiel. Das heutige stammt ja aus der Vergangenheit, Zug und Straßenbahn und Bus, alles Vergangenheit. Als man Heere von Arbeitern in die Fabriken karren mußte, morgens hin, abends zurück, da ergab das Sinn. Also. Stell dir vor, Klärchen, eine alte Dame, will mit Ännie, ihrer Busenfreundin, Kaffee trinken, in einem Café am anderen Ende der Stadt. Was also macht sie? Nun, sie ruft an. Sie bestellt ein Autochen für zwei alte Damen, sagen wir 14.00 Uhr. Das Autochen kommt, ihr Telefon klingelt kurz und Klärchen steigt wenig später ein. Das Autochen hat genau zwei Plätze, und keinen Fahrer. Dafür hat es einen guten Blick nach allen Seiten. Klärchen sagt Ännies Adresse, das Autochen fährt los, ganz leise ist es, aber flott. Dann steigt Ännie ein, und dann sitzen sie in ihrem Lieblingscafé. Da fällt ihnen ein, daß Gustel fehlt. Also bestellen sie ein Autochen für eine alte Dame, und eine halbe Stunde später ist Gustel da, mit einem Autochen, das genau einen Platz hat. Nun, die Damen, weil die Sonne scheint und Frühling ist, bestellen nach dem Kaffee ein Likörchen, das macht lustig. Da fällt ihnen ein, daß ein Spaziergang im Park, frische grüne Wiesen, Bäume und Sträucher im Frühlingsgrün, überall Kinder und Mütter und Väter und Decken auf Wiesen – also ein Spaziergang im Park, das Leben feiern, da wollen sie dabei sein. So bestellen sie ein Autochen für drei alte Damen, nun, du verstehst, es kommt ein Autochen mit genau drei Plätzen. Das Ganze funktioniert, weil es dezentral organisiert ist, überall in der Stadt gibt es Garagen mit Autochens darin, alle Größen, von 1 bis Unendlich, heißt, irgendein schlauer Mensch hat festgestellt, daß ganze 4 Plätze reichen, wenn man genug Autochens hat. Und er hat festgestellt, daß es Sinn ergibt, viele kleine, geradezu winzige Autochens zu haben. Das hat die Natur vorgemacht, das Prinzip der Menge oder der großen Fläche. Die Lunge eines Menschen, ausgebreitet, ist so groß wie ein Fußballfeld, zum Beispiel. Dagegen ist das Zusammenpferchen von Menschen in Zügen oder Straßenbahnen geradezu vorsintflutlich, ein Konzept aus der Vergangenheit, dem inzwischen die Grundlage fehlt. Zumal ohnehin alle nur auf ihre Handys starren, nicht wahr? Nachts leere Straßenbahnen, die nur sich selbst und den Fahrer durch die Gegend kutschieren, Autos, die nur sich selbst und den Fahrer durch die Gegend kutschieren, leere Züge, alles pure Verschwendung. Heißt, der ganze Krempel aus der Vergangenheit, Züge, Straßenbahnen, Busse, Großraumpassagierflugzeuge und so weiter, und dicke Autos so wie so, sind Blödsinn. Erinnert an die Zeit, Weltausstellung in Paris, als man immer größere Dampfmaschinen baute, als man in gigantischen Zahlen schwelgte und den kleinen, vor sich hin tuckernden Benzinmotor als lächerliches Spielzeug ignorierte.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Es braucht also nicht viel, etwas Logik, etwas Sorge um unseren Planeten, nun, und natürlich das Anerkennen der Realität. Was dem entgegensteht? Tja, nennen wir es mal „Geschäftssinn“ – die ewig leuchtende Glühbirne, die in einem Tresor verschwand oder Teslas universelle Energie, oder das perfekte Auto dieses Amerikaners, das die Konkurrenz gar nicht gut fand, oder die Halbwertzeit eines Panzers im Krieg. Heißt zum Schluß, sanft ausgedrückt: Dieser „Geschäftssinn“ steht der Zukunft grandios im Weg. Mach dir einen Reim darauf.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 12. April 2024

„Alles wird alt, auch der Strom, das Licht, die Zeit, die Liebe.“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an, er schmunzelt: „Erst wird es reif, dann alt. Ein Gefühl oder ein Gesicht. Oder ein Roman, zum Beispiel. Oder ein Land, ein ganzer Kontinent, Europa zum Beispiel. Das alte Land, klingt poetisch, oder? Wie alte Krieger. Wir schauen gern in die Vergangenheit, je vergangener desto besser. Wir können uns vormachen, daß uns das nichts mehr angeht, daß wir das Buch einfach zuklappen können, am Abend. Wenn die Nacht an die Tür klopft, mit ihren Märchen und Geheimnissen. Geradezu gerührt betrachten wir das Vergangene, Helden und Schlachten, Geliebte und Verräter, Vulkanausbrüche und Schiffsuntergänge. Ein sanfter Schatten huscht vorbei, durch uns, und dann, tja dann wenden wir uns wieder ab, oder zu, ganz wie du willst. Am liebsten wenden wir uns dem Vergessen zu, das Vergessene wieder ausgraben ist dann das Märchenbuch. Wir sind geradezu versessen auf das Vergessene, wir kriechen durch Pyramiden, graben Ruinen aus, wälzen alte Chroniken in klimatisierten Kellern. Und beschauen uns, so als Spezies. Egal, wer von außen zuschauen mag, er kann nur den Kopf schütteln. So ein eitler Haufen, der sich tatsächlich immer noch für den Nabel der Welt hält, die Mitte des Universums, mindestens. Wir haben viel gelernt, das ist wahr. Vor allem, wie man sich gegenseitig effektiv umbringt, von der Keule zur Atombombe, von Faustkeil zum Ofen in Auschwitz, von der Schleuder zum Marschflugkörper. Die Damen und Herren mit den Zahlen in ihren Köpfen rechnen seit jeher fein und glauben an ihre Bedeutung, sie haben ja nichts anderes. Sie haben eine Religion aus ihrem Mangel gebastelt. Da ist ein Mensch dann eine Verwertungseinheit. Irgendein Amerikaner hat vor einigen Jahren mal den „Wert“ eines Menschen berechnet, ein bißchen Biomasse, ein paar Schwermetelle, Wasser – ein paar Dollar kamen heraus. Was also darf eine Bombe kosten, die so und so viele Leute über den Jordan schicken soll. Denn am Ende muß es sich ja rechnen, nicht wahr? Tja, mein Lieber, wir haben viel gelernt, das Dezimalsystem hat uns viereckig gemacht.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Wissen wird auch alt. Es wird meist vorher nur nicht reif. Ein grüner Apfel ist es, schwer genießbar, und wenn einer doch ißt, tja, dann sorgt sein Verdauungstrakt für Darmwinde. Da kann man nur hoffen, daß sich die Fenster öffnen lassen. Irgendein Biologe hat mal erklärt, daß die Zelle, sind die Bedingungen schlecht, die Unsterblichkeit wählt, sind sie gut, die Reproduktion. Die Bedingungen auf diesem Planeten sind also ausnehmend gut, so lange jedenfalls, wie wir ihn nicht kaputt machen. Tja, wir machen ihn kaputt, Dorf A und Dorf B haben nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu beneiden und zum Teufel zu wünschen. Als wir mit Schwertern und Lanzen aufeinander losgingen, war das noch kein Problem, heute ist es eines, siehe Schleuder und Marschflugkörper, siehe Keule und Atombombe. Nun, und die „Klimakleber“ und ähnliche Leute sind zu bedauern, sie begreifen nicht, daß sie zu Dorf A oder Dorf B gehören, daß sie Kanonen oder der Dolch im Rücken sind, daß sie einer zerstörenden „Religion“ ihr bißchen Leben vor die Füße werfen. Man hat ihnen erfolgreich Angst gemacht, die Angst kleiner Leute. Tja und diese, die Geschichte kann ein Lied davon singen, macht brutale Maschinen aus ihnen, gnadenlose sozusagen, mit Überzeugung. Insofern spiegeln sie Realität wieder, das jedenfalls, was real wird, uns als Spezies betreffend. Aber gemach, alles wird alt, auch der Strom, das Licht, die Zeit, der Haß. Die Zelle hat die Reproduktion gewählt, wir haben also immer wieder eine Chance.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 2. April 2024

„Soll ich wirklich, wie ein eifriger Hund mit heraushängender Zunge, dem Tagesgeschäft hinterher laufen?“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an. „All die Fähnchen? All die Schnappatmung? All das Geschrei? Das ist die Brockenmethode, eine der einfachsten Angelegenheiten der Manipulation. Ist gut, Zusammenhänge unsichtbar zu machen. Könnte man auch Beschäftigungstherapie nennen, oder Stöckchen zum hineinbeißen. Oder das rote Tuch, für den Stier in der Arena. Die unaufhörliche Menge an Information ohne Hintergrund, ohne Zusammenhang, was ist das? Ich weiß, erinnert an unser Schulsystem. Aber nehmen wir mal den Spätverkauf an der Ecke. Da treffen sich die Biertrinker und schwätzen. Und zuweilen sind auch ein paar alte Damen dabei, nennen wir sie Birgit und Marta, das sagt etwas über ihre Jahre. Und wenn die beiden gerade vom Friseur kommen, nun, dann haben sie Neuigkeiten dabei; Neugier und Voyeurismus, das Leben eben. Sie sind also eine Zeitung, die Stadtteilzeitung, eigentlich sind sie besser. Sie haben Nachrichten, die nirgendwo gedruckt stehen. Sie sind die Endlos-Feierabendserie, und alle an der Ecke kennen die Verhältnisse und die Protagonisten der Geschichten. Was tatsächlich Leben darstellt, immerhin. So ein Stadtteil ist nichts weiter als ein Dorf, in Berlin kannst du dir das gut anschauen. Was natürlich zu dem Schluß führt, daß so eine Stadt nichts weiter als ein paar zusammengeschobene Dörfer ist. So lange jedenfalls, wie die „Ecke“ funktioniert. Aber das nur nebenbei. Birgit und Marta jedenfalls sorgen für Gesprächsstoff, sie bedienen einen Urtrieb, der zur Gemeinschaft, zur Horde gehört. Der erste, der genau das in großem Stiel angewandt hat, war Goebbels, neuzeitlich sozusagen. Aber er ging natürlich das eine Schrittchen weiter, er vermischte bewußt Information, Meinung und Ideologie. Und Wertung samt Feindbild. Er hat bei den Herrschern vergangener Zeiten nachgeschaut, wie das geht. Und er hat die neue Technik, das Radio, die „Goebbels-Schnauze“, genutzt, das war seine Innovation. Er hat also vorgemacht, was heute alltäglich ist. Die Köpfe der Menschen werden mit Krimskrams geflutet, so viel, daß die meisten wichtige und unwichtige Information nicht mehr unterscheiden können, das ist die Basis. Der Krimskrams ist die Trägerfrequenz und so wirksam, weil eben an einem Urtrieb angedockt. Nun, und auf dieser Trägerfrequenz läßt sich allerhand transportieren, Produktwerbung ist ein relativ harmloses Beispiel, Feindbilder haben andere Wirkung; kauft nicht beim Juden oder der Untermensch im Osten oder Süden, oder Corona-Impfverweigerer, oder oder. Jedenfalls kann man auf diese Weise so ziemlich jeden zum „Verräter“ stempeln, die Manipulation über den Krimskrams fällt nicht auf, die Leute halten ihre Programmierung für die eigene Meinung. Wenn dazu noch Angst kommt, tja, dann ist es zum Lynch-Mob nicht mehr allzu weit. Oder eben zum Schützengraben. Heißt, das Tagesgeschäft, die Kuh, die jeden Tag neu durchs Dorf getrieben wird, folgt Regeln und Interessen. Also immer wieder die gleiche Frage: Wem nützt es. Richtig seltsam wird es allerdings, wenn die bediensteten Damen und Herren im „Parlament“ der eigenen Propaganda verfallen, wenn sie wie in einem Spiegelsaal herumlaufen und den für die Realität halten. Dann werden sie zu „religiösen“ Eiferern, dann gehen sie lieber in Nibelungentreue unter als sich zu korrigieren. Wo das endet ist bekannt – zwei Benzinkanister vor dem Bunker 1945 unter Geschützdonner oder Cäsar, der mit 23 Dolchstichen getötet wurde.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 24. März 2024

„Schöne Dinge“, der Kneipenphilosoph lacht. Dieser große, schwere, bärtige Mann mit seiner Pfeife am Caféhaus-Tisch lacht, daß die Wände wackeln. Aber das stört niemanden, wir sind die einzigen Gäste an diesem Vormittag. Nur die Kellnerin schaut kurz um die Ecke. Mein Gegenüber nickt, dann sagt er: „Schöne Dinge, so als Credo. Das klingt nach dem Dichter mit seinem Apfelbäumchen. Obwohl, in jedem Klischee steckt ja als Basis eine Wahrheit. Aber gut, schöne Dinge also. Es ist schwierig damit, jede Zeit hat ihre; mal sind die Damen rund, mal mehr als schlank, zum Beispiel. Heißt, Mode und schöne Dinge sind gewiß nicht ein und das Selbe. Tja, und da geht es schon los. Es gibt Leute, die finden die „Dicke Berta“ sehr ästhetisch, um Samurai-Schwerter existiert ein regelrechter Kult, und so ein Leopard in vollem Lauf auf der Jagd, in Zeitlupe, ist ein grandioser Anblick, nicht wahr? Oder hör die mal die „Neue Musik“ an, es quietscht und rattert und poltert und rauscht – alles Zertrümmerung. Harmonie, Takt, Rhythmus, Melodie, alles kurz und klein gehauen. Mal davon abgesehen, daß es so wie so keine Libretti dazu gibt. Heißt, was sind schöne Dinge überhaupt? Ein wundervoll gearbeitetes Samurai-Schwert, hundertfach gefalteter Stahl in einem Bauch, ist das schön? Schätze mal, wenn das Ding in deinem Bauch steckt magst du die Handwerkskunst nicht mehr bewundern. Dann ist das Ding ein Mordinstrument, nichts weiter. Heißt also, was ist der Zweck? Kann man das voneinander trennen, gibt es Schönheit unabhängig von allem? Unabhängig von unserer Wahrnehmung, deiner und meiner zum Beispiel. Ja sicher, dir fällt der „Goldene Schnitt“ ein, oder der „Geplante Makel“, oder ein herzzerreißender Sonnenuntergang an der Ostsee. Wie heißt es so schön: Wat dem einen sin Uhl ist dem andern sin Nachtigall. Und dennoch, Schönheit liegt genau so wenig wie Wahrheit nur im Auge des Betrachters. Eine Meinung liegt im Auge des Betrachters, das ist alles. Wir hätten nur gern, daß das die Wahrheit ist, unsere Meinung. Die „Wahrheit“ als Ausrede und Rechtfertigung, und als Mittel, dem anderen seine Meinung aufzuzwingen. Aber solche Worte sind natürlich verfänglich, alles Kategorien, die sich wie ein Kaugummi dehnen lassen. Kurz und gut, schöne Dinge machen Sinn, wenn sie quasi über sich hinaus reichen. Und wenn sie Realität im Bauch haben, so als Ausgangspunkt. Heißt, das schönste Gedicht auf diesem Planeten ist in einer Schublade nichts weiter als etwas Tinte auf Papier. Es wird erst „lebendig“ wenn es jemand liest, von Kopf zu Kopf sozusagen. Das Zauberwort heißt Gemeinschaft, wenn sich der Schreiber und der Leser erkennen, ineinander wiedererkennen. Und wenn dann noch das schönste Gedicht Ausgangspunkt für ein neues wird, und dieses dann Ausgangspunkt für ein Gemeinsam, welches nach der Lektüre nicht im Ungefähren verweilt, das Handlung wird, wirkliches Mitgefühl, Hilfe, Rettung sogar – dann sind schöne Dinge etwas sehr Mächtiges. Nix Mode oder dicke wie dünne Frauen. Schönheit und Erkenntnis gehören zusammen, ein ziemlich gutes Beispiel ist das „Hohelied Salomons“ im alten Testament. Heißt zum Schluß, schöne Dinge als Selbstzweck sind keine schönen Dinge, sie sind ein Verrat an der Schönheit. Und: diese existiert ohne uns. Wir sind aber gut ausgerüstet, sie zu erkennen, sie zu bewundern, uns nach ihr zu sehnen und letztendlich, sie zu schaffen. Schönheit ist selbstlos. Ich weiß, das alles paßt so gar nicht in diese sterbende Krämer-Gesellschaft, die mit spitzen Fingern Münzen zählt und ein Problem damit hat, nichts mit ins Grab nehmen zu können.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 17. März 2024

„Stell dir vor, da liegt ein Bäcker im Schützengraben. Und ihm gegenüber liegt auch ein Bäcker im Schützengraben. Hier ein deutscher, da ein französischer, hier ein Russe, da ein Ukrainer, hier ein Israeli, da ein Palästinenser – und immer so weiter. Sie könnten Rezepte austauschen, sie tauschen Kugeln aus. Sie könnten zusammen ein neues Brot erfinden, eines, das alle satt macht, wie das Manna in der Wüste. Sie könnten, sind ja Kinder des Planeten, dieses winzigen Punkts im Universum. Sie sehen den gleichen Himmel, atmen die gleich Luft, schreiben Liebesgedichte und schauen des Nachts zum Mond. Tja, der Konjunktiv. Was trieb einen deutschen Bäcker dazu, einen französischen erschießen zu wollen, so um 1914 herum. Was treibt einen israelischen, einen palästinensischen erschießen zu wollen, im Jahr 2024? Einen ukrainischen einen russischen. Das einzig wahre Brot vielleicht? Ja, ein Witz. Nun, die Frage ist immer die gleiche, und die Vorwände sind es auch, vom Lebensraum im Osten bis zur schönen Helena. Ein wenig Neid, ein wenig Angst, ein wenig Gier, ein wenig Lust am Verbotenen, ein wenig Sadismus und schon ist die Suppe fertig, von denen mal abgesehen, die diese Mischung produzieren. Sie haben ihre Interessen, und ihre Freude an der Macht, die Puppen tanzen zu lassen. Ist so alt wie die Welt und wiederholt sich ohne Unterlaß. Man kann müde drum werden und doch nicht aufhören zu staunen, daß das immer wieder funktioniert. Vor allem darüber, daß Massen von Menschen den Urtrieb der Selbsterhaltung vergessen. Aber ja, es ist einfach, einen Feind zu haben, man muß nicht nachdenken, wenn man einen hat. Alles kann man auf ihn projizieren, vom Liebeskummer bis zum Unglück eines Verkehrsunfalls, vom miesen Chef in der Firma bis zum unfreundlichen Kellner, von der Mieterhöhung bis zum schlechten Wetter. Es ist einfach, der Russe ist Schuld, fertig, zum Beispiel. Wenn es ihn nicht gäbe, man würde ihn erfinden. Man hat ihn erfunden, neu, Stück für Stück, 1990 ging es los, händeringend. Die NATO stand verblüfft da, herrgott, der Russe hatte sich als Feind verabschiedet, es gab Leute, die von Auflösung redeten. Die Herren der Rüstungsindustrie sahen ihre Felle davon schwimmen, nun, und der Krieg gegen den Terror brachte nur Peanuts, kein Vergleich zu einem richtigen Krieg. Der amerikanische Präsident redet im Jahr 2024 von einer Frischkur für die Wirtschaft des Landes, man muß nur zuhören. Auf dem Teleprompter steht es ja, das schafft er manchmal noch, abzulesen. Sicher, er kann einem leid tun, der alte Mann, der immer weniger bei sich ist. Aber er ist nur ein Lautsprecher – mal sehen, es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann wird er durch eine KI-generierte Simulation ersetzt, die Amerikaner sind da führend. In der Unterhaltungsindustrie hat man neulich Elvis auferstehen lassen, in Echtzeit, beeindruckend. Wirkte zwar noch ein wenig steif, aber das wird schon. Heißt, man kann dem Bäcker im Schützengraben demnächst über seine Drei-D-Brille den anstürmenden Feind vorgaukeln. Man kann irgendeinen Vogel, einen nach Süden ziehenden Schwan vielleicht, wie eine Kampfdrohne aussehen lassen. Das hat doch was, oder? Und hinter dem Horizont sitzen die Herren bei altehrwürdigem Whiskey und amüsieren sich. Die blöden Bäcker, die kriegen aber auch gar nichts mit, denen kann man jedes X für ein U vormachen, immer schön frontal, wie es so ist, im Schützengraben. Und später dann, wenn es ein Später gibt, backen sie Brötchen in Panzerform, für die Kinder, der Tradition wegen. Wer überlebt hat, der hat ins schwarze Loch geschaut, das macht Helden. Irgendeinen Ausgangspunkt für Tradition gibt es immer, du mußt dir nur mal die Interviews unserer Großväter, alt gewordener Soldaten, anschauen, Wehrmacht, Ostfront und so weiter.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 8. März 2024

„Der wiederholte Blick ins Land?“ Der Kneipenphilosoph zuckt die Schultern: „Wir sehen, wie der Krug zerbricht. Schau dir die Städte an, da sammeln alte Leute Flaschen, da glotzen die leeren Schaufenster pleite gegangener Läden ins Irgendwo, da haben die Straßen Löcher, die niemand flickt, da stapelt sich Müll in Ecken und an Ecken stehen Gestalten, die jeden Vorbeikommenden taxieren; Beute, Kunde oder selbst ein armer Hund. Und um die Bahnhöfe herum, als wären Züge immer noch das Versprechen von Ferne, Abenteuer und Glück, sammeln sich undefinierbare, bettelnde Leute, manche mit fiebrigen, nach innen gekehrten Augen, manche einfach nur besoffen. Und in den Außenbezirken fallen hier und da des Nachts Schüsse, wenn sich Horde A und Horde B um ihre Reviere streiten, ganz wie in alten Mafia-Filmen zur Zeit der Prohibition. Soll ich weiter aufzählen?“ „Reicht“, sage ich. „Gewiß“, entgegnet mein Gegenüber und stopft seine Pfeife. „Wir sehen das Ergebnis geplanter Inkompetenz, geplanter Dummheit, geplanter Zerstörung. Wir sehen das Ergebnis einer Massenprogrammierung und „Produkte“, die mittlerweile wie Zombies herumlaufen. Der Krug zerbricht also, wir sind Zeitzeugen. Wieder mal. Und natürlich die aufgeblasenen Witzfiguren allenthalben, die Angst vor jedem Lachen haben. Wilhelm Reich übrigens solltest du unbedingt wieder lesen, die Massenpsychologie des Faschismus. Er klingt, als würde er grade hier, gerade heute diesen Text verfassen. Die Schafe wollen unbedingt zur Schlachtbank. Und Klemperer natürlich nicht zu vergessen, der klingt auch wie gerade jetzt. Sogar der gute alte Nitzsche mit seinem Zarathustra wäre jetzt wieder erhellende Lektüre, na und Heine so wie so. Aber genug, der derzeitige Ober-Franzose mit seinem Napoleon-Komplex will gen Osten ziehen, die „Grande Armée“ soll wieder auferstehen, ja der, dessen Name wie ein Stück Kuchen beim Bäcker klingt. Wenn dann hier Bomben fallen ist der längst verschwunden, schätze Florida, die Franzosen mögen ja die Sonne. Ich weiß, nach dem Sarkasmus kommt der Zynismus. Auf jeden Fall fühlt man sich an die alten Berichte über 1914 erinnert, als alle hier siegreich gen Frankreich ziehen wollten. Aber die Polen bekommen im Jahr 2024 langsam kalte Füße, es scheint, sie erinnern sich, was die Versprechen Englands und Frankreichs wert waren. Sicher, gern hätten sie ein Stück vom Kuchen – wenn sie nur nicht in ihrer Geschichte nicht schon komplett verschwunden gewesen wären. Ansonsten deutsche Luftwaffen-Offiziere, herrgott sind sie peinlich, die Kameraden. Vor allem in ihrem homöopathisch preußischen Gehabe und in ihrem Glauben, daß sie nicht zur Verantwortung gezogen werden können. In ihrem Glauben, daß die Geduld der Russen unendlich ist. So ist das mit Leuten, die noch nie einen echten Schuß gehört haben, der auf sie selbst abgegeben wurde, Leuten, die sich noch nie in den Dreck eines Schützengrabens geworfen haben, mit vollgeschissener Hose und Schweiß auf der Stirn unterm Helm. All die theoretischen Krieger. Die Abenteuer der Werner Holt sollten Schullektüre werden. Aber ja, Bildung, und Bildzeitung. Kurze Sätze bitte, und eine Aufmerksamkeitsspanne von zehn Minuten. Katzen, sagt man, haben ein Erinnerungsvermögen von rund drei Minuten, wird wohl nicht mehr langen dauern, dann sind unsere Jungwähler auch so weit. Was man damit anstellen kann?“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Stell dir vor, du klaust einem sein Portemonnaie und drei Minuten später zückst du es und lädst ihn auf ein Bier ein, und er freut sich und sagt danke.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 1. März 2024

Nachmittag, Café, schon März. Wir trinken Kaffee und rauchen, der Kneipenphilosoph schaut auf seine Pfeife und schmunzelt: „Der erste Satz der Thermodynamik, tja, der Energieerhaltungssatz. Aber was zum Teufel ist ein geschlossenes System? Da liegt der Hase im Pfeffer, schon. Wer definiert das? Die Physiker denken gern in geschlossenen Systemen, da lassen sich Störfaktoren sauber ausblenden. Die Liebe zum Beispiel, oder auch die Sehnsucht nach einem Irgendwas. Der Weltraum jedenfalls ist ihnen ein paar Nummern zu groß, da wird es schnell mystisch, das mögen sie nicht, die Physiker. Da platzen ihnen die Zahlen. In der Mathematik zum Beispiel gibt es die Gerade, das Ding, das bis in alle Unendlichkeit immer geradeaus geht. Dieses theoretische Konstrukt funktioniert nur, wenn einer die Krümmung des Raumes samt Krümmung der Zeit beiseite legt. Wenn man es genau nimmt, ist die Gerade nicht mal einen Millimeter gerade. Aber es stellt sich so schön vor, nicht? Also wird begrenzt, damit das viereckige Denken keinen Knoten bekommt. Wir basteln ein Modell als Abbild der Wirklichkeit, wir schaffen ein geschlossenes System. Tja, und dann verwechseln wir das, unser Modell wird uns sozusagen wirklich, so lange jedenfalls, bis die Realität, die sich keinen Deut um unsere begrenzte Wahrnehmung schert, uns wieder Mal kräftig in den Hintern tritt. Dann basteln wir ein neues Modell, und eine Zeit lang bekriegen sich dann das Alte und das Neue, so lange, bis das Neue alt geworden ist und wir wieder ein neues basteln. Und in schöner Kontinuität blenden wir die Störfaktoren aus, wie ein Esel, der immer im Kreis läuft. Esel mit Scheuklappen. Die Altvorderen kannten das Gedankenexperiment und bemühten dazu Logik und Kausalität. Und Gefühl. Das muß man sich mal vorstellen, da sitzt einer auf der Parkbank in der Sonne und denkt. Und hat keinen Zollstock dabei, kein Bandmaß, kein Fernrohr. Klingt so, als hätte er mehr als die bekannten zwanzig Prozent seines Gehirnes benutzt, schätze mal, die Hirnforscher hätten ihm zu gern Elektroden an seinen Kopf geklebt. Heißt, der Weg zur Erkenntnis durch Wägen, Messen und Zählen ist einer unter vielen. Und die Mathematik als Sprache ist ein schief hängendes Vehikel mit Ausfallerscheinungen und Grenzen. Tja, und da kommen wir natürlich auf die KI, die Simulation künstlicher Intelligenz, die Simulation von Bewußtsein. Und die Hoffnung, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, in dem man sich in einen Computer verkriecht. Ein Modell, daß mehr als einen Störfaktor ausblenden muß. Rechner können rechnen, das ist alles. Und die Sprache Mathematik, das Vehikel, das über Menge in solch einem Kasten versucht, ein Irgendwas zu erzeugen, trägt in sich selbst das Scheitern, wie jedes Modell es in sich trägt. Die gute alte Tante Zeit sorgt schon dafür. Zahlen in Computern sind eine Vorstellung, mehr nicht. Physikalisch sind sie Ladungszustände, man könnte sagen, das ist der Schnittpunkt zwischen Geist und Materie, und die Hirnforscher jubeln jetzt, sie messen ja Hirnströme. Wie heißt es so schön: Geist ist an Materie gebunden, und die läßt sich austauschen, Gehirn gegen Computer, nicht wahr? Tja, aber wer legt fest, was Materie ist? Und was elektrische Ladungen. Und so ein Mensch, dieses Universum, denkt der nur mit seinem Kopp? Wohl kaum. Und wieder mal liegt der Hase im Pfeffer, das Modell in seiner Reduktion hinkt. Der Sonderfall Materie im Sammelsurium der Energiezustände – wenn wir nur nicht solche Angst hätten. Und: jede Festplatte, die jämmerliche zwei Ladungszustände trägt, 0 und L, platt wie eine Flunder, läßt sich löschen. Was dann ja wohl eine Art negativer Urknall ist. Für das „gespeicherte“ Individuum ohne Seele, die Simulation.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Klingt nach Mephisto, oder?“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 24. Februar 2024

Der Kneipenphilosoph schaut mich an: „Ein Argument, was ist das eigentlich? Ist es echt oder nur ein Vorwand, zum Beispiel. Und eines ohne Kontext, auf die Zeit bezogen, oder ein Land, oder Verhältnisse, was ist das dann? Ein Kalenderspruch? Nehmen wir den Dipol Krieg und Frieden, und dazu zwei Nachbarn, ruhig mitten in Europa. Der eine stark, der andere schwach. Tja, der Schwache wird vom Frieden reden, von blühenden Blumen, blauem Himmel, still wie der der Altvorderen, von Kindern und Großmüttern, von Leuten, die Gedichte schreiben – alles Friede. Und heimlich baut er Kanonen und Flugzeuge, und trainiert seine Soldaten. Um den Frieden zu schützen. So lange, bis er meint, der Stärkere zu sein. Da fällt ihm dann ein, daß er mit seinem Nachbarn noch die ein oder andere Rechnung offen hat. Das Argument Friede als trojanisches Pferd, heißt, du wirst kein Argument ohne Zweck finden. Ist einfach, ist logisch, ist selbstverständlich. Tja, mein Lieber, das wäre es, so als Erkenntnis einer Binsenweisheit. Der Zweck hat sein Versteck, um mal zu reimen. Da liegt der Hund begraben oder: Das also ist des Pudels Kern. Wie heißt es so schön: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Klingt ritterlich, zwei Heere mit Schild und Schwert stehen einander gegenüber, und jeder hat seinen Gott dabei, meist ist es der Selbe, und dann folgt ein ehrlicher Zweikampf, sozusagen. Und der Sieger versagt dem Besiegten die Achtung nicht, wie das bei ehrlichen Zweikämpfen so ist. Klingt geradezu idyllisch. Aber kommen wir auf das Argument zurück. Nun, es ist eine Waffe, es wird als Waffe gebraucht. Man kann einen Kontext schaffen, in dem jedes Widerwort, jeder andere Gedanke justiziabel wird. Das Argument dient dann nicht mehr zur Kommunikation, zum Austausch, zum Erkenntnisgewinn, es wird ein Knüppel, eine Zwangsmaßnahme, ein Grund für Bestrafung. Es wird also eine Lüge. Tja, und da haben wir wieder den Zweck, den zwischen Oben und Unten zum Beispiel. Aber nehmen wir mal das bekannteste Zitat Dschingis Khans: Ich bin die Strafe Gottes und hättet ihr nicht so furchtbare Sünden begangen, so hätte Gott mich nicht als Strafe über euch kommen lassen. Das liegt schön weit in der Vergangenheit, nicht wahr? Argument und Rechtfertigung und Vorwand sind Verwandte, zumindest im allgemeinen Gebrauch. Der starke Nachbar überfällt den schwachen, er ist nicht gierig nach Land, nach Schätzen, er ist Strafe. Heißt, ich setze mich über andere; meine Ansichten, meine Meinung, meine Lebensweise, meine Art, die Dinge zu betrachten. Und am Ende: meine Rasse, Sprache, Kultur, Geschichte. Klingt verdächtig nach Herrenmensch, oder? Heißt, die zwölf dunklen Jahre der deutschen Geschichte haben das nicht erfunden, so wenig wie den römischen Gruß. Das ist eine Feststellung, die sich grandios als Argument nutzen läßt, zum Beispiel. Und noch mal der Mongole: Es reicht nicht, daß ich Erfolg habe – alle anderen müssen scheitern. Man könnte meinen, heutige, nun, sagen wir mal Menschen, haben sich diese gruselige Aussage als Handlungsanleitung hergenommen. Was bleibt da übrig? Die goldene Milliarde? Demokratie ist es jedenfalls nicht, die ist auf Kommunikation angewiesen. Houston, wir haben ein Problem. Zum Schluß: Ein brauchbares Argument ist ein Denkergebnis, das auf der Erkenntnis der Realität basiert – und eben keine Meinung. Und ein Totschlagargument ist ein Kontextbezogens Denkverbot, nichts weiter.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „In der Mathematik würde man jetzt sagen: die Herleitung führt zu einem Ergebnis als Ansatz.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 15. Februar 2024

„Die „Restlinke“ um Gregor Gysi herum? Herrgott, was ist er doch für eine Figur geworden, man kann nicht mal mehr lachen. In der Person dieses alternden Anwalts kulminiert der Niedergang der Reste der Splittergruppe, sozusagen. Hat sich eben den anderen Figuren im „Parlament“ zu sehr angepaßt. Tja, da stapelt sich die Vergangenheit und steht allem im Weg. Und Frau Wagenknecht steht sich selbst im Weg, aber das ist eine andere Geschichte. Hierzulande fürchtet man eben die Konsequenz, und: ein paar desorientierte Kleinbürger mit Fahnen sind noch lange keine Linken. Wenn dir jetzt der „Lampenputzer-Revoluzzer“ einfällt, liegst ganz richtig. Heißt zusammengefaßt, den an ihren Stühlen klebenden, fett gewordenen Greisen geht es nur noch um sich selbst, das ist alles. Aber das war schon immer so, die Vergangenen reiten den Esel, bis er unter ihnen zusammenbricht und verschleißen dabei die Zukunft. Nix neu also. Na ja, und protestierendes Proletariat, Bauern eingeschlossen, war schon immer gruselig. So eine Bauernfaust und ein Abgeordneten-Händchen passen halt nicht zusammen. Ansonsten, die Geschichte passiert in „Wellen“, manche sind groß, manche klein. An die großen erinnern wir uns, so als Spezies. Und jedes Mal spült es die Fettaugen auf der Suppe ins Irgendwo, Könige und Banker. Und natürlich die Büttel, die sich derzeit eben Abgeordnete nennen, die Dienstleister, die Bediensteten. Die werden als erste entsorgt. Die Banker-Dynastien, Rothschild und so weiter? Nun, alles wird und vergeht, es gibt nichts, was dem entkommt. Und an den Zeiträumen der Geschichte gemessen sind die Rothschilds Neureiche, zum Beispiel, gerade mal rund dreihundert Jahre sind es, grob über den Daumen. Im Gegensatz dazu sind unsere aktuellen „Bediensteten“ allerdings Zwerge, alberne Hofschranzen, eifrige Legastheniker. Ich könnte wetten, daß ein Gregor Gysi glaubt, in die Geschichte einzugehen. Keine Sorge, wird er nicht, nicht mal als halbe Randnotiz. So ist das mit der Eitelkeit, sie macht sich gern etwas vor. Wenn man bedenkt, daß so ein Gigant wie Bach beinahe vergessen worden wäre, tja. Den nachfolgend logischen Satz spare ich mir. Was also passiert hier. Nun, die Zukunft kommt und alternde Leute, bis auf sehr wenige Ausnahmen, gehören nicht dazu. Das ist wie ein Strick um den Hals des Ich. Man könnte auch sagen, alle Felle schwimmen davon. Die Gier nach Bedeutung verhindert das Erkennen des Zeitpunktes, an dem man gehen soll. Schau dir alte Künstler an, die alle Kraft verloren haben, zum Beispiel. Sie laufen als Abziehbilder ihrer selbst herum und reagieren auf alles Jugendliche böse. So werden sie zu Karikaturen, und Herr Gysi ist mittlerweile auch seine eigene. Und Frau Wagenknecht muß sehr aufpassen, daß sie nicht selbige hohle Gasse entlang stolpert. Summa summarum, in diesem Land gibt es derzeit keine parlamentarische Linke als politisch relevante Kraft. Es gibt nur einen Brei von Leuten, die so lange wie möglich auf ihren Sesseln bleiben wollen. Ihnen steht das Wasser am Hals, aber sie tun so, als würden sie in der Sonne liegen. Und sie schreien was das Zeug hält, nur um die Leere nicht zu spüren, die innen und die außen. Sie haben kein Wofür, dazu fehlt alle Kraft. Und so können sie sich nur über Feinde definieren, und es ist egal, ob diese real oder eingebildet sind. So ist das in einem sterbenden System, an den Bütteln kann man ziemlich gut erkennen, wie weit die Agonie gediehen ist.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 9. Februar 2024

Das Café ist leer, der Himmel ist grau, Februar. Dieser Vormittag, er fühlt sich an wie Mitternacht. Aber vielleicht fühlt sich auch das ganze Land wie Mitternacht an, bei trübem Laternenlicht und gähnendem Barkeeper. Der Kneipenphilosoph nickt, dann sagt er: „Was hast du erwartet? Solch ein Niedergang hat halt verschiedene Phasen, vom Ignorieren über das Beschimpfen samt Schuldzuweisungen bis hin zur Melancholie. Dazwischen kommt noch das Umdeuten, Verweigern, Schönreden, Feindekreieren – na und immer so weiter. Und das Schielen nach den Rettungsbooten natürlich, was schon lustig ist. Sie wollen ja nicht übers Mittelmeer, sie wollen über den Atlantik, erster Klasse natürlich. Die Titanic ist nicht im Mittelmeer abgesoffen, nicht? Heißt, die See macht wenig Unterschied; Flüchtlingsboot, Titanic, fliegender Holländer, Flugzeugträger. Wie heißt es so schön: Schiffe gehen gelegentlich unter. Obwohl, der Holländer als Phantasieprodukt geht ja nicht unter. Jedenfalls so lange nicht, wie es Menschen auf dem Planeten gibt. Ja, Sarkasmus. Vielleicht ist auch die ganze „Offenbarung des Johannes“ Sarkasmus, zum Beispiel. Was heißt, daß dieser Text immer wieder kehrt, wenn Zeiten ihrem Ende entgegen gehen. Jesus mit glühenden Augen und glühenden Füßen, das „geschlachtete“ Lamm, welches die Siegel bricht. Da bleibt nicht viel übrig vom Hohelied Salomons. Tja, was hier übrigbleiben wird? Da hilft ein Blick nach Osten, da stehen sie herum, die „Leos“, als Schrotthaufen. Irgendwann werden sie eingesammelt werden und im Hochofen schmelzen. Die Russen haben sehr viel Ackerland, sie brauchen also Pflüge. Und Afrika freut sich über das verschenkte Getreide, da stecken dann deutsche Panzer im Kampf gegen den Hunger. Das ist doch mal was, auch wenn es ein ziemlicher Umweg ist, es ginge wahrlich einfacher. Was noch? Die französische Revolution vielleicht: Liberté, Ègalité, Fraternité. Und nicht zu vergessen die rollenden Adelsköpfe. Das ist so, wenn man das Volk bis aufs Blut preßt, irgendwann schlägt es zurück und ist dabei nicht zimperlich. Ansonsten ist Apokalypse das griechische Wort für Enthüllung, klingt harmlos, nur der Vorhang wird zurück gezogen, der Schleier gelüftet; das Versteckte wird sichtbar. Jedenfalls dann, wenn jemand nicht nur nach innen schielt oder mit Ausdauer seinen Bauchnabel begutachtet. Der Strauß im Märchen steckt den Kopf in den Sand, die „Individualisten“ im „Wertewesten“ stecken den Kopf in sich. Nein, laß uns nicht weiter darüber nachdenken, wie das aussieht.“ Der Kneipenphilosop lacht: „Jedenfalls werden die Ruinen Roms wie die Pyramiden Ägyptens länger da stehen, als die hierzulande als Investitionsobjekte gebauten Pappschachteln aus Glas, Beton und Eisen. Ich meine, welche Sekretärin läßt sich schon gern von der Straßenbahn aus durch das bis zum Boden reichende „Fenster“ unter den Rock schauen, wie das hiesige „Haus des Buches“ es so schön vorführt. Nennt sich Transparenz, ist ein Witz. Und eine Verwechslung natürlich. Aber genug, die Erde ist eine Scheibe, von vier Elefanten getragen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. Januar 2024

„Der Blick ins Land“, der Kneipenphilosoph schaut mich an. „Es schneite, vor ein paar Tagen, der Schnee deckte all die Silvesterreste gnädig zu, diese Stadt zum Beispiel, auf ihren Trottoiren lagen die bunten Papierfetzen unter Schnee. Man könnte sagen, Weiß ist die Farbe der Unschuld, ja sicher, Weiß ist keine Farbe. Die Obdachlosen jedenfalls haben sich irgendwohin verkrochen, keiner zu sehen. Und Bettler sitzen auch keine herum, ganz wie die Klimakleber. Dieser Winter schüttelt den Kopf, so wie der vergangene, verregnete Sommer es getan hat. Aber irgend so ein „Mensch“ stellt sich allen Ernstes hin und doziert, dieser Sommer sei der heißeste seit den Aufzeichnungen gewesen. Das Wetter kann machen, was es will – immer Klimakatastrophe. Man wird müde drum. Schreikinder, irgendwann hört man sie nicht mehr, eine Art Nebengeräusch der Postmoderne. Und dann der gruslige Osten, die Russen machen langsam, langsam und methodisch, Stück für Stück. Es scheint, sie haben alle Zeit der Welt, was für eine Drohung. Und wie sie hierzulande alle schnappatmen, die Hähnchen und die Dämchen, jede Woche ein Stück hysterischer. Man fragt sich, wie weit sich das noch steigern läßt. Manche jedenfalls sehen aus, als würden sie jeden Augenblick platzen, man hat den Eindruck, lieber ein Stück beiseite gehen zu sollen. Das Volk indes hört auch da nicht mehr so recht zu, das Volk hat andere Sorgen; die heißen Miete und Strom und Benzin und Kühlschrank. Und wenn die Bauern die Faxen dicke haben, zum Beispiel, weil ihnen das Wasser bis zum Hals steht, dann solidarisiert sich das Volk. Denn auch da steigt das Wasser. Aber ein Gutes hat die De-Industrialisierung doch, dieses Land hier schafft es inzwischen nicht mehr, Taurus-Marschflugkörper in Mengen zu produzieren. Die paar Vorhandenen behält man dann lieber bei sich. Man sollte Beifall klatschen. So ist das, das beißt sich selbst in den Hintern und sorgt für Live-Kabarett. Schätze mal, die „Grünen“ werden irgendwann, in nicht allzu ferner Zeit, die Atomkraftwerke wieder einschalten wollen, Kriegswirtschaft braucht grundlastfähige Energie. Daß inzwischen allerdings hunderte Firmen abgewandert sind, wird ihnen den erwartbaren Strich durch die Rechnung machen. Tja, wer nicht alles hat schon versucht, dem nackten Mann noch dreist in die Tasche zu greifen. Aber sieh es mal so, wenn wir alle am Lagerfeuer sitzen, dann hat sich die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen erledigt. Ist doch ein Plan, oder? Ansonsten, wie heißt es so schön, Krieg ist: Alte Männer schicken junge Männer zum Sterben in die Schlacht. Und wenn es Winter ist, dann deckt der Schnee die Toten zu, wie auf den Trottoiren dieser Stadt die bunten Silvesterreste. Der Schnee als Leichentuch, woran erinnert das? Ach ja, Osten, die Russen, Stalingrad, das Ritardando im Lied. Und der Mai Fünfundvierzig, als der Rest der hochdekorierten Herren mit hoch erhobenen Händen aus den Bunkern stolperte, der Schlußakkord. All die Sofa-Krieger im Jahr 2024 sollten noch mal in die Geschichtsbücher schauen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 15. Januar 2024

„Die Bauern?“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an. „Vielleicht so, zum Beispiel: Wenn man ein neues Produkt einführen will, Laborfleisch vielleicht, oder Insektenbrot, und die Leute sich angewidert abwenden, weil sich der Magen schon beim Gedanken daran verknotet, was eine biologische Reaktion darstellt, dann hat man ein Problem. Mal davon abgesehen, daß objektiv kein Bedarf besteht, sagt die biologische Reaktion schlicht: das kann unmöglich gesund sein. Es besteht kein Mangel auf diesem Planeten, es gibt ein Verteilungsproblem, sicher, aber keinen Mangel. Ergo muß, wenn die übliche Programmierung der Massen nicht funktioniert, ein Mangel hergestellt werden. Ergo wird der Bauernstand zum Angriffsziel. Der Produzent von Nahrung. Tja mein Lieber, es ist wirklich so simpel. So wie hinlänglich bekannt ist, daß das um den Globus wabernde „Kapitel“ geradezu verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten sucht. Die Menge an vorhandenem „Geld“ findet schon seit Jahren keine physikalische Entsprechung mehr. Und so kaufen Leute wie Herr Gates oder Herr Soros oder Herr Zuckerberg eben Land. Der Bauer auf seiner Scholle ist autark, er kann sich selbst ernähren, er ist unabhängig. Nimmt man ihm die Scholle, und verpachtet sie zum Beispiel hinterher, wird er abhängig. Das ist dann wie Kaiser Neros Daumen, man schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe, wie es so schön heißt. Natürlich funktioniert das Ganze nur, wenn man Büttel hat, die das auch umsetzen. Und diese Büttel brauchen natürlich Rechtfertigungen, wie „Corona“ oder den „Klimawandel“. Und natürlich werden Fußtruppen gebraucht, die „Klimakleber“ zum Beispiel, oder Schlägertrupps unter falscher Flagge. Immerhin, jede Idee muß in die Physik übertragen werden, sonst bleibt sie nur Idee. Und: du kannst davon ausgehen, daß die Büttel in ihrer Mehrheit wissen, in wessen Auftrag sie handeln, von denen mal abgesehen, die gar nix merken. Im Mittelalter, so um das 14. Jahrhundert herum, gab es das „Bauernlegen“, heißt, das Stehlen des Landes. Die damaligen Fürsten, denen das Rittertum abhanden kam, die „Großbauern“ werden wollten, enteigneten die Bauern, kauften ihre Höfe auf, und wenn einer nicht so recht Lust dazu hatte, halfen die Soldaten des Fürsten freundlich nach. Wie viele Höfe gebrannt haben, wie viele Bauern samt Kindern und Großmüttern und Großvätern und so weiter plötzlich und unerwartet aus dem Leben schieden, weiß heute niemand mehr. Was man aber weiß ist, daß die Fürsten die Mehrheit der freien Bauern in die Leibeigenschaft zwang. Insofern verhalten sich oben genannte „Leute“ ganz wie die Fürsten des 14. Jahrhunderts. Tja, und dann kam 1525 der Bauernkrieg, es kam ein Thomas Müntzer, es kam die Bundschuhbewegung. Klar hatten sie keine Chance gegen die gut ausgebildeten Berufssoldaten der Fürsten. Und dennoch, die Herrscher ganz Europas zitterten vor Angst. Und heute zittern die Büttel, die Vertreter der Fürsten in Regierungsämtern, deshalb schreien sie so herum, schwingen sie die Nazi-Keule, blasen sie sich moralisch auf. So ist das mit der Physik, so ein Traktor ist tatsächlich nicht zu übersehen, nicht wahr? Die Sozialdemokraten verraten jedenfalls wieder mal alles und jeden, die „Edel-Arbeiter“, die man mit Pöstchen preiswert kaufen kann, du erinnerst dich, Kiegskredite und so weiter. Und wieder mal muß das Vaterland herhalten. Und die „Grünen“ sind das Gleiche in Grün, keiner weiteren Rede wert. Und was die „Blauen“ angeht, so kannst du zuschauen, wie so einige verschämt anfangen, mit huschenden Augen ihr Fähnchen in den Wind zu drehen.“ Der Kneipenphilosoph lacht schallend: „Tja, die Geschichte, sie sorgt wahrlich regelmäßig für einen guten Treppen-Witz.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 9. Januar 2024

„Mein Gott, ist die häßlich“, der Kneipenphilosoph hebt die Schultern. „Ich kann nichts dafür, irgend so eine Stimme in meinem Kopf sagt jedes Mal diesen Satz, wenn ich sie sehe. Natürlich sagt sofort eine andere: Das ist nicht in Ordnung. Die ist ja vielleicht krank oder Frustverfressen. Es gibt halt Pücknicker, die bei zu viel Wohlleben schnell in die Breite gehen. Oder in die Runde. Und daß sie eine quäkende Stimme hat, dafür kann sie auch nichts. Und daß es nicht leicht ist, mit solch einem Körper, ist ja eine Binsenweisheit. Und anständig ist es ohnehin nicht, so etwas zu denken. Du siehst, die Argumente lassen sich wie eine Wimpelkette zum Kindergeburtstag aufspannen. Und doch, jedes Mal sagt die Stimme: Mein Gott, ist die häßlich. Und sie hat so einen Klang dabei, zwischen bedenklichem Kopfschütteln, kindlichem Staunen und Belustigung. Was soll ich machen, die Stimme redet einfach, sie fragt mich nicht. Natürlich beiße ich mir auf die Lippen und sage den Satz nicht laut. Nicht, weil irgendein Anwalt über mich herfallen könnte, nein, es ist Mitleid. Auch dafür kann ich nichts, das kommt einfach, dieses Gefühl. Das außergewöhnlich Schöne und das außergewöhnlich Häßliche zieht unsere Blicke eben magisch an. Hat, denke ich, etwas mit Biologie zu tun. Sie sorgt dafür, daß das außergewöhnlich Häßliche sich nicht zu stark vermehrt. Nun, und das außergewöhnlich Häßliche sorgt in schöner Regelmäßigkeit dafür, daß sich das Schöne nicht zu stark vermehrt. In der Literatur gibt es Unmengen an Geschichten dazu, es ist sozusagen eines der ewigen Menschheitsprobleme. Und: es gibt ganz ähnlich runde Frauen, da schweigt die Stimme. Es fällt anscheinend äußeres und inneres Häßlich zusammen, in dieser Person. Was an den Sätzen liegen mag, die sie mit ihrer quäkenden Stimme und Überzeugung von sich gibt. Wobei, eine Überzeugung ist ja nicht per se schlecht oder gut. Allerdings, wir Deutschen sind gern stur wie die Ochsen, bis alles in Scherben fällt eben. Es geht die Geschichte von den germanischen Frauen, die nach verlorener Schlacht lieber sich und ihre Kinder töteten, als in römische Gefangenschaft zu geraten. Auf die Idee, in die damals unendlichen Wälder zu fliehen, kamen sie nicht, sie zogen den Untergang vor. Was in irgendeiner der Sagen als Heldentod gefeiert wird. Die Römer wird’s wenig gejuckt haben. Nun, und später dann haben die Waldwilden Rom erobert. Und die Stadt nicht niedergebrannt, sie hatten Achtung vor der Kultur, die Waldwilden. Und waren lernbegierig. Tja die Germanen, ein seltsames Volk. Aber was macht man mit solchen einem Satz, mit solch einer Stimme. Mein Gott, ist die häßlich – was macht man damit? Man könnte als Ausrede gebrauchen, daß es des Häßlichen bedarf, um das Schöne zu erkennen, sicher. Man könnte darüber nachdenken, daß eine solch deformierte Person samt quäkender Stimme in der Horde einer Urgemeinschaft keine Woche überlebt hätte. So als fette Beute für einen Säbelzahntiger. Man könnte über eine Gesellschaft nachdenken, in der es die aktuellen Fürsten fertig bringen, Schön und Häßlich zu definieren, wie es ihnen gerade paßt. Obwohl, die steinerne Urmutter, die man vor Jahren fand, das Fruchtbarkeitssymbol, hatte riesige Brüste und sehr weit ausladende Hüften. Man könnte darüber nachdenken, daß wir die Jäger, vom Adler bis zum Leoparden, die optimal an die Jagd angepaßten, als schön empfinden. Da liegt Schönheit wohl doch nicht nur im Auge des Betrachters, sie hat einen Zweck (wie die Urmutter). Wir finden Zweckmäßigkeit schön, tja. Mein Gott, ist die häßlich – hat dann auch einen Zweck. Wie ein übergroßes Plakat vielleicht, nicht wahr? Ansonsten: die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 4. Januar 2024

Das Café ist leer an diesem Vormittag, wir sind tatsächlich die einzigen Gäste. Dazu regnet es draußen, der Himmel hängt grau und tief, selbst das Werbe-Bunt der Straßenbahnen wirkt blaß, und die wenigen, hastigen Passanten machen mürrische Gesichter. „Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Nach dem geradezu wütenden Feuerwerk zeigt dieses Jahr anscheinend schon, was es im Bauch hat. Aber bemühen wir die Logik. Alle schauen zurück, der Üblichkeit halber; schauen wir mal voraus. Nennt sich Prognose, schauen wir mal in die Glaskugel, was meinst du?“ Der Kneipenphilosoph lächelt: „Also, was wird kommen. Nun, zuerst der Osten, was sagt die Logik? Wer von allem mehr hat gewinnt, und die Russen haben von allem mehr. Die Wünsche des „Wertewestens“ zerplatzen wie Seifenblasen, eine nach der anderen, ein groß Heulen und Zähneklappern wird sein, ist es ja schon. Die Amerikaner, die viel zu hoch gepokert haben, werden sich verziehen – so ist das. Die Vasallen allerdings werden bis zum bitteren Ende an der längst gefallenen Fahne kleben, allen voran die hiesigen. Palästina: Da haben sich Leute Tabula rasa vorgenommen, was mit „endgültig Ordnung“ schaffen übersetzt wird. Die Ordnung einer Trümmerstadt. Eine seltsame Vermischung von Mittel und Zweck. Allerdings kennt auch da die Geschichte tausend Beispiele, von Dresden bis Troja, von Dschingis Khan bis zu den Indianern in Nordamerika. Sie werden also versuchen, so lange Bomben zu schmeißen, bis es vorbei ist. Aber es ist schwierig, Israel wurde schon am Tag seiner Gründung im Mai 1948 das erste Mal angegriffen, nein, keine Rechtfertigung, nur eine Tatsache. Wenn du jetzt an das Huhn und das Ei denkst, liegst du nicht ganz falsch. Weiter. Dieses Land hier, nun, ist immer noch träge. Die derzeitigen Fürsten werden mit Haken und Ösen, mit Geschrei und Empörung, mit Lug und Betrug an ihren Sesseln kleben. Kein mieser Trick ist zu billig, keine Propaganda zu plump, keine Verleumdung zu haarsträubend, keine aufgeblasene Rhetorik zu schmierig – wenn nur die Hintern auf den Sesseln bleiben. Und dennoch wird der Krug in diesem Jahr noch nicht zerbrechen, dieses Land hier, es ist immer noch träge. China: Die Werkbank der Welt hat sich längst emanzipiert, und hat tatsächlich die Armut im eigenen Land abgeschafft. Die Seidenstraße wird weiter gebaut, der „Wertewesten“ wird weiter auf Abstand gehalten, die Erinnerung an die hundertjährige Demütigung wird nicht verblassen. Dieses seltsame kommunistisch-kapitalistische System, nach dem so einige sehnsüchtig schielen ob seines Erfolges – dieser Riese wird weiter wachsen. Klar macht das Angst. Amerika: Ist am Scheideweg. Zwei alte Männer stehen dafür, zwei Systeme stehen dahinter, die eigentlich eines sind. Amerika gehen die Ressourcen aus, die moralischen, die monetären, die physischen. Amerika ist Endphase, oder Vorschau, ganz wie du willst. Eine komplett entsolidarisierte Gesellschaft, wie Pispers es nannte. Der eine alte Mann ist der Strohhalm, er ist ein Rest von Physik, er ist ein Rest von „Geld kann man nicht essen“. Die Amerikaner werden immer mehr ihres immer weniger wertvollen Geldes für Rüstung ausgeben, und immer wilder um sich schlagen, wie ein Ertrinkender. Aber sie werden auch versuchen, den Strohhalm zu wählen, gegen ihre derzeitigen Fürsten, die den hiesigen wie ein Ei dem anderen gleichen. Aber es sind sehr viel größere Eier, immerhin. Corona: Der Betrug ist mittlerweile offensichtlich, selbst für gläubige Jünger. Die um den Globus geisternden Zahlen sind gnadenlos. Also werden die Fürsten die Tatsachen beschweigen, es wird funktionieren. Menschengemachter Klimawandel: Gleiches Spiel. Mit dem Unterschied, daß sich diese Psychose länger und ausgiebiger nutzen läßt. Der „Klimawandel“ ist wie die Ausrede eines Kindergartenkindes. Man muß sich nicht um Naturschutz vor der Haustür kümmern, wenn man mit den Fingern auf andere oder ins Irgendwo zeigen kann. Mal davon abgesehen, daß er sich wunderbar zur „Disziplinierung“ der Masse verwenden läßt. Zum Schluß? Nun, es gäbe sehr viel mehr, sicher. Also wählen wir. Der große Crash? Der Absturz? Tja, das gilt für den Wertewesten, also ein rundes Viertel dieser Welt. Dreiviertel sehen immer erfolgreicher zu, daß sie wegkommen vom brennenden Haus, vom sinkenden Kahn, von der Irrenanstalt. Insofern ist nur eine Frage relevant: Wann ist hier der richtige Zeitpunkt, zu gehen.“ Nach einer Pause setzt der Kneipenphilosoph hinzu: „Daß die Russen gewinnen, gegen den kompletten Westen, hat fatale Auswirkungen für Letzteren. Das ist wie ein Theaterscheinwerfer, der jede Falte herzeigt, jede Unsicherheit im Gesicht, jeden Fussel auf dem Kostüm. Und die ganze Welt schaut zu.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 29. Dezember 2023

„Das schöne Messer, die Lieblingstasse, der Blick aus dem Küchenfenster am Sommermorgen, das eine Lied. Tja, so sind wir. Jeder von uns hat so etwas, und vieles davon ist geradezu irreal. Das schöne Messer sieht genau so aus wie die anderen im Besteckkasten, nichts unterscheidet es. Und doch, mit diesem Messer schneidet sich das Brötchen sozusagen von allein in zwei Hälften, nun und die Butter streicht sich sozusagen von allein, und die Marmelade sowieso. Und über die Lieblingstasse muß ich gar nicht weiter nachdenken, nur aus ihr schmeckt der Kaffee so, wie eben aus ihr. Es geht die Geschichte von einem Fotografen, zur Zeit, als noch Filme in den Kameras steckten. Der Mann fuhr mit dem Zug, Sommermorgen, Nebel über den Feldern, Bauernhof im Morgenlicht, einzigartig. Der Mann stieg an der nächsten Station hastig aus, lief hastig zurück, aber der Augenblick war vorbei. Und dann fuhr er Jahr für Jahr immer um die gleiche Zeit mit diesem Zug. Über zwanzig Jahre fuhr er, sagt man. Und dann endlich war es wieder so ein Morgen und er bekam sein Foto, seinen Traum. Ein glücklicher Mann. Er hatte etwas gesehen, nur er, die Welt hatte in seinem Inneren geschwungen, wenn du so willst. Und nun hatte er es, konnte es anderen zeigen, ein Schatz; ein Mann, der teilen will, teilen muß, um nicht am Glück zu ersticken. Kann schon sein, daß in solch einem Foto die Unendlichkeit steckt, so wie in dem einen Blick aus dem Küchenfenster. Tja, was kostet die Unendlichkeit. Die Altvorderen in Europa glaubten an Waldgeister und Nixen, die Indianer an ihren Manitu, die Beduinen an Dschinns, nun, und die Griechen hatten ganze Heerscharen von Göttern. Wenn wir die Dinge personifizieren können wir mit ihnen umgehen. Wir geben ihnen Namen – und dann verwechseln wir sie, die Namen und die Dinge. Nur, einem Baum oder einem Augenblick ist völlig egal, wie wir ihn nennen. Doch wir behaupten gern, daß die Dinge sind, weil wir ihnen Namen geben. Nennt sich Egozentrismus. Was nicht weiter bemerkenswert wäre, wenn wir es nicht so selbstverständlich tun würden, so voller Überzeugung, voller Ansprüche. Der Nabel der Welt, die Krone der Schöpfung, die Herrscher. Diese Anmaßung ist einer der Gründe für den ganzen Blödsinn, den wir verzapfen. Der „Great Reset“ zum Beispiel basiert darauf. Da ist kein Platz für das schöne Messer, die schöne Tasse, den einen Augenblick. Und: es ist immer nur die Zeit, um die es geht. Die gute alte Dame lacht uns aus, wir sagen Baum und glauben Baum, mehr können wir nicht. Wir sagen Zeit und haben keine Ahnung, was das ist. Wir sehen nur, daß sie alles beginnen und enden läßt. Herrjeh, und wir wollen doch nicht enden, nicht? So als Nabel der Welt. Und dann kommt so ein Fotograf mit seinem Foto, oder der Augenblick, in dem das siedende Wasser in die schöne Tasse rauscht, oder ein Jesus von Nazareth. Und alles, was wir zu wissen glauben, zerbröselt wie trockener Keks. Wir ahnen, daß wir nur ein Teil und irgendwo dazwischen sind, nix mit Krone. Der Witz: Wären wir nicht Teil, könnte der Fotograf nie sein Foto machen, gäbe es das schöne Messer nicht, gäbe es diese winzigen Augenblicke nicht, in denen uns die gute alte Dame Zeit über die Schulter schauen läßt. Ich denke, sie sind das, was wir wirklich bekommen können, diese Augenblicke, in denen alles einfach da ist, wie eine Umarmung. Kann schon sein, daß wir das Glück nennen müssen, nicht wahr? Wir zwei, und alle anderen auch.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 21. Dezember 2023

„Das Land und der Staat sind zwei sehr verschiedene Dinge.“ Der Kneipenphilosoph lacht. „Und die jeweiligen Fürsten sind jeweils sehr eifrig, diese zwei, wie auch andere, in einen Topf zu werfen, wie es so schön heißt. Dann können sie zum Beispiel behaupten, das Land gehe unter, derweil nur der Staat, also die jeweilige Herrschaftsform unter geht, also die jeweiligen Fürsten. Alle vergangenen Systeme haben vor ihrem Verschwinden den Weltuntergang beschworen, tja, und je näher das Ende desto größer das Kino. Wir lieben außergewöhnliche Situationen – als Zuschauer. Aber das nur nebenbei. Und Ideologie stört uns nicht sonderlich – als Zuschauer. So lange die Schauspieler auf der Bühne bleiben und nach der Vorstellung ihr Bier in irgendeiner Kneipe trinken. Aber auch das nur nebenbei. Land und Staat, vielleicht könnte man so sagen: Das Land ernährt seine Leute, der Staat schröpft seine Leute. Es liegt also ziemlich offensichtlich im Interesse der jeweiligen Fürsten, die Suppe im Topf bis zur Unkenntlichkeit ihrer Bestandteile zu verrühren. Oder sollte ich sagen: Suppe im Kopf? Immerhin, nur sehr wenige Menschen gehen aus eigenem Antrieb in den Schützengraben, den Rest muß man überreden. Nun, und das Vaterland eignet sich von alters her, das zu verteidigende. Nur, die Heimatliebe meint das Land, nicht den Staat. Bis auf die natürlich, die etwas „davon haben“, die Fürsten und ihr Anhang. Wenn also ein Verteidigungsminister hierzulande heute von der Wiederherstellung der Kriegstüchtigkeit spricht, meint er den Staat, dessen Teil er ist. Da sollte sich niemand etwas vormachen. Am Ende meint er schlicht seinen eigenen Posten. Ganz verrückt wird es allerdings, wenn die gleichen Leute zur gleichen Zeit alles dafür tun, das Land, nun, kaputt zu machen. Sie sind wie die seinerzeit dämlichen Grafen, die nicht begriffen haben, daß ihr ganzes Dasein auf dem Bauernstand beruht. Das Volk ernährt die Herrscher, niemand anderes. Sicher, diese Wahrheit ist so simpel, daß man sie schon mal vergessen kann. Wenn also die augenblickliche Regierung dieses Landes mit Vehemenz für De-Industrialisierung sorgt, sägt sie tatsächlich an dem Ast, auf dem sie sitzt, sie schreddert sozusagen die eigene Basis. Die Grafen haben ihre Bauern für schnellen Gewinn als Soldaten verkauft, man könnte auch sagen: Die Herrscher aller Zeiten wurden mit der Zeit immer dämlicher. An diesem Punkt wird die Ideologie zur realen Macht, wir sind keine Zuschauer mehr, wir sind Betroffene. Die Schauspieler greifen uns wie Diebe in die Taschen, sie überfallen uns wie Wegelagerer, Räuber. Sicher, das war schon immer so, in den Geschichtsbüchern steht es ja. Aber das macht es nicht besser. Und immer ging der Krug so lange zum Brunnen, bis er zerbrochen ist. Geopolitisch jedenfalls sollten witziger weise alle, die sich sehnsüchtig an die alte BRD erinnern, den Russen die Daumen drücken. So lange Deutschland „Frontstaat“ war, wurde es gepäppelt, als Schaufenster der „besseren“ Welt. Insofern sind die aktuellen Fürsten besonders dämliche Fürsten, sie sind derart aufgeblasen, daß sie nicht mal einen Rest-Instinkt zum eigenen Machterhalt haben. Sie sind nicht mal Kleinkrämer oder Winkeladvokaten, sie sind verzogene Quengel-Kinder mit Ansprüchen. Wahrlich: Es ist schon seltsam, Leuten in Regierungsämtern zuzuschauen, die so gar nichts begreifen. Und wenn sie tatsächlich glauben, nach getaner „Arbeit“ in „Übersee“ freundlich empfangen zu werden, nun, dann ist ihnen wirklich nicht mehr zu helfen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 16. Dezember 2023

„Mit dem Gesicht zum Volke, erinnerst du dich?“, der Kneipenphilosoph schaut mich an. „Mit dem Gesicht zum Volke, nicht mit den Füßen in ´ner Wolke – da war der gute Mann gerade aus Nikaragua zurück gekommen. Gerhard Schöne, der Vorzeige-Christ der DDR. Aber das kam erst später, könnte wetten, daß ein paar nicht so erfolgreiche Liederschreiber fein mitgetan haben. Schließlich hat man dem Mann den Nationalpreis an den Pullover geheftet, da kann man schon neidisch werden. Allerdings, wenn der Schöne das Lied heute schriebe, tja. Schätze mal, daß die Cancel-Culture-Inquisitoren ihn teeren, federn und alttestamentarisch steinigen würden. Klingt verdächtig nach dem gleichen Neid, nicht wahr? So ist das mit den bunten Wellensittichen und den grauen Spatzen, obwohl, heute ist es ja genau anders herum. Wir jedenfalls haben den Schöne für dieses Lied gemocht, und für ein paar andere auch noch, sicher. Und wie so vieles, das nur im „Ländle“ blühen konnte, verschwand auch Gerhard Schöne ziemlich komplett von der Bildfläche, zudem: mit dem Christentum hat man es ja heute so wie so nicht mehr so. Da wirkt der Spruch: Einen guten Kommunisten verläßt der liebe Gott nie, nun, sagen wir mal Mehrfach-Antagonismus dazu. Tja, Vergangenheiten sind wie alte Bücher, manchmal ist es schwierig, darin zu lesen. Ja doch. Die neuste Pisa-Studie. Dieses Land verblödet, da muß man sich nicht mal die aktuellen Politik-Darsteller anschauen. Oder die rudimentären Sprachreste auf Handys. Oder die billig zusammengestückelten Fernsehserien. Und immer so weiter. Heißt, daß die Lesekompetenz inzwischen so ziemlich im dritten Kellergeschoß angekommen ist, ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wer nicht in der Vergangenheit lesen kann hat kein Jetzt, heißt es so schön. Und selbst der nächste Tag liegt hinter einer grauen Nebelwand. Logik, komplexe Zusammenhänge, Gesetzmäßigkeiten, Schlußfolgerungen gar – alles chinesisch, mindestens. Da wird das besetzte Wort zum doppelten Feindbild.“ Der Kneipenphilosoph lacht, daß die Fenster wackeln. Mißbilligende Blicke allenthalben, das Café ist an diesem Vormittag gut besucht. Dann sagt er: „Da haben doch die Lehrer tatsächlich festgestellt, daß die „Digitalisierung“ in den Schulen zu verblödeten Kindern führt. Ich weiß nicht, sollte man ihnen die Schultern klopfen? Und den Helikopter-Eltern, sollte man ihnen sagen, daß die Reproduktion von Blödsinn Blödsinn ergibt? Lehrermangel hin oder her. Die mittelalterlichen Fürsten waren auch nicht sonderlich an der Bildung ihrer leibeigenen Bauern interessiert, mit den Fingern rechnen reichte. Ungebildete Untertanen haben keine Fragen. Und wenn doch, dann reicht: Es ist so eingerichtet, von Gottes Gnaden. Wer gerade mal bis zum Feldrand denken kann, ist sozusagen ideal. Aber wozu sich echauffieren, als die DDR unter ging war klar, daß die alte BRD auch untergehen wird. Hat sogar ein paar Jahre länger gedauert, als vermutet. Nur, daß ausgerechnet „SPD“, „Linke“ und „Grüne“, den Laden abreißen, war so nicht zu vermuten. Habe eher gedacht, daß die CDU sich von „Übersee“ kaufen läßt. Aber wahrscheinlich braucht es dazu genug Selbsthaß. Was eine wirklich bemerkenswerte Kombination ergibt: Narzißmus und Selbsthaß. Die Psychologen sollten sich das mal genauer anschauen, denke, das hat man nicht alle Tage.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 7. Dezember 2023

„Die Russen? Tja, es wird wohl demnächst Abwehrsieg und Frontbegradigung heißen. Als wäre die Geschichte in ein Zeitloch gefallen. Den Volkssturm gibt es jedenfalls schon wieder, alte Männer um die Sechzig und so weiter. Und Frauen natürlich. Und Zahlen gibt es, vermutete, orakelte, gewünschte. Die Russen, sie gehen in Massen über den Jordan, sie sterben wie die Fliegen im Herbst – da fällt mir ein altes Volkslied ein: „Ach wenn´s doch wäre.“ Diese Russen und ihre vermaledeite Technik. Diese gruseligen Raketen, die jeden Flugzeugträger zur behäbigen Zielscheibe machen, zum Beispiel. Und jetzt bauen sie auch noch massenweise Drohnen, und General Winter ist ja so wie so auf ihrer Seite, das kennt man ja. Es ist zum Mäuse melken; und kein Captain America in Sicht. Überhaupt Winter, unverschämt, es schneit. In diesem Land hier drehen mittlerweile rund 5 Millionen Leute ihre Heizung nicht mehr auf und frieren lieber, was den höchsten Krankenstand in der Geschichte der Republik ergibt. Immerhin, da läßt es sich als Fortschritt verkaufen, daß Krankmeldungen wieder per Telefon erledigt werden können. Unterdessen heben die Russen ein ukrainisches Drogenlabor nach dem anderen aus. Das ist wie in Afghanistan, da haben sie den Mohnanbau zu fast hundert Prozent abgewickelt, was zu empfindlichen Engpässen im Westen führt, im kommenden Jahr. Da droht eine Drogenkriese, man sucht händeringend nach Ersatz. Aber die Russen, sie haben mehr Kanonen, Panzer, Granaten, Raketen und vor allem Flugzeuge, und sie benutzen das Zeug auch noch. Sie haben sich erinnert, die Russen, wie das geht. Sie haben in die Geschichtsbücher geschaut und vielleicht auch hier und da einen ihrer alten Filme hervor geholt, „Geh und sieh“ zum Beispiel. Und nun kommt der Winter und man erinnert sich unwillkürlich an das Jahr 1943. Da ging es los gegen die Heeresgruppe Süd, ein 300 Kilometer langer Keil war es und am Ende waren zwei ganze deutsche Armeekorps eingeschlossen, 20000 Mann starben, 30000 liefen weg, schafften es gerade so nach Westen, gegen den Befehl Hitlers. Tja Geschichte. Nicht die Amerikaner haben den zweiten Weltkrieg gewonnen, die Russen waren es. Und haben bezahlt, mit Millionen Menschenleben. Deshalb sind sie vorsichtig, sie sind sparsam, sie haben in die Geschichtsbücher geschaut. Da muten die Wünsche unserer Gazetten reichlich perfide an, nicht wahr? Aber es gibt auch was Lustiges, vom Bundestag mal abgesehen. Es sitzen, vor ein paar Tagen, Leute in orangenen Westen in Berlin bei Frost auf der Straße und frieren sich den Hintern ab, derweil alle über eine „Weiße Weihnacht“ reden. Schätze mal, die orangenen Leute werden sich demnächst Heizkissen mitnehmen müssen. Da gibt es dann für ein paar Minuten frostfreie Fleckchen in Arschgröße im Eis, wenn sie wieder aufstehen. Sie hinterlassen sozusagen Spuren. Was noch? Die Philosophie? Nun ja: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern – ich weiß, klingt mittlerweile wie eine Plattitüde. So ist das, manche Wahrheit klingt einfach viel zu einfach. Die zum Beispiel: Wenn Schrödingers Katze leben würde, wäre sie tot. Obwohl, umgekehrt klingt es bestimmt besser.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Ja, ich weiß, Ironie klingt anders. Der Sarkasmus kommt von ganz allein, wenn die Ironie aufgebraucht ist.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 28. November 2023

„Stammtisch“, der Kneipenphilosoph lacht schallend. Eine voluminöse, ältliche Studentin, die an diesem frühen Nachmittag gerade zu Tür herein kommt, zieht den Kopf ein. Fast sieht es aus, als wolle sie gleich wieder gehen. Mein Gegenüber sagt: „Stammtisch, das läßt sich in einem Satz zusammenfassen, und der geht so: Das Volk wartet, daß der Spuk endlich vorbei ist. Wobei, da fällt mir der Luther ein, der den Leuten aufs Maul schauen wollte. Schätze mal, daß er seine Bibel-Übersetzung niemals hinbekommen hätte, wenn er nicht den Leuten aufs Maul geschaut hätte.“ Unterdessen nimmt die Studentin umständlich am Tisch gegenüber platz, dann schaut sie giftig zu uns. Der Kneipenphilosoph sagt schmunzelnd: „Tja, alte weiße Männer, die etwas zu lachen haben. Und überall sitzt eine Möchte-gern-Kassandra herum, eine mit Vaterkomplex. Ist wie der Ödipuskomplex, tja, und das ist so alt wie die Welt. Ansonsten mag ich den Müntzer lieber, vom Wort zur Tat sozusagen. Aber ich erzähle dir eine kleine Geschichte, die sich in dieser Stadt zugetragen hat, gleich nach der „Wende“, so um 1992 herum. Da kamen junge Männer hier an, mit braunen Glutaugen, schöne, schlanke junge Männer, Wüstensöhne. Und ein paar von ihnen landeten in einem soziokulturellen Zentrum. In diesem gab es ein paar Frauen, von westwärts importierte Frauen, moderne Frauen sozusagen. Die waren von den jungen Männern, nun sagen wir mal fasziniert. Und im Bett erwiesen sich diese als wahre Helden, so männlich, so undomestiziert, so gierig. Und eine kleine Weile hing der Himmel voller Geigen. Aber dann wollten diese Männer heiraten und Kinder machen, wie es so ist. Sie wollten nicht nur Liebeströster sein, sozusagen. Tja, die modernen Frauen bekamen einen riesen Schreck, so hatten sie nicht gewettet. Diese Männer sollten gefälligst preiswerte Gigolos bleiben. Zu direkt? Der Internationalismus der Damen reichte nur bis zur Bettkante, ist das besser? Wie auch immer, die Wege trennten sich, Urgemeinschaft und spätrömische Dekadenz paßten nicht so recht zueinander.“ Unterdessen sehe ich im Augenwinkel die Studentin schwer atmend an ihrem Tisch sitzen. Der Caffé Latte vor ihrer Nase wird kalt. Dann zückt sie ihr Iphon und fängt hastig an zu tippen. Der Kneipenphilosoph spricht ungerührt weiter: „Da haben wir den ganzen Salat, wenn du so willst. Wie heißt es so schön: Die Frucht der Liebe sind Kinder. In China heißt es: Auf einem viel befahrenen Weg wächst kein Gras. Aber vielleicht ist das Ganze auch nur so eine Art Bulimie, wir sind ohnehin viel zu viele auf diesem Planeten. Meinen jedenfalls die Great-Reseter. Und sie hören es gar nicht gern, wenn Wissenschaftler sagen, daß die Erde locker 30 Milliarden Leute ernähren könnte, bei gerechter Verteilung der Güter.“ Da bellt es vom Nebentisch: „Herr Ober, zahlen!“ Es klingt geradezu, als würde ein mittelalterlicher Knecht gerufen. Der Ober kommt, die Studentin zahlt, steht schnaufend auf, sie hat wirklich viel Volumen, schiebt sich an unserem Tisch vorbei und zischt: „Daß sich hier solche Chauvinisten breit machen können, ist kaum zu glauben. Na ja, es gibt ja andere Cafés.“ „Ja“, entgegnet der Kneipenphilosop trocken. „Da haben sie vielleicht auch breitere Stühle, wenn die Gedanken schon so schmal sind.“ Es folgt, was man heutzutage Schnappatmung nennt. Ich aber überlege, ob ich das wirklich so aufschreiben soll. Wie es so ist, Realität im November 2023.

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 21. November 2023

„Im traurigen Monat November wars – Schmuddelwetter, geradezu klassisch“, der Kneipenphilosoph lacht. „Ansonsten mag ich ihnen allen nicht mehr zuhören, den einen nicht, den anderen nicht. Den Zeitungen, den Videos im Internet, den Fernsehsendungen, den Nachrichten. Und den Demonstranten nicht. Ja, das sind viele Nein. Wenn sie wenigstens Fragen stellen würden, aber sie fragen nichts. Draußen weht derweil der Herbstwind, Regentropfen klopfen an Fensterscheiben, hier und da krächzt eine Krähe, und die Weihnacht ist nur noch ein paar Wochen entfernt. Ein paar Schritte aus der Stadt hinaus, ein Weniges von der Straße entfernt, ist Stille. Es ist, als würde man den Planeten wechseln. Und die Dinge erklären sich selbst, Wind eben, Regen, abgeerntete Felder; zwischen dir und der Erde sind nur Gummisohlen, sonst nichts. Hier gibt es nichts zu holen. Und: den Leuten ist nicht wohl bei so viel Stille. Tja, früh dunkelt der Tag in die Nacht, da zünden sie in den Städten die Lichter an, in einsamen Kammern vor Bildschirmen. Würden zwischen den Häusern Wölfe herumlaufen, niemand würde es merken. Der traurige Monat November, da gehen Revolutionen schief, da fallen die gehobelten Späne zu Haufen, mit denen sich gut Feuer machen läßt, nicht wahr? Irgend jemand hat immer das Streichholz parat, einer muß der Bluthund sein. Und wenn sich dann die Kollateralschäden zu Bergen stapeln, dann ist das eben so. Als die Griechen vor Troja saßen und den hohen Mauern nicht beikommen konnten, war es am Ende ein Psycho-Trick. Sie kannten den Gegner gut, er war wie sie selbst, das hölzerne Pferd war ein lausiger Verrat, nichts weiter. Und als Troja dann brannte waren die mordenden Griechen nur noch Schlächter. Frauen, Kinder, halbnackte Soldaten, Blutrausch. Aber der Konkurrent war erledigt, damit ist alles erklärt. Wenn der Kampf vorne rum nicht zu gewinnen ist, dann eben hinten rum. Die Griechen wurden zu Terroristen in Troja, da nutzt auch Homer nix. Heißt: Wann wird der Grund völlig egal? Wann geht jede Zivilisation verloren? Wann fallen die Hüllen und die Bestie feiert fröhliche Urständ. Ob nun Vietnam oder Afghanistan, Syrien, Palästina, Jugoslawien – und immer so weiter, eine endlose Kette, als hätte es das Jahr 1945 nie gegeben.“ Der Kneipenphilosoph stopft seine Pfeife, entzündet sie, bläst ein blaues Wölkchen über den Tisch und schüttelt den Kopf: „Der Westen ist der kranke Mann dieses Planeten, er fuchtelt mit allem herum, was er hat, herrisch wie eine alte Vettel, hinterhältig wie ein Winkeladvokat, grausam wie eine seelenlose Bombe, gemein wie ein Heckenschütze, verlogen wie ein Kasper, der den Kindern giftige Bonbons aufdrängt. Jeder Ritter des ach so dunklen Mittelalters würde sich angewidert abwenden, wir haben fertig, Flasche leer. Wie sind zerfressen und klapperig wie eine ausgeleierte Maschine, die Blut säuft. Wir sind das Irrenhaus, in dem die Patienten an Computern mit Zahlen spielen, und die den ganzen Laden in den Abgrund reißen, wenn man sie läßt. Nun ja, der „Great Reset“ läuft, die glauben tatsächlich, man könne neu starten, man könne die Guppys im Aquarium mit dem Kescher und der Mülltonne loswerden. Das glauben die wirklich. Aber keine Sorge, sie haben nur Angst, wie alle „Götter“. Alles wird und vergeht. Draußen in der Stille, im Herbst, kannst du dich daran erinnern. Insofern ist der deutscheste aller Monate nur nachdenklich, nichts weiter.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 13. November 2023

„Wichtig-Menschen und Selbstdarsteller – na ja, und Propaganda und Realität können wir auch nicht mehr so recht unterscheiden, lila Kühe schweben sozusagen überall herum.“ Der Kneipenphilosoph stopft seine Pfeife: „Obwohl, die Mehrheit in diesem Land hat gar keine Zeit dafür, da klopft die Realität als Mieterhöhung und Stromrechnung und Benzinpreis und so weiter an die Tür. Diese Stadt zum Beispiel hat einen neuen, hübschen Rekord, nennt sich Obdachlosenzahl. Die hiesige Presse streicht sich sorgenvoll das Kinn, tja, die soziale Frage. Eine Randbemerkung ist sie ab und an mal wert. Und das bunte Bild eines zottligen alten Mannes. Der ist dann keine lila Kuh. Indes tut eine andere Stadt kund, daß die Wintersuppenküche wieder eröffnet ist, hurra. Auch schön bunt, die Nationen der halben Welt sind vertreten, als Wintersuppenesser. Dafür lösen sich die Fake-Linken im Bundestag auf, könnte man als Ende mit Schrecken bezeichnen, Gott sei Dank, vielleicht. Ich meine, es war ja klar, daß der Untergang des Systems mehr zottlige Obdachlose als üblich produziert, es dann aber dann ganz wirklich hier und da zu erleben ist doch etwas anderes. Ansonsten gibt es inzwischen Mieter, die sich freuen, wenn immer noch warmes Wasser aus dem Hahn kommt, und die Angst vor dem kommenden Winter haben. Nicht mal der Klimawandel funktioniert. Der Planet wird immer grüner, die Wüsten schrumpfen und im Winter schneit es. Das Umziehen in Computer funktioniert also nicht, das Umziehen in Handys. Die lila Kühe platzen im Regen. Was noch? An deinen Fragen wird man dich erkennen. Ein neuer Krieg, ja. Religionskrieg gar, da werden Erinnerungen wach, Kreuzzüge und so weiter. Helden auf allen Seiten, das Gute auf allen Seiten, und nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. Wie heißt es so schön: Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich mich übergeben möchte. Aber immerhin wird es lustig, wenn die Klimakleber in diesem Winter mit Eiszapfen an den Nasen auf der Straße herumsitzen. Wichtig-Menschen und Selbstdarsteller, tja, Schein und Sein. Die größte Tat ist, zu sagen, was ist; Rosa Luxemburg schrieb das einst. Was würde sie heute schreiben, wenn sie die überquellende Inkompetenz aufgeblasener Narzißten sähe, die Endprodukte dieser Gesellschaft. Das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, zielgerichtete, organisierte Arbeit, ist für Narzißten etwas, das Sklaven zusteht. Arbeit, igitt. Andererseits, nun ja, ist die Arbeit ja nicht frei. Sie wird gestohlen. Könnte man sagen: Der, der dem Menschen die Arbeit stiehlt, das Ergebnis seiner Arbeit, stiehlt ihm damit auch sein Menschsein? Eine Gesellschaft wie diese hier, die so ungeniert auf Diebstahl basiert, tja, was ist die dann? Ich denke mal, mit Irrweg ist das sehr wohlwollend umschrieben. Impliziert immerhin die Möglichkeit der Korrektur, was die Chaos-Theoretiker gar nicht mögen. Aus Blut und Eisen erhebt sich die neue Ordnung, also erst mal Chaos. Blut und Eisen lassen sich allerdings nicht so ohne weiteres „verkaufen“, die endgültige Lösung, die Endlösung. Und funktioniert hat sie noch nie, aber wir versuchen es immer wieder. Wenn alle Feinde tot sind ist Frieden, wenn alle tot sind ist auch Frieden, nicht wahr? Ein dystopisches Abendland-Reich mit einem Rest zottliger Fake-Obdachloser als Endlosserie in ein paar übrig gebliebenen Computern.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 4. November 2023

„Die Bayern sind aus dem Pokal geflogen“, der Kneipenphilosoph lacht. „Es ist, als hätte Robin Hood dem übermächtigen Sheriff von Nottingham eine Goldtruhe geklaut. Obwohl, eigentlich ist es das nicht. Was ist schon eine Goldtruhe, wenn der Sheriff nicht mehr mitspielen darf. Seines Amtes enthoben sozusagen. Fußballer sind so eine Art Automat, man steckt Geld hinein und Tore kommen heraus. Ganz wie Soldaten: Man steckt Geld hinein und Tote kommen heraus. Nun, und Politiker: Man steckt Geld hinein und Lügen kommen heraus. Tja, und nun sind die Automaten aus dem Pokal geflogen, was heißt, daß alles, was besteht, wert ist, zugrunde zu gehen. Aber die „Bayern“ sind nur ein Bild, eine Geschäftswarze dieser Gesellschaft. Was wiederum heißt, wenn jede Religion verdächtig ist, so ist es die des Geldes allemal. Das Volk? Nun, das freut sich, vor zwei Tagen beim Bäcker zum Beispiel. Die Bayern sind raus war eine Art Losungswort – und zauberte den Leuten ein Lächeln ins Gesicht, ausnahmslos. Ein fröhliches Volk, für ein paar Augenblicke, gewiß, auch das sind Brot und Spiele. Allerdings, wenn die „Allmacht“ Risse bekommt, wenn der Kaiser für einen Augenblick nackt dasteht, wenn das Volk lacht, weil so ein schwabbeliger alter Mann mit Krone nichts anderes als ein schwabbeliger alter Mann mit Krone ist, genau dann ist das eine Erinnerung. Das ist wie Annalena auf dem Plumpsklo oder Robert mit Zahnschmerzen. Was mich zu einem alten Spruch führt, Klassenkampf und so weiter, du weißt schon: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Wenn die Diener keine Lust mehr haben, die Büttel, die Schranzen, die Richter, die Polizisten, die Soldaten. Wenn sie sich daran erinnern, daß sie Väter, Söhne, Brüder sind, und Schwestern, Töchter, Mütter. Die Bayern sind ein Symbol, und so ist ihr Rauswurf auch eines, und auch wenn die Maschinerie Pokal natürlich weiter läuft, sich am Konstrukt also nichts ändert, so wird doch jeder Wandel mit dem Fallen der Symbole kenntlich. Und die Sieger sorgen in schöner Regelmäßigkeit dafür, am Ende die Symbole der Besiegten zu schleifen. Als die DDR unterging, konntest du dir das in Echtzeit anschauen, zum Beispiel. Die Bayern sind also das bröckelnde Symbol einen bröckelnden Ordnung, der Spruch: Geld schießt Tore wird zur Statur, innen Rost und außen Farbe, die den Laden gerade noch so zusammen hält. Insofern sind die Klimakleber mit ihrem Orange geradezu staatserhaltend, nicht wahr? Aber wir wissen ja, wie sie es wissen, daß sie nur einen Job erledigen. Die Klügeren unter ihnen lachen abends in der Kneipe über den ganzen Zirkus und freuen sich am leicht verdienten Geld. Wer weiß, vielleicht sind sie auch der letzte Rest der Spaßgesellschaft. Und Komparsen in Fernsehserien verdienen auch nicht mehr. Aber das ist schon ein anderes Thema. Robin jedenfalls hat dem Sheriff eine Nase gedreht und die im Dunkel, die man nicht sieht, haben für einen kleinen Augenblick aufgeatmet. Das System BRD nach 1945 geht seinem Ende entgegen, die Amerikaner brauchen das Schaufenster gen Osten nicht mehr, sie haben ihren Vorposten nach Polen verlagert, nun, und die Ukraine werden sie los. Wir müssen also darüber nachdenken, uns neu zu sortieren, tja, und da ist so ein Pokal-Aus des Fußball-Geld-Adels schon mal ein freundlicher Hinweis auf das, was kommt.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 27. Oktober 2023

Es ist Herbst, draußen regnet es vor sich hin, feuchter Wind schiebt eilige Passanten durch die Straßen dieser Stadt. Wir sitzen im Warmen und schauen durch die bis zum Boden reichenden Fenster des Cafés den Leuten zu. „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß“, der Kneipenphilosoph lacht. Dann sagt er: „Die Melancholie ist was für alte Männer, das süße Gift, wie es so schön heißt. Ansonsten haben wir eine Invasion quäkender Frauenstimmen, geht schon ein paar Jahre so. Das ist der Frequenzbereich, der für Hörschäden zuständig ist. Heißt: Frequenz und Inhalt passen gut zueinander, zumeist jedenfalls. Übrigens: Hast du jemals die Stimme des nordkoreanischen Kim Jong-un gehört? Tja, du würdest dich wundern, der Mann hat eine wie ein Reibeisen, beeindruckend, geradezu amerikanisch. Das mutet man dem Volk besser nicht zu. So wie der aussieht sollte der lieber quäken. So ist das mit den Bildern, schau dir mal den bunten Zeitschriftenstand im Markt an, alle Damen blond, alle Damen die gleiche Frisur, das gleiche Lächeln, die gleiche Kopfhaltung, alle per Fotoshop mit Babyhaut, die reinste Zombie-Parade. Und zwischendurch mal Selbiges in Kaffeebraun oder Schwarz. Nur Indianer kommen nie vor, eigentlich komisch. Aber ich habe da was für dich.“ Und damit zückt der Kneipenphilosoph ein kleines Reclam-Heftchen, blättert kurz und liest dann vor: „Die Törichtsten und Verächtlichsten von allen sind indes die Kaufleute. Gibt es doch nichts Niedrigeres als ihren Beruf, den sie noch dazu auf gemeine Weise ausüben; denn in der Regel sind sie Lügner, Meineidige, Diebe, Betrüger und Schwindler; trotzdem aber glauben sie, die Angesehensten in der Welt zu sein, weil sie die Finger voll goldener Ringe haben. Gerade diese ehrlosen Reichen sind es, denen die Bettelmönche den Hof machen und die sie als „Hochwürdige Herren“ anreden, und das alles nur, um ein Teilchen von dem unrecht erworbenen Gelde zu erhaschen.“ Dann lacht der Kneipenphilosoph schallend, alle drehen die Köpfe und ich lese auf dem Heftchen: Erasmus von Rotterdam. Und: Das Lob der Torheit. „Tja“, sagt der bärtige Mann mir gegenüber und stopft seine Pfeife. „Der gute Erasmus schrieb das im Jahr des Herren 1509 auf seinem Weg über die Alpen gen England, obwohl, das ganz genaue Jahr weiß man nicht so recht. Jedenfalls schickte er den Text seinem Freund Morus, der Rest ist Literaturgeschichte. Rund 500 Jahre ist das her – und klingt wie heute. Allerdings haben sich die Krämer inzwischen die Welt zurecht gebastelt, und die Bettelmönche heißen heute anders. Was daran liegt, daß die neue Religion Mammon heißt. Nun, und der wird schon mal als gefallener Engel bezeichnet, oder als Dämon, das zu unrecht Erworbene wird personifiziert. Ja, die Bergpredigt, ihr könnt nicht zwei Herren gleichzeitig dienen; eigentlich ist das alles schon gesagt, man kann es nachlesen. Und doch tun wir so, als könnten wir Besitz mit ins Grab nehmen, zum Beispiel. Ein Stück Land, eine Truhe voller Gold, einen Börsengewinn. Es ist wirklich seltsam, wir können nicht wirklich etwas besitzen, und Geld kann von heute auf morgen seinen kompletten Tauschwert verlieren, und ein kräftiger Stromausfall schickt all die Zahlen in den Computern ins Nirwana, kein Backup-System hält ewig. Es gab eine Zeit, da kostete hierzulande ein Ei 320 Milliarden Mark, das genaue Datum? Nun, es war der 2. Dezember 1923. Ansonsten hat irgend jemand mal ausgerechnet, wie lange ein Panzersoldat im Krieg überlebt, mein Lieber, es sind 13 Minuten. Dann ist das Millionending samt „Inhalt“ ein Schrotthaufen, mehr muß man dazu nicht sagen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 19. Oktober 2023

„Etwas Hoffnungsvolles? Nun, da habe ich eine Plattitüde für dich: In jedem Ende steckt ein Anfang.“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an, er lacht nicht. Er sagt: „Das Nichts ist auch ein Anfang, einer, der nie anfängt, der Anfang vor dem Anfang sozusagen. Oder das Ende vom Ende, ganz wie du willst. Oder die Unendlichkeit, das Nirwana, oder wie es sonst noch genannt wird. Jedenfalls nicht vorstellbar, vor allem aber nicht fühlbar. Da ist kein schlagendes Herz, kein Gedanke, kein Ich. Dagegen sind Dantes Höllenkreise ein Kindergarten, eine niedliche Puppenstube in Rosa und Himmelblau. Denn immerhin, die ewige Verdammnis ist etwas. Für jeden Künstler ist das Vergessen die größte Strafe, das vergessen werden. Es ist das Vergessen der Flügel das Ikarus – zum Augenblicke könnt ich sagen: Verweile doch, du bist so schön. Der ganze Faust ist wie ein überlanges Gitarrensolo, das am Ende den Zielton erreicht, der ohne den Weg allerdings nie erreichbar wäre. Dieser winzige Augenblick der bewußten Unendlichkeit. Ich sage dir, mehr geht nicht, für uns nicht, und für niemand sonst im Universum. Manche nennen das göttlich, ich denke, sie haben keine Ahnung. Es gibt kein Wort dafür, und jedes der bekannten Wörter platzt einfach, fällt auseinander. Sie sind also wirklich lächerlich, die mit ihren Computern, die denken, sie könnten dem Tod technisch ein Schnippchen schlagen. Aber lassen wir das. Sie sind nicht wichtig. Sie haben nur Angst, wie wir alle. Die Religion, zumal die christliche, ist da schon ein anderes Kaliber. Oder war es mal. Sie ist ja inzwischen nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Struktur Kirche hat die Religion gefressen, zurück blieb eine leere Hülle, ein Vehikel, schmutzig, verlogen, entehrt. Die Kirche würde Jesus ans Kreuz schlagen, käme er zurück. Und sie würde es verschweigen. Nein, da ist kein Weg mehr. Diese Kirche hat längst ihre Version der Unendlichkeit, die Seele, verraten. Aber was Hoffnungsvolles. Vielleicht steckt im „Lob der Torheit“ des Erasmus etwas, zumindest eine Idee. Oder in Morus „Utopia“. In den Texten der Altvorderen, die noch über eine Aufmerksamkeitsspanne von Stunden, Tagen, Wochen, Jahren verfügten. Selbst Homer, auch wenn er mir allzu parteiisch war, in seiner Ilias, hatte zumindest eine Vorstellung. Eine vom Gedächtnis der Menschheit, was schon ein paar Jahre ausmacht. Heißt summa sumarum, der Blick auf den aktuellen Untergang, der, der uns alle im „Wertewesten“ betrifft, relativiert sich mit dem Blick in die Geschichte. Er wird eine Fußnote, mehr nicht. Mit einer Ausnahme allerdings. Die heißt, der untergehende Fürst schmeißt Atombomben. Feiglinge tun so etwas. Feiglinge und Narzißten. Aber gehen wir mal davon aus, das die Vernunft, oder eben die Torheit, dem entgegen steht. Dann bleibt eine Fußnote übrig. Ich halte das für ziemlich hoffnungsvoll. Und richtig lustig wird es, wenn all die aktuellen Kasperpuppen, die vor Sendungsbewußtsein triefenden Eiferer, das Weite suchen. Sie werden blöken wie die Schafe, die sie sind. Ich wünsche ihnen, daß sie keinen Winkel auf diesem Planeten finden, in dem sie sich verstecken können. Stell dir mal vor, eine Frau B. plappert vor Gericht ihre kruden Sätze und niemand ist da, der sie aus dem Kreidekreis ziehen mag. Wir werden vor Lachen nicht in den Schlaf kommen.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. September 2023

„Weißt du, was mich wundert?“ Der Kneipenphilosoph lacht. „Daß inzwischen noch keiner eine neue RAF gegründet hat. Liegt vielleicht daran, daß die eine Art Wohlstandsproblem war. Ausgeflippte Pfarrerskinder waren ein Wohlstandsproblem, Radikalität muß man sich leisten können. Erinnert dich an die Klimakinder? Ja, die verwechseln da auch was. Paßt für ein Kleinkind, eines, daß im Markt an der Kasse vor der Quengelware steht und nervt. Wohlstandsproblem – und Vergangenheit. Insofern wundert mich das Ausbleiben einer neuen RAF also nicht. Wie hat es so schön ein alter Psychologe formuliert: Das Gestörte wird zur Norm erklärt. Was im Augenblick übergewichtige Menschen betrifft. Fett wird gerade zum Schönheitsideal stilisiert, Rubens-Frauen, mindestens. Bald werden sich die Schlanken rechtfertigen müssen. Und zwangsweise in den nächsten MC-Doof geschickt werden. Fett werden, aber dalli. Doch die RAF: Die war ein Ausdruck der Massenprogrammierung ihrer Zeit. Aber im Unterschied zu den Klimakindern, und das ist wirklich einer, gab es da so etwas wie Wünsche an die Zukunft. Die Klimakinder suhlen sich im Weltuntergang, das gruselt sich so schön und man kann wichtig tun. Man kann auf ewig vor der Quengelware stehen und nerven. Das Futur im Namen ist also ein Witz. Tja, in der Geschichte haben schon viele Leute an einen Witz geglaubt, und sehr viele bis in den Untergang. Du mußt dir nur mal die Goebbels-Rede vom „Totalen Krieg“ anhören. Die Lust an der Selbstzerstörung. Hat vielleicht mit dem Alter der Zivilisation auf diesem Planeten zu tun, sie ist müde. Was auch ein Witz ist, sie ist ein Baby in Windeln, gemessen an den Zeiten im Universum. Der Abstand zwischen zwei Punkten ist die Zeit. Aber die RAF: Was würde sie heute tun? Schätze mal, Frau B. und Herr H. brauchten mehr Bodyguards. Schätze mal, die Fürsten dieses Landes brauchten alle mehr Bodyguards. Die Pfarrerskinder hatten einen guten Riecher für totalitäre Tendenzen, auch wenn sie am Ende genau so hilflos waren, wie heutige Demonstranten. Na ja, wenn die „Grünen“ nicht so dumm wären, würden sie dem Volk seine Spiele lassen, für den Gefühlsstauabbau. Aber sie haben ja Freude daran, andere zu gängeln. Und so rollt der Karren eben in den Dreck. Mal davon abgesehen, daß Narziß in seinem Spiegelbild ersoff. Was noch? Nun, siegreich ist die Rache des Häßlichen am Schönen. Liegt halt in der Natur dieser Gesellschaft. Jeder Krämer sagt mit Wonne nein, wenn der Kunde nicht zahlen kann. Da kann er schlank sein, wie er will. Und jung, und schön, und klug. Und er kann Mozart heißen oder Goethe oder Einstein. Ist wie ein alter fetter Mann, eine alte fette Frau, die können sich die Jugend nur als Hure mieten. Und sie sich damit gleich machen, für eine knappe Stunde. Zu direkt? Nun, der intellektuelle Überbau scheitert in der Regel an der Realität. Aber Harmonie und Schönheit, und Erkenntnis, die andere Hälfte also, die andere Seite der Münze, sind nicht tot zu kriegen. In unserer unendlichen Neugier auf das, was hinter dem Horizont ist, in dieser Sehnsucht steckt alles, was wir brauchen, aller Anfang, alles Vielleicht, aller Traum. Ein Krämer träumt nicht, ein Krämer rechnet. Und damit rechnet er sich selbst weg. Schau es dir an, es findet gerade statt. Wie liegen in den Windeln, wir haben alles noch vor uns. Sie sind lächerlich, die Krämer. Nur ihr „Land“ geht wieder mal unter, diesmal heißt es „Wertewesten“, das ist alles.“
Nach einer kurzen Pause setzt der Kneipenphilosoph verschmitzt hinzu: „Man könnte aber auch sagen, es reift eine revolutionäre Situation heran.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 14. September 2023

Wir trinken schwarzen Kaffee, der Freisitz des Café ist mäßig besetzt, Nachmittag mitten in der Woche, die Sonne scheint. Und der Kneipenphilosoph scheint nachdenklicher als sonst, oder stiller. Er nickt: „Gestern habe ich auf der Bordsteinkante gesessen, Tankstelle, Kaffee, Zigarette und Bordsteinkante. Mal davon abgesehen, daß das die Höhe eines Kleinkindes ist, und daß das Licht dieses Sommers mittlerweile alt wird, ist dieser Blick, nun, bemerkenswert. Ein stinknormaler PKW wird zum Monster. Aber das nur am Rand. Auch die Ameisen, die im trockenen Gras wuseln, geschäftig, wie sie so sind, sind nur ein Umstand. Wie die Blicke der Passanten, die dich streifen, manche freundlich, manche herablassend. Und wenn du dann in deinen glitzernden Mercedes steigst, verstehen sie die Welt nicht mehr, die einen wie die anderen. Im Film stellen sie sich auf den Tisch, die Studenten, Film eben, amerikanisch, da muß das so sein. In der Wirklichkeit ist das viel leiser. Die Position eines Kindes oder die eines Bettlers. Nicht wahr, das hört sich komisch an. Wir wollen so etwas nicht so nahe beieinander. Aber ich saß ja mit Kaffeetasse und Zigarette da, das war mein Ausweis, das definierte die Situation. Tankstelle, Pause, und irgendeines der parkenden Autos mußte meines sein. Heißt: dazu gehören. Und doch, ich war ganz augenscheinlich nicht so recht im Normal. Tja, mein Lieber, so ein Parkplatz ist eben keine Düne an der Ostsee. Und damit haben wir es schon, das Eigentliche. Der Blick und die Welt, das Individuum und die Welt. Körpergröße, Geschlecht, Alter, Herkunft, Bildung, Sprache und so weiter, und am Ende sogar die lausige Tagesform bestimmen, was ich sehe, bestimmen, was ich für die Realität halte. Natürlich ist das bekannt, eine Binsenweisheit, und doch: die Bordsteinkante hat mich quasi überrumpelt, dieser winzige Schritt aus der Üblichkeit. Er hat die Dinge verrückt, eine andere Welt sozusagen. Und verdächtig. Vor allem das „eben noch“. Die Tankstelle, die Kasse, dieser Nachmittag – dieser Tag, die Woche, die letzten Jahre vielleicht? Die Tankstelle, die Stadt, das Land, der Kontinent, was ist, wenn die Außerirdischen auf Bordsteinkanten herumsitzen? Was wäre, wenn Realitäten die Wünsche bestimmen würden? Nix mit: Mach dir die Erde Untertan, du Krone der Schöpfung. Was ist, wenn Gott eine Fehlkonstruktion abgeliefert hat? Hatte vielleicht Zahnschmerzen, der gute Mann. Da konnte er nur den Teufel erfinden, als Ausrede. Ich sage dir, so eine Bordsteinkante hat es in sich. Ist wie der Blick in den Innenhof aus Nachbars Fenster, alles wie immer – und nichts stimmt mehr. Und die objektive Realität sitzt da und hält sich vor Lachen den Bauch, mit Tränen in den Augen. Sie ist das Gekicher der Philosophen, wenn du so willst. Dann war der Kaffee getrunken und die Zigarette geraucht, und ich stand auf. Was soll ich sagen, alles weg. Als wäre ich durch ein Portal getreten. All das Bekannt und Üblich war wieder bekannt und üblich. Aber wenn es wirklich so wäre, würde ich jetzt hier nicht sitzen und dir das erzählen, Käpten mein Käpten.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 5. September 2023

„Man kann müde werden, nicht wahr?“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an. „All die Nachrichten, all die Meinungen. Und all die Leute, die von dir verlangen, daß du gefälligst so denken sollst, wie sie es gern hätten. Aber eigentlich sollst du fühlen, wie sie es gern hätten, du sollst empört sein oder Angst haben, am besten beides zugleich. Angst schaltet das Denken ab, und Empörung funktioniert ziemlich gut über einen Feind. Tja, und so basteln sie einen nach dem andern. Wer? Nun, das läßt sich kaum noch auseinander halten. Machen ja alle mit. Jedenfalls kreischt es im Land in jeder Ecke wie eine stumpfe Kreissäge. Ein Höllenlärm ist das. Und alt, wer keine Argumente hat versucht halt, den „Gegner“ nieder zu brüllen. Und das Umkehrprinzip nicht zu vergessen. Ist hinterhältig, ich werfe dem anderen genau das vor, was ich selbst tu. Woraus ein Rechtfertigungszwang folgt, sobald sich der andere darauf einläßt. Ist ein ziemlich billiger Psychotrick, funktioniert aber erstaunlich gut. Nennt man auch den Knüppel, den ich dem Hund hinhalte. Ist grad so, als würde ich einen Spiegel anbellen. Oder eben: Haltet den Dieb, er hat mein Messer im Rücken. Was daraus folgt? Nun, es wird alles in eine Endlos-Warteschleife gestellt, und da stapeln sich die Probleme wie nicht zugestellte Briefe. Hinzu kommt die Anmaßung der Macht, wir Menschen tun halt Dinge, weil wir es können, Frau Merkel zum Beispiel hat das gut hergezeigt. Und aktuell zeigt es Herr Habeck her, zum Beispiel, wobei, dieser hat ja einen Plan. Ist zwar nicht seiner, er ist nur ein Narr, aber immerhin. Ja, ich weiß, Küchenpsychologie, aber: Es ist wirklich so einfach. Und auch so einfach zu erkennen. Obwohl, na ja, innerhalb eines Prozesses, eines Verhältnisses, als Beteiligter, da kann man schon mal die Orientierung verlieren. Und sich wundern, wenn der Rest der Welt den Kopf schüttelt und lacht. Wenn man denn in die Welt schaut. Nennt sich Werte-Westen-Blase, unsere „Medien“ erledigen ihren Job wirklich gut, sie blöken, was das Zeug hält. Und in den Talk-Shows dieses Landes kannst du dir peinliche Eiferer anschauen. Jede Religion hat sie, und kennt sie. Und jede Religion fürchtet sie. Aber das kommt immer erst später, wenn klar wird, wie zerstörerisch sie sind. Die Inquisition ist ein gutes Beispiel, für kollektiven Wahn, die Zerstörung des Christentums und natürlich die Trittbrettfahrer, die ihre persönlichen Rechnungen beglichen. Es ist ganz leicht, irgendeine alte Frau, die du aus irgendeinem Grund nicht leiden kannst, als Hexe zu bezeichnen. Oder eine junge, die sich nicht mit dir ins Stroh legen will. Nannte sich Autodafé, das Verbrennen von Menschen bei lebendigem Leib, nach Streckbank und spanischem Stuhl. Und sozusagen theoretisch wurde das Ganze „unterlegt“ mit dem Malleus maleficarum, dem „Hexenhammer“, Heinrich Kramer hieß der gute Mann, Dominikaner und Inquisitor. Das passiert, wenn Eiferer Macht bekommen. Die Geschichte ist voll von solchen Leuten, und immer waren sie der Anfang vom Ende. Und die, die das begreifen, hier und heute, wandern aus. Im Jahr 2022 waren es rund 260000, gut qualifizierte Fachkräfte, rund ein Viertel hat einen Hochschulabschluß. Also genau die Leute, die ein Land dringend braucht. Tja, mein Lieber, noch Fragen? Aber loben wir mit Erasmus die Toren, sie bringen alles viel schneller dem Ende entgegen, sie eilen ihrem Auftrag voraus.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. August 2023

„Stell dir vor, jemand würde diesen Hampelmann nach Hause schicken, diesen seltsamen Wackeldackel, dieses Rumpelstilzchen. Sicher, es käme ein anderer Hampelmann, aber dieser hier ist schwerlich zu ertragen. Und die Hampelfrau gleich mit, diese „Bock“ und diesen „Bach“. Stell dir vor, irgend jemand gibt dieser „Regierung“ ein neues Volk, in einem Computerspiel. Da können sie dann virtuell die Welt retten. In der Realität jedenfalls stapeln sie Unfug übereinander, daß es nur so quietscht und knirscht. Es ist nicht lustig, wenn alte Leute Flaschen sammeln müssen, wenn „Zeltstädte“ unter Brücken wuchern, wenn Mädchen und Jungen Handelsware sind, wenn im Park Spritzen herumliegen, wenn Polizisten prügeln – und immer so weiter. Es ist nicht lustig, wenn Herkünfte gegeneinander gehetzt werden, Lebensalter, Geschlechter, Meinungen, Hautfarben, Religionen. Und es ist nicht lustig, wenn „Menschenfreunde“ nach Krieg schreien und immer nur die anderen meinen, die in Schützengräben verrecken sollen. Also, stell dir vor, jemand würde diesen Hampelmann, diese Hampelfrau nach Hause schicken. Gerade heute. Was würde passieren? Nun, zunächst müßte man den Rest gleich mitschicken, die ganze Rotte Korah, egal welche Farbe der Wimpel hat – und natürlich all die Bediensteten dieses „agonisierenden“ Systems, vom Hofberichterstatter bis zum Richter. Aber keine Sorge, es sind gar nicht viele. Sie schreien nur laut, da verwechselt das mancher. Also, die sind alle weg, was dann? Nun, als zweites müßte man sich zusammensetzten und darüber reden, wie es weiter gehen soll. Man könnte zum Beispiel über gleichen Lohn für gleiche Arbeit reden. Oder über Lehrer, Krankenschwestern, Sozialarbeiter. Man könnte darüber reden, daß jeder nach seiner Fasson leben können soll, zum Beispiel. Man könnte darüber reden, daß es ohne CO2 kein Leben auf diesem Planeten geben würde, oder daß Windräder in Massen einer Öko-Katastrophe gleichkommen. Noch dazu, wenn man dafür ganze Wälder roden will. Man könnte also über die Realität reden. Und keine Sorge, in der Zwischenzeit bricht gar nichts zusammen. Das Land atmet auf ohne seine fremdgesteuerten Parasiten. Als drittes, wir Menschen sind halt so, die Anarchie ist nichts für uns, müßten wir über eine neue Regierung reden. Tja, und da fällt mir als erstes das Wort Fachkompetenz ein, also kein Kinderbuchschreiber als Wirtschaftsminister, keine Studienabbrecherin als Außenminister, und so weiter. Ich meine, wenn dein Computer kaputt ist fragst du ja auch nicht den Bäcker. Und ein Bäcker, der seine Brötchen andauernd verbrennen läßt, geht pleite. Ein Wirtschaftsminister allerdings, der eine ganze Industrie verbrennt, ist – das Wort darfst du nicht schreiben. Klingt hart? Nun, ein Kanzler, der lügt, daß sich die Balken zu Knoten biegen und Waffen gen Osten liefert, was soll man zu dem sagen? Weißt du, mein Lieber, die Wahrheit ist keine Ansichtssache. Die Wahrheit ist die Wahrheit. Ein SPD-Kanzler, der an Faschisten Waffen liefert, hat vergessen, daß auch seine Altvorderen in Konzentrationslagern ermordet worden sind. Oder es nie gewußt. Aber vielleicht ist er auch nur ein programmierter Roboter, der grinsend irgendeine Parteifahne schwenkt. Nur, so etwas kannst du nicht mal mehr als Satire verkaufen, Vorsicht also, schreib nicht alles auf, was ich sage.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 15. August 2023

„Denken.“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Sieht aus, als braucht es inzwischen ein reichlich dickes Fell für eigene Gedanken. Oder Ohrstöpsel. Oder eine wirklich dunkle Sonnenbrille. Die Omi zum Beispiel, sie bleibt an jedem Baum, jedem Busch, jeder Blume stehen. Herrgott, so eine Stadt wie diese hier hat reichlich Grün. Mit der Omi dauert ein Weg von zehn Minuten eine halbe Stunde. Aber das ist es nicht. Es ist: Sie schaut in die Welt. Die Jahre haben ihr beigebracht, was zählt. Und da zählt eine Hummel an einer Blume eben mehr als alles Geschrei unserer „Qualitätsmedien“. Die Omi hat schon vor ein paar Jahren gesagt: Es fühlt sich an wie Krieg. Die Frau, die das Ende des „tausendjährigen Reiches“ noch miterlebt hat. Du kannst dir vorstellen, wie verblüfft ich am Küchentisch gesessen habe. Die Aufbaugeneration hat bessere Sensoren als wir, wir Nachgeborenen.“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an: „Es ist fatal, daß die Alten irgendwann gehen müssen. Als würde die Natur meinen: Fangt nur immer wieder von vorne an. Ich schaue euch zu, vielleicht, irgendwann einmal, man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben, lernt ihr noch. Bevor ihr mich ganz über den Jordan gehen laßt. Aber das Denken. Ein alter Hut ist, daß man eigene Bilder haben muß, um fremde betrachten zu können. Das Foto einer Hummel an einer Blume ist stumm, wenn du so willst. Da summt nix, da riecht nix, da geht kein Wind. Ein Video ist da schon anders, die Verführung ist viel größer. Die Realität scheint näher – ist sie aber nicht. Und: Das ändert sich auch nicht. Und die KI, die uns „Realität“ vormacht, ist Selbiges. Ist eine der vielen Sorten von Sklaven, arbeitet auf Auftrag. So wie die Ufos, die es neuerdings in den amerikanischen Kongreß geschafft haben, schön gruselig. Wie soll man bei solcher Übermacht eigene Gedanken denken? Nun, die Omi. Sie erinnert an den Gärtner, den Philosophen, der nie von seiner Scholle kam. Keine Weltreise und dennoch Welterkenntnis, wie geht das?“ Der Kneipenphilosoph lacht: „Na ja, eigentlich ist es ziemlich simpel. Nimm den Zweck weg, den Menschen so haben, und schau, was übrig bleibt. Unsere „Grünen“ zu Beispiel. Ihr einziger Zweck sind sie selbst, sie wollen bedeutend sein, so bedeutend, daß sie aufgeblasenen Luftballons gleichen, kurz vorm Platzen. Und nur der Zufall hat ihr Pferdchen grün angestrichen. Es könnte jede andere Farbe haben. Das einzig Verwunderliche ist der Langmut dieses Volkes, aber den brauchen diese dreisten Hochstapler ja gerade auf. Heißt, daß überhaupt nichts übrig bleibt, in diesem Fall. Was wiederum heißt, daß hierzulande wirklich niemand diese komplett nutzlosen Selbstdarsteller braucht. Aber man kann den Verfall gut an ihnen studieren. Für die Omi allerdings sind sie Außerirdische, irgendeine Art Parasit, ziemlich zerstörerisch. Und dies fängt bei Anstand und Redlichkeit an. Es braucht Redlichkeit, wenn es ums Welterkennen geht. Tja, und genau da beginnt das Denk-Problem. Das Foto der Hummel an der Blume ist tot ohne das Erlebnis einer wirklichen Hummel an einer wirklichen Blume. Heißt, eigene Bilder kann man sich nur aus der Realität holen. Heißt, all die Bildchen, die Videoschnipsel auf Handys und so weiter, entfernen die Leute von der Realität, und damit von sich selbst. Sie werden geradezu entwurzelt. Und so laufen sie dann auch herum, wie blinde Hühner. Die Omi bestaunt bei jedem Schritt das Leben. Wenn du weiter nichts von den Alten lernen willst, dann lerne das.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 5. August 2023

„Die Heimat hilft.“ Der Kneipenphilosoph schaut auf mein anscheinend verblüfftes Gesicht und lacht, daß alle im Café die Köpfe drehen. Dann sagt er: „Dieser Satz stammt von einem Russen, einem Koch. Im Schützengraben. In einer Schützengrabenküche. Und dabei hält er eingelegte Gurken im Glas vor die Kamera, und eingewecktes Obst, und selbstgemachte Wurst. Stammt alles von den Leuten hier, sagt er. Und ist stolz darauf, man kann es sehen. Die Heimat hilft, was für ein Satz. Mütterchen Heimat, das kennen wir aus Geschichtsbüchern, die Russen eben. Denkst du jetzt an dieses Land hier? Daß die Völker nicht erbleichen, wie vor einer Räuberin? Und: Denk ich an Deutschland in der Nacht? Und immer so weiter? Tja, mein Lieber, uns schnüren zwei fratzenhafte Kriege wie Eisenringe den Hals. Und Untertanen, die in Massen auf Raub ausgingen. Und: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Aber dieses dunkle Ding kriecht nicht nur aus dem hiesigen Schoß. Oder dem europäischen. Wenn du so willst ist das eine der Krankheiten einer sterbenden Zivilisation, einer, die sich überlebt hat. Einer, die nach Gewinn rechnet. Wenn der Betrug die Basis einer Gesellschaft ist, und Gewinn ist Betrug, und klar ist, daß sich immer alles steigert, dann kommt eben am Ende das heraus. Die unendliche Gier ist etwas zutiefst Trauriges. Jemand, der niemals satt wird, ist ein geradezu gruseliges Bild. Der Teufel persönlich könnte es nicht besser. Nostradamus sah vor rund fünfhundert Jahren das „brennende Jahrhundert“ voraus, in Trance. Aber vielleicht hat er sich das Ganze auch nur angeschaut und logische Schlüsse gezogen. Immerhin war er ja Arzt, da geht es ohne nicht. Und dann hat er ein bißchen Zirkus drumherum gebastelt, für die Geschichtsschreiber und die Esoteriker. Heißt, sich die Dinge durch die Logik-Brille anzuschauen gewährt einen Blick in das, was kommt. Es gibt halt Gesetze, nach denen jede Gesellschaft funktioniert, diese hier ist keine Ausnahme. Sie lassen sich erkennen. Und die logische Konsequenz einer sterbenden Gesellschaft ist die Selbstzerstörung. Wobei die Fahne, unter der dies passiert, der Vorwand, reichlich egal und austauschbar ist. Es ist das Rennen mit dem Kopf gegen die immer gleiche Stelle der Mauer, es ist das Wiederholen des Immergleichen in der Hoffnung, daß das Ergebnis ein anderes sein wird. Dies nennt man verrückt. Unendliches Wachstum ist so eine Gebetsformel. Auch der „menschengemachte Klimawandel“ ist das genau hilflose Gleiche. Ist halt so, wenn Leute „denken“, die ihrer eigenen Propaganda auf den Leim gehen. Aber die Russen. Eigentlich machen sie etwas, das aus der Geschichte längst bekannt ist. Sie setzen den Staat vor den Gewinn. Sie setzen die Gemeinschaft vor den Einzelnen. Das steht der unendlichen Gier im Weg, dem absoluten Egoismus. Man könnte auch sagen, das steht dem Teufel im Weg, der es wirklich gut hinbekommt, den Leuten ein maßlos übersteigertes Selbstwertgefühl zu verpassen. Gottgleich sozusagen. Schau dir unsere „bunten“ Regierungs-Protagonisten an, sie sind ein perfektes Ergebnis. Und spielen als Puppen an Fäden den Egomanen-Part bis das Klavier auseinander fällt. Und sie haben Angst, das macht sie so hysterisch. Sie spüren, daß der Puppenspieler schon die Schere in der Hand hält, wobei hier mal nicht der Amerikaner sondern Frau Geschichte gemeint ist. Die Zukunft jedenfalls liegt schon lange nicht mehr im Westen. Was heißt, daß es eine gibt, nur eben nicht hier. Quam tempora mutantur.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 27. Juli 2023

„Gesunder Menschenverstand“, der Kneipenphilosoph lacht. „Du könntest auch sagen, wie weit kommt man mit dem kleinen Einmaleins. Oder mit der Schulweisheit, wie es so schön heißt. Aber machen wir, wie die Altvorderen, einen Gedanken-Spaziergang.

Also: Erkenntnistheoretisch gibt es das Gesetz vom qualitativen Sprung, heißt vereinfacht, daß sich Masse ansammelt, die dann in eine neue Qualität umschlägt. In den Eimer läuft Wasser, und wenn der voll ist läuft er über, was eine fundamentale Zustandsänderung darstellt. Mit anderen Worten, eine neue Erkenntnis braucht das Ansammeln alter Erkenntnisse als Voraussetzung. Funktioniert aber nur, wenn man die Erbsenzählermethode anwendet. Da gibt es Literaturwissenschaftler zum Beispiel, die glauben tatsächlich, daß man so und so viele Romane gelesen haben muß, um selbst einen schreiben zu können. Was bedeutet, daß Talent keine Rolle spielt. Talent und der Blick in die Welt, die ihre Geschichten erzählt. Das ist die Herangehensweise von Eunuchen, die ja bekannter Maßen unfruchtbar und somit neidisch auf jeden Fruchtbaren sind. Oder nehmen wir einen Kranken, einen der Schnupfen hat. Du kannst ihm gern auf die Schulter tippen und sagen: Nun hör endlich mal auf, krank zu sein. Du kannst dir das sogar mit aller Inbrunst wünschen, allein, den Schupfen schert das wenig. Wenn dir da jetzt unter falscher Flagge segelnde Hochstapler einfallen, nun ja, nennt man das Analogie. Äsop hat das mit seinen Fabeln gut hinbekommen, der Löwe als König und so weiter. Heißt, ein Kranker geht besser zum Arzt und ein Literaturwissenschaftler in die reale Welt. Jedes Stück Literatur ist immer nur ein Abbild, wenn auch zuweilen eines, daß der Welt ins Gedärm schaut. Andererseits ist der „gesunde Menschenverstand“ nur ein Synonym für Logik, zumindest für die Logik des 1 + 1. Ja Einstein, dieser listige alte Mann. Vielleicht hat er Wilhelm Buschs „Definition der Liebe“ gelesen: Sehnsucht, unbewußt zu zweit ein Drittes zu bilden, was vielleicht besser ist, als man selbst. Andererseits, wenn ich mir unsere „Grünen“ so anschaue, dann paßt Busch auch: Je kleiner die Leute, desto größer das Pläsier. Was heißt das nun, mal davon abgesehen, daß wir hier nur einen winzigen Teil der Philosophie harken. Nun, der „gesunde Menschenverstand“ wird nicht als Synonym für Logik gebraucht, er ist ein politischer Kampfbegriff, so wie der „Klimawandel“ einer ist, oder „Hitzewelle“, oder der „böse Russe“. Das Besetzen von Worten ist alt und immer an einen Nutzen gebunden, um genau zu sein, einen für die jeweiligen Fürsten. Und es ist geradezu peinlich, wenn sich Untertanen in Massen und mit vor Wut-Angst verdrehten Augen vor diesen fremden Karren spannen lassen. Als würde sich die gute alte Tante Geschichte immer nur im Kreis drehen. Als gäbe es zwischen den zwei Ohren der Mehrheit nur einen programmierbaren Arbeitsspeicher und sonst nichts. Die Mehrheit, die selbst mit dem Schlachtmesser am Hals immer noch mit gläubigen Kuhaugen auf den „guten Fürsten“ starrt. Was soll man davon halten? Ja, Einstein, die Unendlichkeit der menschlichen Dummheit. Und Busch mit seiner Mehrheit der unangenehmen Dinge. Oder auch Nietzsche, Gott ist tot, und Morus: dulce bellum inexpertis – und immer so weiter. Man könnte daran verzweifeln, nicht wahr? Wenn der Blick hinter die Kulissen unmöglich wäre. Ist er aber nicht, und darin liegt Hoffnung. Fehlt noch was? Ist immer so, also: “Es gibt auf diesem Planeten so viele Wege der Erkenntnis, wie es Menschen gibt. Und die können alle miteinander reden, ein Bienenschwarm im Universum. So als Gedanke vielleicht, für den Anfang.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 16. Juli 2023

„Ja der Wahnsinn schleicht durch die Nacht, uns hat der Wahn den Sinn gebracht. Er hat einen Mantel aus Kälte an, weil man Frierende besser regieren kann.“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an, dann sagt er: „Konstantin Wecker, wie das so ist mit den Liedschreibern. Ein paar von ihnen schaffen es von Zeit zu Zeit zu einer Aussage, die wie ein Theaterscheinwerfer ist. Die meisten allerdings schauen auf ihren Bauchnabel, so wie recht junge übergewichtige Mädchen gern verschämt über ihrer unteren Regionen philosophieren. Aber lassen wir das. Auch dies ist so alt wie die Welt. Mal davon abgesehen, daß solche Textlein niemanden stören, sind sie ohnehin von keinerlei Relevanz. Hingegen ist der uralte Dipol, Kunst und Kommerz, ein Dauerproblem: Wenn de davon nich leben kannst, warum machste das dann? Ist Originalton, das verblüffte Gesicht dazu kann man sich gut vorstellen. Heißt, die Krämergesellschaft hat es nicht so mit immateriellen Werten. Wenn dir jetzt die Fabel von der Grille und der Maus einfällt, liegst du ganz richtig. Der Maus ist die Sängerin des Sommers egal, bis sie im Herbst frierend und hungernd vor ihrer Tür steht, da kann sich sich dann moralisch überheben und die Sängerin als Reinigungskraft malträtieren. Tja, so ist er, der Krämer. Er betrachtet die Welt durch seine Ladentür und läuft in normalen Zeiten geduckt wie ein geprügelter Hund. Als würde er auf seine Stunde warten, die ja auch irgendwann kommt, siehe Grille. Wie heißt es so schön? Nach oben buckeln und nach unten treten. Ja der Untertan, Heinrich Mann hat ein schönes Buch dazu geschrieben. Heißt im Umkehrschluß: Kein Fürst auf dieser Welt will einen mündigen, zu eigenem Entschluß fähigen Bürger. Was natürlich eigenes Denken voraussetzt. Fürsten wollen Untertanen, von der Presse bis zum Denunzianten. Und natürlich Soldaten. Aber auch das ist so alt wie die Welt. Die Künste allerdings befinden sich zwischen allen Stühlen, denk nur an Walther: I han min Lehen. Und da das so ist, haben die meisten der Protagonisten Angst. Das konntest du dir bei „Corona“ anschauen, das kannst du dir heute anschauen. Die neuen Fürsten mögen Loblieder und nichts sonst. Sie mögen nicht mal mehr den alten Hofnarren am Königshof. Sie haben regelrecht Angst vor ihm, er könnte ja aus Versehen mal die Wahrheit sagen. Und sie haben Angst vor der Realität, die neuen Fürsten. Aber sei gewiß, diese wird auch um sie keinen Bogen machen. Der Apfel fällt halt nach wie vor von oben nach unten. Und die Biologie zwingt auch solche Leute ganz profan auf die Toilette. Oder ins Herzhäusel. Obwohl, man wünscht, der Apfel möge dem ein- oder anderen doch mal kräftig auf den Kopf fallen. Wenn du so willst ist das immer noch das Prinzip Hoffnung. Auch wenn unsere „Fürsten“ die Phrasenschweine füttern, bis sie platzen. Der wahre Witz aber ist, daß sie tatsächlich zu glauben scheinen, ihr „Lehnsherr“ hinterm großen Teich wird sie am Ende belohnen, so wie man ein Kind belohnt: Hast du fein gemacht, hier ist ein Bonbon. Sie scheinen nicht zu wissen, daß immer nur der Verrat, nie der Verräter gemocht wird. So, wie immer und immer der Zahltag kommt, für Fastfood-„Künstler“ oder Hofberichterstatter, oder Blockwarte.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 6. Juli 2023

„Jede Art von Impuls erzeugt eine Reaktion“, der Kneipenphilosoph lacht. „Ursache und Wirkung, nennt sich Kausalzusammenhang. Wenn ich also einen Impuls gebe, einem Fußball zum Beispiel einen Tritt verpasse, dann rollt der Ball, oder fliegt eben. Und wenn er im Tor landet, freuen sich die einen und die anderen sind sauer. Ich kann also nicht erwarten, wenn ich den Ball trete, daß der einfach liegen bleibt. So weit, so gut. Nun gibt es aber Leute, die treten den Ball mit Schwung und wundern sich dann, wenn der sich bewegt. Tja, im Normalfall bekommen diese dann eine Diagnose, die in der Regel nicht sonderlich schön klingt. Wobei das Normal natürlich erst einmal definiert werden muß. Aber sagen wir mal, für diesen Planeten hier, daß ein getretener Ball sich bewegt, fliegt. Und daß die Schwerkraft dafür sorgt, daß er nicht als Komet im Universum endet. Wobei „endet“ hier vielleicht das falsche Wort ist. Also, wie hat der Baggerfahrer Gundermann so schön gesungen: Irgendwann haben wir in Physik gelernt, daß Druck den gleichen Gegendruck erzeugt. Politiker also, die meinen, das Volk wie einen Ball treten zu können, bekommen über kurz oder lang oben genanntes Diagnose-Problem. Und die Umkehrung der Anstalt von innen nach außen, von Patienten und Therapeuten, funktioniert immer nur auf eine begrenzte Zeit und in einem begrenzten Raum. Die vielbesungene spätrömische Dekadenz ist ein gutes Beispiel dafür. Heißt: Was passiert hier eigentlich? Nun, der mit Wucht getretene Ball landet an der Latte, springt zurück und knallt dem Schützen an den Kopf. Könnte man Denkanstoß nennen. Wenn denn ein Gehirn vorhanden wäre. Es gibt einen uralten Witz: Wie bekommt man besagtes Organ eines Polizisten auf Erbsengröße? Aufblasen! Ja, ist nicht weit vom Kalauer entfernt. Aber wie das so ist mit Volkes Witz, er trifft in aller Regel ziemlich genau die Mitte. Wenn ich mir nun das Gezeter der „Altparteien“ samt Talkrunden und sonstigen Presseerzeugnissen hierzulande bezüglich der „Blauen“ anschaue, komme ich um einen kopfschüttelnden Lachanfall nicht herum. Und wünsche mir einen Strohhalm zum Aufblasen. Aber der Kopf allein ist es ja nicht. Wenn ich schon Probleme mit der Vergangenheit, mit der Geschichte dieses Landes habe, wenn ich diese auf die zwölf dunklen Jahre reduziere, dann ist es doch ziemlich feige, egal in welcher Form, davor einfach nur weglaufen zu wollen. Und wenn ich gleichzeitig all die alten Klischees wieder bemühe, wenn es in Richtung Osten geht, dann bin ich mindestens schizophren. Oder ein Mensch ohne jegliche Ethik, ohne jegliche Moral. Vielleicht eine Art programmierbarer Bio-Roboter, eine leere Hülle, nach Belieben verwendbar. Einem solchen mußt du vom Fußball nichts erzählen, er schreit zwar Tooor, hat aber nicht die geringste Ahnung davon, was das ist. So ein Ding kann halt nicht fühlen, es kann nur Menschsein simulieren. Nun ja, und unsere „Altparteien“ sind so mittlerweile nur noch eine miserable Simulation ihrer selbst, da helfen keine zurückspringenden Bälle mehr. Ob das traurig ist? Ach weißt du, alles kommt, bleibt eine Weile und geht dann wieder. Und noch eine Binsenweisheit: Das Kaninchen sitzt nicht ewig vor der Schlange, es kommt die Zeit, da ruft es seine Freunde. Tja, und das geht in der Regel übel für die Schlange aus. Denn eins kann sie fressen, vielleicht auch zwei oder drei, aber alle Kaninchen schafft sie nicht.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 27. Juni 2023

„Langsam wird es peinlich. Da hat nun der „Wertewesten“ sein Arsenal in die Ukraine gekarrt, und der „Russe“ macht geradezu systematisch Schrott daraus. All die „Wunderwaffen“ Schrott, schätze mal, Ares kratzt sich mit einem Grinsen den Bart. Und Homer sitzt in Dantes erstem Höllenkreis unter blauem Himmel mit Wattewolken und schüttelt bedächtig den Kopf.“

Der Kneipenphilosoph schüttelt auch bedächtig den Kopf, die Kellnerin bringt schwarzen Kaffee, wir sitzen unter einem roten Sonnenschirm in rotem Licht, sozusagen schamrot, und schauen den Leuten auf der Straße zu, die im gelben Sonnenlicht dieses Sommers durcheinander wuseln. Schwarz, Rot, Gold.

„Tja“, der Kneipenphilosoph lächelt. „Drei Farben. Das ist wie Wunsch und Wirklichkeit. Und Wunderwaffen. Die klingen nach Vergangenheit, nicht wahr? Nach V1 und V2 und dem ganzen Rest. Nur, daß mittlerweile rund dreißig „Leoparden“ den Weg alles Irdischen gegangen sind. Ich habe keine Ahnung, wie viele Schulen das sind, oder Kindergärten, oder Krankenhäuser. Aber grob über den Daumen gepeilt sind schon rund 200 Millionen im Eimer. Für eine Schule rechnet man rund 3500 Euro Baukosten pro Quadratmeter, eine Grundschule hat im Durchschnitt, ganz grob gerechnet, rund 12000 Quadratmeter, macht rund 4,2 Millionen, heißt, für die dreißig Dinger hätte man rund 50 Grundschulen bauen können. Stell dir mal 50 nagelneue Grundschulen vor. Jedes Milchmädchen wäre schlauer und würde an ihren zehn Fingern abzählen, daß Panzer ein mieses Geschäft sind. Für´s Volk. Wenn man dann noch bedenkt, daß das Einzige, was einen Wert schaffen kann, menschliche Arbeit ist, erschließt sich ansatzweise die Dimension des Blödsinns, den die europäischen Vasallen im Auftrag ihres „Dienstherren“ gerade verzapfen. Nun ja, und die Hundert Milliarden „Sondervermögen“ für die „Bundeswehr“ sind nichts weiter als Schulden, die dieses Land den nachfolgenden Generationen wie einen Rucksack mit Wackersteinen auf den Rücken schnallt. Da klingt der alte Spruch der Friedensbewegung, Schwerter zu Pflugscharen, wie ein abgestandener Witz, morgens gegen Drei in einer räudigen Bar, deren Keeper es nicht fertig bringt, die letzten Dreiviertel-Besoffenen nach Hause zu schicken. Könnte ja noch einer einen teuren Whisky bestellen. Krieg, mein Lieber, ist die häßlichste Erfindung der Spezies Mensch. Und die größte denkbare Naturkatastrophe nach Vulkanausbruch, Meteorit und „Windspargellandschaft“. Der Vater aller Dinge, wie es so schön heißt, ist die Fratze der Gier, der Machtgelüste, des Sadismus. Es sind Räuber und Mörder in Uniform, die da aufeinander losgehen, nichts weiter. Und die meisten von ihnen wissen nicht einmal, wofür. Und die Schreibtischtäter und Befehlshaber werden auch diesmal die verbeulten und geschredderten Reste der Heimkehrer, der Muschkoten, der Helden, „draußen vor der Tür“ stehen lassen. Nur ein einziger Fall bildet eine Ausnahme: Der Angegriffene verteidigt sich. Nun, die vor Gier feuchten Augen des Westens liegen von jeher auf Russland. Es ist zu reich, um ignoriert zu werden. Es wäre eine zu „herrliche“ Beute. Alles andere folgt daraus, in der Geschichte, und im Jetzt.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 17. Juni 2023

„Dichtung und Wahrheit.“ Der Kneipenphilosoph schmunzelt. „Goethe wußte immerhin, wie Menschen, nun, so sind. Heute würde er seine Autobiographie wohl eher Meinung und Wahrheit nennen, obwohl, vielleicht auch nicht. Immerhin, der Mann hatte einen Wortschatz von über dreißigtausend Worten. Sagt man jedenfalls. Heute kommen die Leute, wenn es gut kommt, auf dreitausend Worte. Und mit Dreihundert, so heißt es, kommt man im Alltag locker zurecht. Na ja, und die „Neologismen“ der letzten Jahre: Isch weiß wo dein Haus wohnt. Oder: Isch mach´ dich Messer. Und immer so weiter. Nennt sich wohl Zertrümmerung der Sprache. Lustig? Na ja, immerhin können die Schüler und Studenten auf ihren Telefonen kleine bunte Bildchen bedienen. Sie bekommen keinen zusammenhängenden Satz zustande, aber sie können „Wischen und Drücken“. Jede Zeit hat halt ihren Ausdruck. Wikipedia zum Beispiel, da gibt es so eine Art „Schnipsel-Wissen“. Was nicht weiter schlimm wäre, würden die nicht so tun, als sei das alles. Zusammenhänge sind allerdings auch schwierig, allein die Feststellung des Ist-Zustandes ist fast unmöglich, wenn die Aufmerksamkeitsspanne gerade mal noch ein paar Minuten beträgt. Aber in der Bibel steht ja: Ihr müßt wie die Kinder werden, wenn ihr ins Himmelreich wollt. Sicher, das war anders gemeint. Wie auch immer, das Besetzen der Gehirne funktioniert jedenfalls hervorragend, und so laufen hier lauter Leute herum, die nicht von Zwölf bis Mittag denken können, wie es so schön heißt. Nennt sich Auflösungserscheinungen. In einem Kindergarten wäre das einigermaßen egal, so ein Land ist aber kein Kindergarten, auch wenn manche „Tanten“ gern so tun. Wie entfernt man ein Volk von sich selbst? Nun, zuerst entkoppelt man es von seiner Vergangenheit, was am besten über Nicht-Bildung funktioniert. Dann nimmt man ihm seine Kunst und Kultur, funktioniert auch über Nicht-Bildung. Dann raubt man ihm seine Sprache, funktioniert auch über Nicht-Bildung. Dann besetzt man die Gehirne mit „Ersatzstoffen“. Nun, und dann raubt man ihm seine materielle Basis und schickt den Rest in einen Krieg. Der Vorgang wird natürlich moralisch verbrämt. Und eine äußere Bedrohung ist auch ganz brauchbar, der „Klimawandel“ zum Beispiel. Oder ein böser Diktator, vorzugsweise im Osten. Tja, Dichtung und Wahrheit. Der Goethe mochte den Code Civil der Franzosen jedenfalls mehr als die reichlich eingestaubte deutsche Rechtsprechung, der noch das Mittelalter aus jedem Knopfloch schaute. Die Leibeigenschaft wurde in Preußen mit Hängen und Würgen 1810 abgeschafft. Ansonsten hatten die Europäer schon immer Angst vor den grusligen Germanen, die hatten immerhin Rom erobert. Und als 1871 unter Bismarck das „Deutsche Reich“ gegründet wurde, waren die anderen nicht froh darum. Diese alte Angst konnte man wieder 1989 gut sehen. Die Briten und Franzosen waren not amuset, als die Westdeutschen den Osten übernahmen und hier und da nach der Oder-Neiße-Grenze geschielt wurde. „Deutschland in den Grenzen von 1933“ war eines der ersten Plakate, die auf den Montagsdemos in Leipzig auftauchten, gehalten von sportlichen jungen Männern aus dem Westen. Tja, mein Lieber, die Geschichte. Was man alles vergessen kann, hat man zum Beispiel in Dresden gesehen, als die Fake-Linken skandierten: Mach´s noch mal, Harris. Und dann der Streit um die Tiefflieger, die mit ihren Maschinengewehren mitten in die vorm Feuer flüchtenden Zivilisten hielten. Da waren die britischen Piloten den deutschen Faschisten zum Verwechseln ähnlich. Wie viele untergetauchte Kommunisten oder Sozialdemokraten oder Juden sie dabei mit erwischt haben, weiß keiner. So ist das mit der Kollektiv-Schuld. Bitter? Ja, ist es.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 10. Juni 2023

„Was müssen wir also tun?“, der Kneipenphilosop lacht, daß alle die Köpfe drehen. Dann sagt er: „Tja, wir wissen inzwischen nicht mal mehr, wo wir anfangen sollen. Also nehme ich einfach den ersten Gedanken, und der heißt, Annalena geht lernen und macht einen richtigen Abschluß. Mag ja sein, daß ihre intellektuellen Fähigkeiten bescheiden sind, aber versuchen kann sie es ja. Nun, und Herr H. schreibt wieder Kinderbücher, vielleicht kann es das besser. Und die Linken werden wieder links, und die Rechten rechts, und die CDU wird wieder konservativ, na und so weiter. Nur die SPD, da scheinen mir Hopfen und Malz inzwischen unwiederbringlich verloren. Als nächstes wäre die Presse dran, die wird dezentralisiert und muß sich selbst versorgen, also nix mit Hofberichterstattung und GEZ. Tja, und dann wären Friedensverhandlungen dran, heißt: keine Waffen, keine Propaganda – ein großer runder Tisch vielleicht. Und unser großer Bruder hinter dem Teich bleibt, wo er zu Hause ist. Und kümmert sich um sich selbst. Da hat er genug zu tun, der große Bruder. Dann Herr L., nun, der Herr gehört, wie Frau U., wie Herr D. usw. vor ein anständiges Gericht. Und all die Impfgeschädigten bekommen als erstes eine Entschuldigung. Das kann Herr L. ja gleich nach seiner Verurteilung erledigen, bevor er für viele viele Jahre gesiebte Luft atmet, wie es so schön heißt. Was noch, da kommt man richtig in Schwung, nicht wahr? Frauen und Männer zum Beispiel, die bekommen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn, das wäre doch mal was. Oder Denunzianten und Verleumder, Lügner und Betrüger, Diebe und Totschläger, Hochstapler und Vergewaltiger bekommen eins auf die Finger und müssen fürs Gemeinwohl Toiletten schrubben und Wege harken. Als nächstes wären prügelnde Polizisten und prügelnde Demonstranten dran. Stell dir vor, die müßten in den Boxring, Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Wir würden vor Lachen keine Luft mehr bekommen. Wir wären das vergnügteste Land des Planeten. Der Boxring wäre übrigens auch gut für diesen „grünen“ Langhaarigen geeignet, du weißt schon, der, der den Hals nicht voll kriegt und ganze Panzerarmeen gen Osten schicken will, ich vergesse immer den Namen. Kommt ständig wie ein alternd naiver Hippie daher, vermute mal, sein Großvater war in Stalingrad. Was noch? Tja, das Grundgesetz. Ich schlage vor, wir halten uns einfach dran, heißt zum Beispiel: Die Judikative ist unabhängig und nur dem Gesetz verpflichtet. Als nächstes wären die Krankenhäuser an der Reihe. Das ist kein Geschäft, das ist Dienst am Menschen, also: Die Dinger gehören ins Gemeinwohl, wie Stadtwerke und Straßenbahnen und Züge und die Post. Nun, und zum Schluß die Schulen und Universitäten, die Jugendclubs und Sportvereine, die so oft jämmerlich dahinvegetierenden. Thomas Morus fällt dir ein? Utopia? Warum nicht? Dabei habe ich bisher nicht mal für einen Millimeter aus den Grenzen des Landes und des Systems gedacht. Alles zusammen genommen, allerdings, ist es ziemlich einfach, physisch sozusagen: Schieben wie all die bunten Bildchen, die Vorhänge und Luftballons, das Geschwätz und Gekreisch, die Anmaßungen und Drohungen beiseite und schauen, was dahinter ist.

Tja, Spinner und Träumer, kein Land kommt ohne sie aus, diese belächelten, die ein Abonnement aufs Kopfschüttelerzeugen haben. Kein Schiff schwimmt ohne sie, diese sperrigen Querköpfe, diese Nervensägen, diese aus der „Normalität“ gerückten. Immer, wenn ihre Bücher verbrannt wurden, ging es bergab. Die gute alte Tante Geschichte hat ein langes Gedächtnis. Man muß nur hinhören.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 3. Juni 2023

Die Räder der Staatsmaschine … werden mir doch zu indiskret.“ Der Kneipenphilosoph schaut mich lächelnd an: „Dieser Satz stammt aus einer der Novellen Theodor Storms, gedruckt in Berlin 1924. Da war Storm schon fast vierzig Jahre unter der Erde. Der bärtige Mann mit hoher Stirn, was er wohl zu YouTube gesagt hätte, oder den Handy-Kindern. Der Mann, der den „Pole Poppenspäler“ schrieb, und den „Schimmelreiter“. Was hätte er wohl gesagt zu „Big Brother“ und Werbefilmchen, die wie Pornos daher kommen. Und die meinen, vom Geheimnis der Liebe bliebe nichts weiter als eine Art Tennis-Match; Aufschlag, Satz und Sieg. Ist halt ein schwieriges Thema. Tja, und es ist so alt wie die Menschheit. Allerdings, schon allein das „käufliche Liebe“ ist ein Betrug. Das hätten sie gern, daß sich alles kaufen läßt. Hatten sie schon immer gern, nun, und die bürgerliche Gesellschaft hat es besonders gern. Der Krämer hat eben für alles seinen Preis. Da wird die Liebe dreckig wie ein alter Lappen. Obwohl, wir reden ja inzwischen davon, den Nachwuchs in Brutkästen zu züchten, überwacht von KI. Und Mütter und Väter, also Mann und Frau, sind nichts weiter, als ein „gesellschaftliches Konstrukt“. So ist das, wenn man Probleme mit der Biologie hat. Und: Das muß man den Leuten einreden, wenn man meint, daß wir zu viele auf dem Planeten sind. Tja die Realität, da schaut sie verschmitzt um die Ecke. Zahlen in Computern kann man halt nicht essen, genau so wenig wie Geldscheine oder Goldbarren. Da haben die oben Angst, daß nicht genug übrig bleibt für sie, die Herrenmenschen. Da gehören die „unnützen Fresser“ sterilisiert, was am einfachsten geht, wenn man Kinder zur „Klimakatastrophe“ stilisiert. Was wiederum nur bei völlig von sich selbst entfernten Persönchen funktioniert. Klingt wie Euthanasie, nun, ist es auch. Der Wahnsinn hat also Methode. Was waren da die Hippies doch für biologische Leute. Die, die Blumen in Gewehrläufe steckten, die den Krieg in Vietnam überhaupt nicht gut fanden und die halb Amerika lahm legten. Die hatten tatsächlich einen anderen Lebensentwurf, einen urchristlichen, wenn du so willst. Und ganz nebenbei haben sie aus der Liebe das Bezahlen genommen. Sie haben also ein uraltes Geschäftsmodell einfach abgeschafft. Herrgott, die Krämer müssen sämtliche Felle haben wegschwimmen sehen, das Geschäft Ehe zum Beispiel, oder das Geschäft Freudenhaus. Und das Lieblingsbild der Hölle, die unendliche Sexorgie im Feuer. Nein, nicht die Kreise des Dante Alighieri sind das Lieblingsbild, die unendliche Sexorgie ist es. Allerdings, die immer und immer unerfüllte Lust, die hinter dem Bild steckt, die eigentliche unendliche Marter, bleibt gierigen Voyeur-Augen verborgen. Wie das so ist. Die Frucht der Liebe sind Kinder, in der Hölle wird nicht geboren. Insofern sind die von KI überwachten Brutkästen ganz nahe am Bild. Der Teufel ist aus den Gehirnen in Computer umgezogen und produziert programmierbare Arbeitsbienen. Tja mein Lieber, es gibt Leute, die „glauben“, so das Überleben der Spezies Mensch zu sichern. Sagen sie zumindest. Sie möchten, daß die Verhältnisse überleben, das ist alles. Die Verhältnisse, die sie als Fettaugen oben auf der Suppe schwimmen sehen. Was tut man nicht alles, wenn man Angst hat. Aber ich habe noch einen halben Satz für dich, Theodor Storm: Und Hand in Hand, wie einst als Kinder, gingen wir nach dem Hause meiner guten Meisterin …

Und die Meisterin, mein Lieber, ist Mutter Natur.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 26. Mai 2023

„Die Amerikaner? Denen schwimmen die Felle weg. Und seit sie anfangen, das zu begreifen, versuchen sie, so viel als möglich, nun, zu retten. Tja, und zuallererst „beretten“ sie ihre Verbündeten, ganz vorn Deutschland. Und Taiwan nicht zu vergessen, zum Beispiel. Sie versuchen, sich so viel als möglich Industrie, technisches Wissen, Rohstoffe, Patente usw. unter den Nagel zu reißen. Und all die in den Jahren überall installierten „Stadthalter“ haben nichts anderes zu tun, als die jeweils eigenen Völker über den Löffel zu balbieren, ganz wie die Römer. Obwohl, die waren immerhin so ehrlich, den Einheimischen sichtbar römische Vertreter vor die Nase zu setzen. Die Amerikaner, sie fangen an zu begreifen, daß ihre schönen Flugzeugträger zu großen, trägen Zielscheiben mutiert sind, zum Beispiel. Das ist schon gruselig. Und all das Brot, und all die Spiele, mit denen der „Wertewesten“ beschäftigt wird, von Corona bis zu den Klimaklebern, sind nichts weiter als das. Amerika geht unter, herrgott, was erwartest du? Daß die in den Hinterzimmern ihren eigenen Blödsinn erst nehmen vielleicht? Daß sie ihre Mittel zum Zweck nicht als Handwerkszeug betrachten? Wie heißt es so schön: Die Katze läßt das Mausen nicht. Heißt, es ist ihre Natur. Und die Natur dieser Gesellschaft ist nun mal der Diebstahl, die Aneignung des Mehrwertes, wie es Marx formulierte. Oder: Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Oder das Beklauen der Vasallen, das Hemd ist eben näher als die Hose. Wenn der Fürst untergeht sind vorher die Vasallen dran, war schon immer so, kannst du dir in der Geschichte anschauen. Wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, kann er gehen. Man könnte auch sagen: mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Des Volkes Mund hat für alles seinen Spruch. Ist wie beim Kohlenmuk-Peter und dem Ezichel, wobei der Holländermichel, ein Geldsack aus Holland, nichts ist umsonst, als Waldgeist wohl eine der vielen Gestalten des Teufels darstellt. Tja der Wilhelm Hauff, tja die Altvorderen, sie wußten, wovon sie reden. Wenn hingegen heute eine hiesige Jung-Politikerin nicht weiß, wer Bismark gewesen ist, wenn das Jahr 1871 in ihren Ohren wie ein Waschmittel klingt, dann haben wir ein Ergebnis vor uns. Man könnte es gezüchtete Dummheit nennen. Sicher ist das peinlich, allerdings, diese Peinlichkeit zu begreifen setzt voraus, sich selbst zu hinterfragen. Und das kommt so gar nicht in die Tüte. Das ist bei religiösen Eiferern so, da kannst du nix machen. Ansonsten: Der große Wolf frißt den kleinen, wenn er Hunger hat. Sollten die kleinen Wölfe eigentlich wissen. Von den Schafen mal abgesehen, die sowieso immer gefressen werden. Wenn die Zeiten ruppig werden gilt das Recht der größeren Zähne. Und nun haben die Russen auch noch vor ein paar Tagen Artjomowsk erobert und ein amerikanisches Patriot-System mitten in Kiew zu Klump geschossen. Da wird es dann so richtig lustig im „Wertewesten“, da bekommt das Ignorieren der Realität eine ganz neue Dimension und man denkt unwillkürlich an geschlossene Anstalt und weiße Kittel. Und die dementsprechenden Tabletten natürlich. Dabei wird dem Wolf nur mal ein Zahn gezogen, das ist alles.“

Der Kneipenphilosoph lacht: „Wir bräuchten die Neusortierung der Verhältnisse. Aber du wirst sehen, ob wir das nun begreifen oder nicht, es wird stattfinden, wie es so oft in der Geschichte stattgefunden hat. Jedes Rad bricht irgendwann, auch dieses hier ist keine Ausnahme.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 13. Mai 2023

Der Kneipenphilosoph lacht: „Ich würde mal sagen, es gibt Leute, die haben gelernt, sie müssen nur nur lange genug quengeln, dann wird das schon. Wenn man sie läßt, fischen sie die dicksten Brocken aus der Suppe, und wenn man sie weiter läßt, dann werfen sie im Anschluß den Suppentopf um. Sind vielleicht antiautoritär erzogen, und so lange sie Kinder sind ist das vielleicht sogar niedlich. Bleiben aber keine Kinder, tja, und dann haben wir den Salat. Ihr Quengeln wird zu mit Vehemenz vorgetragenen Forderungen, die andere erfüllen sollen. Nennt sich infantil. Das bleibt halt übrig, wenn genervten Eltern nichts Besseres einfällt, als sich frei zu kaufen, erst Schokolade, dann Autos, dann die Weltreise von Hotel zu Hotel, fünf Sterne versteht sich. Man könnte sie Wohlstandstrottel nennen, wenn, tja wenn sie nicht so degeneriert zerstörerisch wären. Und so arrogant. Wenn nicht der pure Narzißmus aus jedem ihrer Knopflöcher schauen würde. Auf jeden Fall sieht es so aus, als wollen sie ernsthaft testen, wie weit sich so ein Volk drangsalieren läßt. Nun, um im Bild zu bleiben, die Suppe kocht. Nicht in Fernsehsendungen, nicht in Zeitungen, nicht mal im Internet. Auf der Straße kocht sie, langsam noch, verhalten noch, furchtsam noch, versteckt noch. Sie wissen von der Straße nichts, in ihren Ghettos. Sie nennen die Straße den Pöbel, wie zu alten Zeiten. Aber sie wissen auch von alten Zeiten nichts. Und wenn der Deckel dann vom Topf fliegt, und er wird fliegen, werden sie versuchen, hastig und heimlich in ihre Flugzeuge gen Amerika zu steigen. Manchen wird das gelingen, manchen nicht. Sei gewiß, ein wütendes Volk ist wie eine wütende Herde Büffel in vollem Lauf. Die Erde bebt, wenn sie sich nähert. Kein Mammut, kein Tiger, kein Tyrannosaurus wagt es, sich ihr in den Weg zu stellen. Als die Bauern unter Müntzer losschlugen brauchte es die adligen Heere ganz Europas, den Aufstand nieder zu schlagen. Als die Franzosen ihre Revolution machten rollten adlige Köpfe in Massen. Als Spartakus seine Gladiatoren anführte verbluteten mehrere römische Armeen, und als die Germanen im Teutoburger Wald kämpften blieb von der Legion nichts übrig. Sie spielen mit dem Feuer, diese überzeugten Eiferer. Und es ist ein geschichtlicher Witz, zugegeben, ein schlechter, daß solch geballte Inkompetenz samt zugehöriger Mentalität hierzulande in Führungspositionen und fremdgesteuerte Verantwortung kommen kann. Wer herrgott gibt quengelnden Kindern, die sich nicht mal selbst die Schuhe zubinden können, Verantwortung? Kindern, die mit dem Impetus von Großfürsten neunmalklug die Wahrheit gepachtet zu haben glauben. Als gegen Ende der DDR die Genossen sangen: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“, da schüttelte ganz Europa den Kopf. Heute beschaut dreiviertel der Welt kopfschüttelnd, wie die Deutschen mit irrwitzigem Eifer an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen. Oder besser: sägen lassen. Nun, der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht. Risse hat er ja schon. Bleibt nur zu hoffen, daß sich das Fußvolk, wie so oft, dieses Mal eben nicht gegenseitig erschlägt. Der Hauptfeind steht im eigenen Land, schrieb Karl Liebknecht 1915 auf ein Flugblatt, nun, es hat sich nichts geändert.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 1. Mai 2023

„Frühling. Da ist sie wieder, die Sonne. Sie hebt den Himmel ein gutes Stück höher, und die Leute schälen sich aus ihren Wintermänteln als würden sie Gewichte abwerfen. So werden ihre Schritte leicht und manche Oma hüpft gar wie ein Mädchen mit abstehenden Zöpfen. Was für ein Bild: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche. Fast gleichen die Straßen der Stadt den Bächen und die Leute wuseln wie kleine Fische, Stichlinge vielleicht, zwischen den Häusern herum. Während Balkongärter die ersten grünen Spitzen in ihren Kästen bestaunen wie das Zauberkunststück eine Fee. Stehen und schauen; eine Urfreude, Himmelsblau, ein Orchester mit schwitzendem Dirigenten, der seine Arme ausbreitet, als wolle er das alles in den Grundton des Planeten transponieren. Derweil alten Leuten Volkslieder einfallen, nun will der Lenz uns grüßen, komm lieber Mai und mache, alle Vögel sind schon da. Und vorm Bäcker stehen zwei und küssen sich, als wollten sie nie wieder aufhören. Frühling und Friede, diese beiden Worte teilen hierzulande den gleichen Buchstaben, ganz vorn, ganz am Anfang. Man könnte das Wort Freude hinzufügen, gleich nach Fest. Die Sprache also hat so ihre Tücken, sie ist ein Spiegel, der sehr gewiß mehr zeigt, als er versteckt. Wenn man denn hineinschaut. Als der erste Urmensch O sagte fing es an. Denn der Zweite sagte ziemlich sicher O? Und dann kam der Turm zu Babel. Und gleich danach die Literaturwissenschaft. Aber der Frühling. Er hat tatsächlich weiße Wattewolken, die über den Häusern der Stadt dahinziehen. Er hat schmalhüftige Mädchen in luftigen Kleidern, und Flieder in den Gärten, und summende Bienen. Nun, die Bienen sind ein fleißiges Volk, wir mögen sie, als Symbol. Die Arbeit, übersetzt: Mühsal und Qual – nach den großen Kriegen blieb den Deutschen nicht viel mehr als das. Diese Kriege hatten ihre Geschichte entwertet, die klassische deutsche Philosophie, die Aufklärung, die Romantik. Selbst ein Walther war nicht mehr unschuldig, oder ein Goethe. Da traf es sich gut, daß die christliche Religion den Begriff Arbeit neu definiert hatte, auf die Pflicht konnte man sich, wie gehabt, zurückziehen. Man konnte, den Kopf gesenkt, einfach arbeiten. Und daran, daß zu jedem Spiel Zwei gehören, durfte nicht einmal gedacht werden. Was jedes Kindergartenkind beim Streit im Sandkasten begreift ist eine wirklich unbequeme historische Wahrheit. Tja, selbst der besoffenste Kneipenschläger hat seinen Grund. Nennt sich Kausalzusammenhang, Ursache und Wirkung. Aber wie das so ist, es ist einfacher, dem Bier die Schuld zu geben. Es ist einfacher, einen Bösen zu definieren und gut. Erspart, in Zusammenhängen zu denken. Aber der Frühling. Die Natur erwacht und die Leute verlieben sich. Das Leben feiert und vor den Cafés sitzen sie und feiern mit. Da ist der Gedanke, daß deutsche Panzer über den endlich getrockneten Boden gen Osten rollen sollen, nach all den Jahren, nach all der Geschichte, nun, ein wenig negativ? Die Natur feiert das Leben und wir schicken Panzer? Tja, mein Lieber, Ursache und Wirkung. Das ewige Karussell. Und der große Bruder hinterm großen Teich. Inzwischen haben die Russen den ersten „Gepard“ zu Klump geschossen, eine etwas süffisante Nachricht, die man hierzulande lieber nicht hören mag. Was also willst du denken? Daß wir, so als Spezies, immer die gleichen Fehler machen? Daß wir, so als Spezies, Atomwaffen wie der Urmensch seine Keule benutzen wollen? Daß das erste Opfer jeden Krieges die Wahrheit ist? Daß in den Schützengräben immer nur das Volk verblutet? Daß Bauern und Schneider und Musikanten und Verkäufer vielleicht mal darüber nachdenken sollten, was sie da eigentlich tun? Kannst du alles denken. Ist nicht mal sonderlich schwer. Allerdings, die Propaganda, wieder mal, bekommt es gut hin, die Leute zu Zombies zum machen, lebendige Tote, die wie programmierte Biomaschinen auf einander los gehen. Und auf jeden, der nicht so ist wie sie. Konntest du bei „Corona“ gut beschauen. Es gibt immer die Frage: Wem nützt es. Alles andere folgt daraus. Aber der Frühling, der Lenz, er ist die personifizierte Hoffnung. Selbst der Zombie spürt den Sonnenschein, und vielleicht einen Rest Leben ist sich.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 23. April 2023

„Sakrileg“, der Kneipenphilosoph nickt. „Damit ist eigentlich alles gesagt, fehlt nur noch die Inquisition. Obwohl, die findet ja statt. Es ist also eine Glaubensfrage und Sittenwächter und Blockwarte haben Konjunktur. Die Glaubenssätze? Auch weißt du, den ganzen Schwindel aufzuzählen erspare ich uns. Das Interessante ist, wie das funktioniert. Sagen wir mal so, du kannst dir irgendeine Fahne ausdenken, es werden sich Leute finden, die mit Überzeugung und Dogmatismus hinter deiner Fahne herlaufen. So wird jede Idee zur Waffe, Sekten funktionieren so. Allerdings, dahinter stehen Sehnsucht und Angst. Aber vielleicht sollte ich die Angst zuerst nennen. Und es ist ein gewaltiges Sammelsurium von Angst. Läßt sich aber auf recht Weniges reduzieren, ein paar Urängste sozusagen. Der Tod, der Untergang im menschlichen Gedächtnis, der Bedeutungsverlust, die Einsamkeit, der Verlust des Ich, das Nichts. Michael Ende in seiner „Unendlichen Geschichte“ hat das, die Phantasie als trojanisches Pferd nutzend, gut erzählt. Aber Ende ist nur eines von vielen Beispielen. Die Philosophie ist voll solcher Geschichten. Was wird bleiben von den paar Jahren eines Lebens? Nun, und es gibt auch eine sozusagen masochistische Freude am Untergang, eine Art Strudel, dem man sich hingibt. In den Endzeiten aller Reiche kannst du dir das anschauen. Ist sozusagen ein uralter Kampf, bei dem sich regelmäßig das „Gute“ in sein Gegenteil verkehrt. Die Dinge werden hohl und zur Phrase bevor der Zusammenbruch kommt. Und immer werden die, die dies zu nennen wagen, als Verräter ans Kreuz geschlagen. Die Nachkommen haben sich all die Jahre kopfschüttelnd gefragt, wie ein Goebbels den „Totalen Krieg“ ausrufen konnte, nun, jetzt kannst du dir anschauen, wie das funktioniert. Womit sich die Frage stellt, wie man den Untergang der Titanic überlebt, nicht wahr? Die Frage aller Fragen. Tja, als erstes fällt mir da Theodor Kramer ein, „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“, eines der schönsten und traurigsten Auswandererlieder. Allerdings, das neue Land Amerika gibt es nicht mehr, ist Vergangenheit, ist Geschichte. Als Zweites fällt mir die „Innere Emigration“ ein, ein geflügeltes Wort aus DDR-Zeiten. Und eine halbe Lüge. Die versteckende Maske klebt mit der Zeit fest, und irgendwann ist sie dein Gesicht. Das Nächste? Nun, die Barrikade, die „Schlesischen Weber“ zum Beispiel, oder die Oktoberrevolution in Russland. Aber wie wir Deutschen so sind, wir kriegen ja nicht mal eine Achtundvierziger Revolution zu Ende. Was noch? Die Nische. Die Gemeinschaft, ganz ähnlich der Horde unserer Vorfahren. Tja, und dann gibt es noch den Eremiten, der versteckt im Wald vorm Lagerfeuer sitzt. Und zum Schluß natürlich die Seele, der Ausweg ins Himmelreich. Die Idee, die Transhumanisten samt künstlicher Intelligenz und Reduktion ins Physische übertragen wollen. Heißt, sie ignorieren einfach die christliche Dreiteilung in Körper, Geist und Seele samt Geschichte. Der Körper kann auch ein Computer sein, der Geist „wohnt“ darin, und eine Seele gibt es nicht. Wenn der Wahn einer sich selbst überdrüssigen Gesellschaft diese befällt, wird als erstes die Logik außer Kraft gesetzt. Als Zweites wird die Information eingeschränkt. Als Drittes werden Feinde definiert, gleichzeitig wird die Entscheidungs-Freiheit des Individuums drastisch beschnitten. All das findet statt, und es gibt innerhalb des Systems fast nichts (Prinzip Hoffnung), was das aufhalten kann. Dessen sollten wir uns klar werden. Der einzige Ausweg, den ich sehe, ist die Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig helfen, und natürlich: Die Bayern werden nicht Meister.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 14. April 2023

„Die Grünen? Herrje, schon wieder.“ Der Kneipenphilosoph lacht, dann sagt er: „Wie das so ist, mit dem Alter wird man konservativ. Sind inzwischen alle in der falschen Partei. Hätte Merkel nicht die CDU geradezu geschreddert, wären sie da genau richtig, ganz am Rand. Merkel, die Rache des Ostens an der alten BRD. Die nachgewachsene Generation? Sind Karrieristen, denen das Parteibuch ziemlich egal ist. Die haben sich das angeschaut und ganz richtig erkannt, daß sich mit dem steigenden Wahn der fallenden Gesellschaft ein gutes Geschäft machen läßt. Bedingen einander, der Wahn und der Fall. Diese Nachgewachsenen hatten nicht mal eine Sturm- und Drangzeit, der „Minister in Turnschuhen“ ist für sie wie eine Reise zum Mond, zum Beispiel. Immerhin, als die Grünen einst antraten, Schwerter zu Pflugschaaren, Achtundsechzig, Hippie, Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren, Ami go home und so weiter, da waren sie Teil eines Aufbruchs, heute sind sie nur noch ein Etikettenschwindel in fremdem Auftrag. Was für die ganz Jungen, die sich engagieren wollen, eine Katastrophe ist. Die sie allerdings erst noch begreifen müssen. Eine andere Katastrophe sind die „Linken“. Der Fall liegt etwas anders und ist doch ganz ähnlich. Jedenfalls wurden sie geentert, gefedert und geteert, entkernt, und sind heute eine Art Zombie, genau wie die Grünen. Man fühlt sich an Konstantin erinnert, den römischen Kaiser, der begriff, daß sich mit dem Christentum als Staatsreligion etwas anfangen läßt. Womit sich diese Religion verriet und der sozusagen Urgemeinschaft, der Kommune Lebewohl sagte. Die „staatstragende“ Linke jedenfalls hat auch alles verraten, was es zu verraten gibt. Insofern hinkt der Vergleich mit der Weimarer Republik. Tja, und da kommen wir zu Sarah Wagenknecht, auf die inzwischen viele Leute wie auf den Messias warten. Und genau deshalb zögert sie. Sie ist keine Parteivorsitzende, und auch keine Barrikadenkämpferin. Sie ist ein Philosoph, das ist alles. Was das ist? Nun, sie ist eine Betrachtende, der es um Erkenntnis geht. Sogar um Wahrheit. Sie weiß, daß sie verbraten werden würde, deshalb zögert sie. Vielleicht denkt sie ja auch an Jeanne d`Aarc und den Scheiterhaufen, auf dem diese zum Dank verbrannt worden ist. Wie heiß es so schön: Die Revolution frißt ihre Kinder. Man könnte auch sagen, sie hat Besseres zu tun, als sich im Parteiengezänk aufreiben zu lassen. Und es heißt nicht umsonst Gezänk. Wenn man es nett formulieren möchte, dann nimmt man einen Haufen Spatzen, der sich winters im Vogelhäuschen um die Körner streitet. Tja, das Elend der hiesigen Intellektuellen. Und damit kommen wie zur AFD. Seltsame Verkehrung, die „Grünen“ schreien nach Waffen, die AFD schreit nach Frieden. Es ist, als hätten man ihnen die Köpfe verkehrt herum angeschraubt. Kein Wunder, daß niemand mehr zurecht kommt. Wenn der Falsche das Richtige sagt, wird es schwierig. Aber die „Grünen“ sind ja lange nicht mehr grün, sie schlagen Bileams Esel, bis er zusammenbricht, da kann ein Engel reden, was er will. Tja die deutsche Geschichte, sie hat tiefe Löcher. Und jede Menge Labyrinthe. Wenn ich da eine Empfehlung an dich loswerden darf, Golo Mann, sind über 1000 Seiten. Und wenn ich schon dabei bin: Peter Weiss „Die Ästhetik des Widerstands“. Aber genug. Man muß vorsichtig sein, die Bücher landen sonst noch auf dem Index, oder im Giftturm, oder im Feuer, nicht wahr?“

„Was nicht das Schlechteste wäre“, entgegne ich. „Du weißt schon, die verbotene Frucht.“

„Vom Baum der Erkenntnis“, der Kneipenphilosoph schmunzelt, daß sich die Balken biegen.

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 8. April 2023

„Als nach dem großen Krieg die halbverhungerten Städter, vom Professor bis zum Bandarbeiter, in Scharen aufs Land zogen, um vom Tafelsilber bis zur Bettwäsche alles für einen halben Sack Kartoffeln einzutauschen, da rächten sich die Bauern. Der über die Jahrhunderte gebeutelte Stand rächte sich an den hochnäsigen Städtern, und manche gaben für den Wucher sogar die Saatkartoffeln her. Manche vergaßen, daß man Tafelsilber nicht essen kann, ein Rausch der Gier sozusagen, ein Rausch der Rache. Daß es, wie immer, die Falschen erwischte, ist selbstverständlich. Es waren harte Winter nach dem großen Krieg. Sie verhielten sich wie Diebe, manche Bauern. Und so stapelten sie in Truhen auf Dachböden Dinge, wie ein Hamster es tut. Gewiß, das ist Geschichte, nur die ganz Alten erinnern sich noch daran. Aber diese Geschichte lauert sozusagen hinter der nächsten Ecke. Sie lauert in den Regalen der Märkte, die hier und da seit einiger Zeit die Bodenbretter sehen lassen. Sie lauert in Zetteln in England, auf denen steht, daß jeder nur eine Zucchini mitnehmen darf, sie lauert in der Zuteilung von Toilettenpapier zu Corona-Zeiten. Und die Werbung macht ohne Pause weiter, als wäre nichts anders als sonst. Es ist anders. Die besondere Zeit nach dem großen Krieg geht zu Ende. Die Zeit, in der die Lehre aus all dem glasklar und auf ewig in Stein gemeißelt schien. Man spricht von der wohlstandsverwahrlosten Generation, man spricht von wohlgenährt Schlanken, von Erben, die es nicht nötig haben, auch nur einen Tag ihres Lebens für sich selbst zu sorgen, von Leuten, die sich zu Tode langweilen, von Leuten, die mit irrwitzigen Geldbeträgen wie mit Murmeln spielen. Es ist eine virtuelle Welt, und diese kann man in der physischen beschauen. Jedes Handy-Kind ist sozusagen nur halb da. Jede Mutter, die ihr schreiendes Baby ignoriert und auf dem Bildschirmchen herumwischt ist nur halb da, jeder Student, der gegen einen Laternenpfahl läuft und erschrocken sein Iphon fallen läßt. Sie alle machen es wie die Bauern, die ihre Saatkartoffeln hergegeben haben. Tja, und es gibt Leute, die sind inzwischen eine Art Computerzubehör, eine Art Bauteil, eine Art Biomaschine, deren Zweck es ist, den „Rechner“ im Kopf herum zu tragen und mit Strom zu versorgen. Da liegt der Gedanke nicht fern, diese Biomaschine ganz einzusparen, zumal man gleich damit dem Tod ein Schnippchen zu schlagen glaubt. Eine zweckgerichtete Reduktion, nichts weiter. Ich meine, daß Menschen einen Ausweg suchen, aus dieser endlichen Welt, ist ja zu verstehen. Zumal die Religion, rein physisch gesehen, schon immer versagt hat und man Glauben eben glauben muß, was nicht viel anderes als Hoffen heißt. Und zumal inzwischen klar ist, daß es bis zum nächsten bewohnbaren Planeten viel zu weit ist, und daß auch die Außerirdischen sich wohl so schnell nicht sehen lassen werden. Und: Nicht jeder hat das Talent zum Maler, Komponisten, Schriftsteller, Baumeister, um sein physisches Dasein zu überdauern. Allerdings, wenn man sich zwei Drittel vom Menschen weg denkt, was bleibt da noch? Vermutlich eine depressive Maschine, die hofft, irgendwann einmal abgeschaltet zu werden. Zum Schluß: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg, so heißt es. Werden wir wieder halbverhungerte Städter sehen? Diesmal mit Telefonen, die alle nicht mehr funktionieren? Werden wir die Realität gnadenlos sehen? Und uns mitten in ihr?“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 2. April 2023

„Hans Sachs? War wohl ein recht fleißiger Mann, ein kleinbürgerlich determinierter, wenn du so willst, ein Schuster aus Nürnberg, der im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts den Weg alles Irdischen ging. Aber bei all seinen gottesfürchtigen Auslassungen findet sich hier und da auch recht Kräftiges: Wer mit Dreck ficht, der bleibt nicht unbeschissen. Beißt er, so wird er wieder gebissen. Oder: Ein tyrannisch Regiment gewöhnlich nimmt ein blutig End. Oder: Am vielen Reden erkennt man den Narren, der Falsche tut auf falsch Zungen harren. Klingt schon ein wenig nach Eulenspiegel. Allerdings, er hat die Welt durch seine Ladentür betrachtet, und diese ist nun mal ein Rahmen, nun ja, der einschränkt. Heute heißt das Framing, und man bekommt es inzwischen ziemlich gut hin, aus diesem Rahmen eine Art Kinoleinwand zu machen. Da laufen dann die Filme von Gottes Gnaden, und links und rechts und oben und unten hat man Stahlbeton hin gebaut. Da sitzen die Leute wie in einem Bunker, und von dem weiß man ja, daß er eine Doppelfunktion erfüllt, er ist gleichzeitig Schutzraum und Gefängnis. Tja, und wer lange genug in diesem Ding sitzt, der hat dann eine recht merkwürdige Vorstellung von der Realität. Klingt wie ein Experiment? Nun, ist auch eines. Funktioniert aber nur so lange, bis der Stahlbeton Risse kriegt, durch die die Sonne scheint. Immerhin, darauf kann man hoffen. Und da schauen wir wieder mal neidvoll nach Frankreich. Kann schon sein, daß der gallische Hahn es fertig bringt, den aktuellen, verräterischen König von seinem Sessel zu schubsen: Viev la France. Wenn das Volk nicht will, wenn die Sonne zu schön durch die Bunkerrisse scheint, wenn so ein Dieb gar zu dreist in die Taschen der Leute greift, dann werden die Schafe zu Wölfen, wie es so schön heißt. Da gibt es dann wieder richtige Männer und richtige Frauen und all der Zirkus fällt, morsch wie er nun mal ist, in sich zusammen. Das ist so, wenn es ums Überleben geht. Ja, Brecht, erst das Fressen, dann die Moral. Ansonsten? Die ganze hysterische Blase läuft heiß. Das ist durchaus lustig. Stell dir einen kleinen weißen übergewichtigen Spitz vor, der sich um sich selbst dreht und sich kläffend und rasend vor Wut in den Hintern beißt. Von der Arroganz mal abgesehen, daß er sich für den Nabel der Welt hält. Aber wie das so ist, er sieht ja nur das eigene Hinterteil, das er zum Feind erklärt hat. Da macht es sich gut, wenn man ein Hiesiger ist und die Erbsünde quasi umsonst mit sich trägt. Wenn du so willst ist das eine besondere Form der Eitelkeit, zu der gehört, daß man den Rest der Geschichte der Spezies Mensch ausblendet. Als die deutsche Generalität im zweiten Weltkrieg die Russen wieder und wieder unterschätzte, endete das in Berlin. Wenn heute die „Grünen“ nach Waffen schreien, dann ist es, als wollten sie sich in den eigenen Hintern beißen. Und die Amerikaner sagen dazu: Macht ihr mal. Aber denkt nicht, daß wir den NATO-Bündnisfall ausrufen, wenn es schief geht. Man sagt, das sei Stalins Strategie gewesen. Wenn sich die Europäer gegenseitig kurz und klein gehauen haben, dann kommt er. Die Amis glauben wirklich, daß sie wie früher hinterm großen Teich zuschauen und verdienen können, bis es so weit ist. Und der kleine weiße Spitz glaubt wirklich, daß die Leine samt der Schlinge um den Hals schon halten wird. Und die debilen Kinder hierzulande glauben wirklich, daß sie dazu auserkoren sind, den Planeten zu retten. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Das ist wirklich lustig.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 26. März 2023

„Swer niht wol gereden kan, der swîge und sî ein wîse man.“ Der Kneipenphilosoph lacht schallend, dann sagt er: „Tja mein Lieber, das ist ein Spruch aus dem 13. Jahrhundert, du siehst, das Problem ist alt. Man möchte ihn allen Schwätzern vor die Nase halten, allein, sie schwatzen ja. Ununterbrochen. Sie reden, als ob sie Angst hätten. Wenn es einen Knopf gäbe, ich würde ihn drücken. Man könnte die Vögel hören, den Wind, den Frühling, das Rauschen der See. Dieses Geschwätz ist Umweltverschmutzung, Eiferer reden so. Sie reden sozusagen alles nieder und sei gewiß, es ist egal, was sie reden. Der einzige Zweck ist das Besetzen von Gehirnen, sie erzeugen das Grundrauschen dazu. Aber da fällt mir Marx ein, der sich bei Engels entschuldigte, der Brief sei zu lang geraten, er hätte wenig Zeit gehabt. Wenig Zeit erzeugt also viele Worte und mageren Inhalt. Unsere Schwätzer haben augenscheinlich gar keine Zeit. Dazu klingen sie immer so, als seien sie gerade 3000 Meter gerannt. Können einem fast leid tun. Aber genug. Man darf einem Eunuchen nicht etwas von der Liebe erzählen wollen. Er wird ohnehin behaupten, daß es sie nicht gibt. Vor einigen Jahren kannte ich mal einen Blinden recht gut, nun, und eines schönen Abends in der Kneipe kamen wir auf das weibliche Geschlecht zu sprechen. Als ich ihm erzählte, daß man über drei Tische hinweg Kontakt aufnehmen kann, mit den Augen, mit einem Lächeln, einer Geste, stritt er rundweg ab, daß es das gibt. Wie es der Zufall wollte, bot sich dazu eine Gelegenheit, und als die Dame dann tatsächlich an unseren Tisch trat, war mein blinder Freund recht verblüfft. Und suchte fieberhaft einen Ausweg. Von „ihr kennt euch von früher“ bis „das hast du vorher abgesprochen“, war alles dabei. So ist das mit der Weltsicht, nur daß der Blinde hier wirklich blind war. Die Augen haben und sie nicht benutzen sind bedauernswerter. Aber das kann man auch von Gehirnen sagen. Eine andere Begebenheit, von der es sogar ein Foto gibt, ereignete sich im Thüringischen auf einer Pferdekoppel. Der Freund hatte geglaubt, Pferde seien in etwa so groß wie Hunde. Tja, und dann kam ein Pferd, ein Reitpferd mit Mädchen obenauf, und beschnupperte neugierig den Kragen des Blinden. Und der bog sich zur Seite, und das Pferd machte einen langen Hals und schnaubte, und irgendein Witzbold drückte den Auslöser seiner „Praktica“. Nun, die Größenverhältnisse schoben sich augenscheinlich zurecht. Allerdings, zum Reiten hat er sich dann doch nicht überreden lassen. Pferde waren für ihn zu einer Art Ungeheuer mutiert, damit mußte er erst fertig werden. Irgendwann konnte er darüber lachen. Wenn man das alles nun nimmt und dabei an unsere „Fürsten“ denkt, die du dir einfach wie Napoleon auf dem Plumpsklo vorstellen kannst, tja, dann rücken sich auch hier Größenverhältnisse zurecht. Eine Funktionsträgerin zum Beispiel, die sich mit einem Plüschpanzer fotografieren läßt, Leopardenmuster, oder noch eine Funktionsträgerin, die glaubt, barfuß zu laufen sei die hohe Schule der Diplomatie. Wie sich das anfühlt? Ich würde sagen: Kindergarten, kleine Gruppe, Sandkasten. Es gibt auch ein anderes Wort dafür: Infantil. Und es gibt noch eines: Degeneration. Auf jeden Fall sind das Leute, die Tanten brauchen, die auf sie aufpassen. Es ist peinlich. Man möchte sich in Grund und Boden schämen. Sunt qui sedent in stupore sicut in labro.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 19. März 2023

„Tja, wie sieht es aus?“ Der Kneipenphilosoph schmunzelt und stopft seine Pfeife. „Wir, also unsere „Volksvertreter“, denken jetzt darüber nach, uns von den Polen erpressen zu lassen, und die den Russen gestohlene Raffinerie Schwedt zu verkaufen. Der Hehler ist genau so wie der Stehler – ist ein Kinderreim von ganz früher. Aber das nur am Rand. In den Grenzen das Systems gesprochen heißt das, daß irgend jemand, der hier eine Fabrik baut, diese ganz einfach weggenommen bekommen kann. Tja, wer baut hier noch eine Fabrik? Du kannst gewiß sein, die Welt schaut zu. So sorgt man für Deindustrialisierung. Wird wohl nicht mehr lange dauern, dann sitzen wir alle am Lagerfeuer, und den Rotwein dazu, den denken wir uns. Wir werden sozusagen Buschmänner, ein Reservat. Und oben kreisen die Satelliten und beschauen das Experiment. Im Winter haben wir Eiszapfen an der Nase und im Sommer werden wir schön braun, was geradezu romantisch ist. Die Wiederauferstehung der Germanen samt Wodan und Thor und Loki. Aber die christliche Religion ist ja ohnehin nur noch ein Schatten ihrer selbst, da sind handfeste Götter aus handfesten Zeiten, schön weit in der Vergangenheit, gewiß brauchbarer. Was noch? Ach ja, die Russen. Die spielen Schach. Wenn man sich die Karte der Front anschaut sieht es jedenfalls so aus. Hier ein Bauer, da ein Springer, und von hinten droht die Dame. Die Russen haben wieder gelernt, wie Krieg geht, das mußten sie, als Napoleon kam, das mußten sie, als Hitler kam. Und jetzt haben sie es wieder gelernt. Und die ersten im „Wertewesten“ fangen an zu begreifen, was das bedeutet. Und fangen an, ein mulmiges Gefühl im Magen zu haben. Tja die Russen, der Bär. Er schläft lieber bei Sonnenschein auf der Wiese. Aber wenn er dann mal aufsteht. Ich sage mal so: Die Alliierten im Westen haben ihre zweite Front eröffnet, als sie Angst haben mußten, daß der Bär es allein erledigt. Ach, und die Geschichte von den jüdischen Generalen in der Wehrmacht. Haben bis zum bitteren Ende durchgehalten, wie es heißt. Wie das so ist. Ein Schelm, wer Parallelen zieht. Das Theater hat nun mal verschiedene Rollen, kann man im Bundestag beschauen. Obwohl, die Darsteller dort, ich weiß nicht so recht. Sie können ihre Texte nicht und verplappern sich andauernd. Ist wohl eine Laientruppe, aber immerhin überbezahlt. Die Beste von allen scheint mir noch die Annalena zu sein, die sorgt für einen Lacher nach dem anderen, die ganze Welt hält sich den Bauch, mit Tränen in den Augen. Was Selenski angeht, nun, irgendein amerikanischer CIA-Analyst schrieb gerade, daß er wohl irgendwann von einem seiner Offiziere erschossen werden wird. Überhaupt die Amerikaner, es scheint, als hätten sie langsam genug vom Faß ohne Boden. Es scheint, daß sie nach einem Ausstiegszenario suchen. Tja, und da muß eben ein Segelboot mit Pro-Ukrainern darauf die Ölpipeline gesprengt haben. Möchte mal wissen, welcher Hollywood-Regisseur sich das ausgedacht hat. Wahrscheinlich haben sie ihn zu schlecht bezahlt. Oder es sollte eine Kabarettnummer werden. Obwohl, wenn du einmal in einem deutschen Gericht erlebt hast, wie ein dicker Richter sämtliche physikalischen Gesetze mit einem Wisch seiner schwabbligen Hand außer Kraft setzt, dann kann auch ein Segelboot mal locker mit Sprengstoff, Ausrüstung und Leuten überladen werden ohne zu kentern. Tja, was noch? Der Frühling klopft an. Die Bäume werden grün werden und die Blumen werden blühen. Die gute Mutter. Und was alles verzeiht sie uns. Kaum zu glauben.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 6. März 2023

„Ach weißt du, welche Fahne jemand vor sich her trägt ist mittlerweile ziemlich egal. Das liegt daran, daß sie alle nicht echt sind. All die bunten Wimpel tun nur so, als seien sie irgend etwas. Die „Linken“ zum Beispiel, oder die „Grünen“. Sie segeln unter falscher Flagge, und der Rest ist auch nicht anders. Aber da diese Gesellschaft es nicht fertig bringt, irgendeinen Sinn zu stiften, ist so eine falsche Flagge immer noch besser als gar keine. Zumindest für die, die es nicht fertig bringen, sich selbst einen Sinn zu suchen. Ob das traurig ist? Nun, es ist real. Das ist so, wenn ein System zerbröselt. Ich bemühe mal den guten alten Tucholsky: Und wie ist es nun mit Deutschland? Nein, ein feiner Salon lauter guter Menschen ist es natürlich nicht. Das war es nicht einmal – und heute? Ach, es hat sich so verschlechtert, ist so vor die Hunde gegangen und ist so laut und grell geworden, wie ich es niemals kennen gelernt habe. Tja, mein Lieber, das hat er im Dezember 1919 geschrieben. Er kann nichts dafür, daß es wie heute klingt. Nun, und wo das Ganze geendet hat ist bekannt, das steht in Büchern. Und auf Grabsteinen. Ist schon seltsam, daß so viele davon nichts mehr wissen wollen. Käme heute ein Dr. Goebbels daher, mit Hinkefuß und rhetorisch begabt, und mit dem richtigen Parteibuch in der Tasche – nun, alles wie gehabt. Verwirrend? Ach nein, die Geschichte ist manchmal wie ein Kabarettprogramm in Endlosschleife. In jedem guten Programm bleibt dir das Lachen im Hals stecken, hier und da, bei der Geschichte ist es umgekehrt, bei der, die sich anschickt, sich zu wiederholen. Tja, und in den Läden haben sie jetzt Panzer und Kanonen aus Plastik für die Kinder. Wird wohl nicht mehr lange dauern, dann gibt es Brettspiele; Stalingrad oder Ostfront oder Winterhilfe. Der Rest findet am Computer statt, im Internet, auf Handys und in Hollywood. Eifrigen kleinen Jungs und Mädchen wird der Krieg als Abenteuer verkauft, schnelle Schnitte, animierte Explosionen und fein gebastelte Soundeffekte. Und natürlich böse Pappkameraden, die reihenweise umfallen. Und die maximal mit Luftgewehren zurückschießen, was höchstens blaue Flecke gibt. Die Abenteuer des Werner Holt, fallen einem da ein. Da kannst du nachlesen, wie das funktioniert. Aber der Großteil der Schulabgänger sind ja Teil-Legastheniker, da kann man nix machen. Die mittelalterlichen Bauern sind auch, nun, fern gehalten worden, läßt sich besser händeln, fern gehaltenes Volk. Leute, die mit den Fingern wie Kleinkinder rechnen sind geradezu ideal. Und um graue Wintertage nicht wahrnehmen zu müssen sind bunte Videos auf Youtube bestens geeignet. Ist wie rosarote Zuckerwatte fürs Gehirn, macht süchtig. Nach einer Weile kann man nicht mehr unterscheiden, explodiert der Panzer nun im Film, im Computerspiel oder ganz real auf dem Schlachtfeld. Mal davon abgesehen, daß das Schlachtfeld bislang nur aus Videos besteht. Hinter dem Horizont ist genau so weit weg wie Hollywood oder Deep Space Nine oder Russland oder der Mond, wer soll das auch unterscheiden. Ansonsten, was soll man sagen, sind unsere „Volksvertreter“ tatsächlich so, wie sie sich geben. Liegt anscheinend in der Natur der Sache, jeder sorgt dafür, daß sein Nachfolger noch eine Nummer kleiner ist. Am Ende kommen Zwerge heraus. Und von denen weiß man ja, daß sie große Leute nicht mögen.“

Der Kneipenphilosoph schaut mich an: „Zu negativ? Liegt vielleicht daran, daß der versprochene Klimawandel nicht so richtig in die Gänge kommen will. Mittelmeerklima wäre nicht schlecht, Sonne und warmer Wind. Da könnte man wie Diogenes in seiner Tonne leben.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 26. Februar 2023

„Wenn einer nicht mehr Geld verdienen will, als er tatsächlich braucht, wird es sofort komisch. Man kann es geradezu im Gebälk knirschen hören. Er ist sozusagen ein Frontalangriff auf die bürgerliche Gesellschaft. Er stellt ihren Grundwert in Frage und damit das ganze Dasein inklusive Selbstverständnis. Vor vielen Jahren stand mal eines schönen Vormittages ein Zeitungsverkäufer vor meiner Tür, gleich nach der „Wende“. Der hielt mir viel Buntes unter die Nase, und als ich fragte, was ein arbeitsloser Philosoph damit soll, holte er tief Luft und gab mir im Brustton der Überzeugung Bescheid. Ein Mann wie ich, so groß und stark und gebildet, fände ganz leicht Arbeit, wenn nicht hier, dann im Westen. Und der erste Schritt dazu wäre ein Abo einer der bunten Zeitungen. Die neue Welt sozusagen. Er tat mir leid, dieser Zeitungsverkäufer, samt schwäbischem Dialekt. Er war so gut programmiert, daß es weh tat. Wenig später lief mir ein Mercedes-Verkäufer über den Weg, ein Gebietsleiter gar, mit Buschzulage. Der war genau so gut programmiert. Nun, und kurz drauf traf ich zwei Bild-Redakteure in einer Kneipe, die wußten immerhin, was sie taten. Sie soffen wie die Löcher, weil sie es wußten. Nach einer knappen Stunde waren sie hinüber. Was das sagt? Nun, ganz einfach, es gibt nur drei Zustände: Millionär, Eremit und Kompromiß. Für den ersten reicht es meist nicht, den zweiten traut man sich meist nicht, der dritte ist sozusagen normal. Das Dazwischen ist der Normalzustand, also der Kompromiß. Und der läßt sich am besten ertragen, wenn man blind und taub und stumm ist, wie die Affen. Bei Corona konntest du das gut sehen, da hatten sie die Fahne ja im Gesicht. Sie waren nicht zu übersehen, gerade die, die es besser wußten und aus Angst ihr Gesicht verbargen wie Diebe. Haben sich selbst bestohlen. Dafür schreien sie heute gen Osten, es sind die gleichen Leute und die gleichen Gründe. Tja, wenn man erst einmal angefangen hat. Aber zurück zum Geld, von dem es heißt, daß es der Teufel erfunden habe. In der Bibel, irgendwo im alten Testament, findet sich eine bemerkenswerte Geschichte. Da heißt es, daß alle 50 Jahre alles wieder zurück auf Null gestellt wird, von der Verdammung des Wuchers mal abgesehen. 50 Jahre sind die damalige durchschnittliche Lebenserwartung in Friedenszeiten. Dieses Auf-Null-Stellen hat was von Großreinemachen, Klarschiffmachen. Wir dagegen haben Zins und Zinseszins, wir stapeln sozusagen Schulden übereinander. Und schaffen damit Abhängigkeiten über Generationen hinweg, kurz und gut, Zins und Zinseszins sind ein Machtmittel, nichts weiter. Wenn der Teufel also das Geld erfunden hat, dann haben wir ihn locker geschlagen, wir haben die Schulden erfunden. Gelehrige Schüler eben. Was das heißt? Nun, Geld ist nicht real, nicht mal, wenn es geprägte Goldmünzen sind. Geld ist eine Vorstellung, eine Vereinbarung auf Schulden, ein Schuldschein, heißt, ich glaube dir, daß du mir für diesen Zettel bedruckten Papiers etwas gibst, und zwar das, was ich gern hätte. Wenn du allerdings keine Lust dazu hast stehe ich ziemlich dämlich in der Gegend herum. Aber ich kann ja ein paar Soldaten oder Seeräuber mitbringen. Ist mit allen Dingen so, physischen oder imaginären, sie haben erst einen Wert, wenn wir ihnen einen zuweisen. Und das machen wir in der Regel, wenn wir etwas gebrauchen können, Brot zu Beispiel. Oder Wasser in der Wüste. Da helfen Goldmünzen so gar nichts. Einen wirklichen Wert haben nur Dinge, die wir wirklich gebrauchen können, der Rest ist Habgier und vielleicht noch die uralte Angst, im Winter zu verhungern. Alles Weitere folgt daraus, selbst der Tauschwert, die Handelsware. Wenn also einer nur so viel Geld verdienen will, wie er tatsächlich braucht, dann wirft er den ganzen heutigen aufgeblasenen bunten Müll in die Tonne. Und ist ein Systemfeind, heureka. Die Ameise macht nicht mehr mit.“

Der Kneipenphilosoph lacht: „Klar, es gäbe noch viel mehr zum Thema, aber das soll erst mal reichen. Ansonsten ist ein Eremit mitten in der Stadt höchstes ein halber. Der Kompromiß hingegen ist immer ein ganzes Gefängnis, wenn auch nur, wie alles, auf eine Zeit. Der Millionär? Tja, den lassen wir weg, da lohnt kein Spruch.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 17. Februar 2023

„Thunfisch, ich habe mich an Thunfisch überfressen, letzte Woche. Ich konnte nicht aufhören. Wie eine Schwangere, obwohl ich weder schwanger noch Frau bin. Jetzt hasse ich alle, die Thunfisch essen, ich meine es ernst. Sie denken nicht an die Delphine, nennt man Beifang. Schon das Wort. Ökologisch ist das jedenfalls nicht, ich denke, die Meere werden sowieso überfischt. Nur weil die den Hals nicht voll kriegen, die wollen Thunfisch essen, schon der Gedanke dreht mir den Magen um. Was für rücksichtslose Leute. Sollten Strafe zahlen, für jede Flosse einzeln. Die Fische wollen auch nur leben. Wer gibt uns überhaupt das Recht, sie zu essen? Wenn sie uns nun essen würden, da wäre das Geschrei groß. Eigentlich müßte man diese Leute einfangen und wegsperren. Dann merken sie vielleicht mal, wie es den Fischen geht. Einsperren in Sardinenbüchsen. Ich schreibe eine Petition. Alle Thunfischesser gehören an den Pranger. Erst eine Petition und dann eine Demo vor dem Bundestag. Thunfische am Galgen auf Plakaten, das wirkt. Und dann gründe ich eine Partei, oder erst mal einen Verein. Da kommt man leichter an Fördergelder. Das dauert nicht so lange. Einen Verein, irgendwo steht, daß man nur sieben Leute dafür braucht. Einen Verein zu Rettung des Thunfisches, ich frage mal Greta, die macht bestimmt mit. Da wissen die Eltern auch gut, wie man an die Kohle kommt. Und dann machen wir eine Weltreise auf einer Yacht, für den Thunfisch. Und ein Kamerateam kommt auch mit, für Facebook und Youtube. Und wenn uns langweilig ist, dann angeln wir ein bißchen. Und wenn ein Thunfisch anbeißt, dann werfen wir ihn zurück ins Meer, in die Freiheit. Das ist dann wie bei Flipper. Da werden alle drüber reden, das gibt klasse Bilder, Greta muß unbedingt mitmachen. Sie werden neidisch sein, auf meine Idee und mich. Aber das ist dann eben so. Sie können ja auch mal eine Idee haben. Ich bekomme bestimmt das Bundesverdienstkreuz, vielleicht nicht gleich im ersten Jahr, aber im zweiten dann. Wenn wir von der Yacht zurück sind. Kameras und Blitzlichtgewitter, ich werde mich daran gewöhnen. Das ist bei VIPs halt so. Und später dann schreibe ich ein Buch, wenn wir gewonnen haben. Das Einzige, was vielleicht ein bißchen schwierig wird, sind die Thunfische. Sie sind nicht gerade häßlich, aber wie niedliche Koalabären sehen sie auch nicht aus. Oder Nemo, der Clownfisch, das ist ein schöner Film. Wir brauchen einen Grafiker, die Thunfische müssen niedlicher werden. Um ihrer selbst willen. Wenn sie niedlich sind schmecken sie nicht so gut. Also ein Grafiker, und eine Demo, und ein Verein, und eine Weltreise. Wenn ich nur nicht andauernd an Thunfisch denken müßte, in den kleinen Dosen. Nein, mir dreht sich der Magen um, ich lasse mich krank schreiben. Dann fällt auch die Klausur aus, da kann man nichts machen. Eigentlich fallen sieben Klausuren aus, wenn ich zwei Wochen schaffe. Die Erstsemester werden immer nur gequält, schlimmer als das Abi. Der sich das ausgedacht hat müßte auch gleich bestraft werden, für jede Klausur einzeln. Wer gibt denen überhaupt das Recht? Andauernd Klausuren, Klausuren und Punkte und Scheine. Als wären Studenten Thunfische. Studenten am Galgen auf Plakaten vorm Bundestag, das wirkt. Besser ist es aber drinnen, da gibt es Fotografen und Zuschauer, und Diäten. Damit kann man sich eine Yacht kaufen, falls Greta doch keine Lust hat. Man braucht keinen Abschluß da drinnen, Annalena hat auch keinen. Ich gehe in die Politik, keine Klausuren, keine blöden Dozenten und keine neunmalklugen Seminargruppenleiter. Da muß ich keinen Verein gründen, ich trete einfach ein. Und das bißchen Parteibeitrag haben die Eltern auch noch übrig. Die freuen sich und sind stolz auf mich. Und wenn ich eine Rede halte schalten sie den Fernseher ein. Im Bundestag habe ich dann auch ein Büro und bin Chef, das gehört sich so. Und wenn einer faul ist fliegt er raus, das ist ganz klar.“

Der Kneipenphilosoph schaltet sein Diktiergerät ab und schaut mich schmunzelnd an: „Na mein Lieber. Willst du das so aufschreiben?“

Ich nicke.

„Gut“ sagt er. „Denn wenn du dir das ausdenken würdest, würde es niemand glauben.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 10. Februar 2023

„Die Realität ist aber auch zäh“, der Kneipenphilosoph lacht. „Da kannst du wünschen und wünschen, sie schert einfach sich nicht drum. Diese vermaledeite Realität, man müßte sie ins Gefängnis stecken. Die NASA zum Beispiel, die doch tatsächlich für die letzten acht Jahre auf diesem Planeten keine Erwärmung feststellen konnte. Und die ihre Meßergebnisse auch noch öffentlich macht. Und die auch noch sagt, daß wir in den nächsten rund fünfzehn Jahren mit einer Abkühlung rechnen können. Da brauchen die „Klimakleber“ keinen Kleber mehr, da reichen nasse Hände, die frieren dann fest. Aber naja, die sind ja bezahlte Angestellte mit Krankenversicherung. So ist das, mein Lieber, Gesinnung kann man kaufen. So, wie man in ein Freudenhaus geht und kauft. Dafür sind die alten Leopard I – Panzer wie Lampen in der Dunkelheit. Ihre Motore werden so heiß, daß sie für Infrarotscanner wie Weihnachtsbäume leuchten. Man kann sozusagen nicht daneben schießen, gut für Zielübungen geeignet. Eine Trainingseinheit sozusagen. Die Besatzungen? Herrgott, Menschen sind in solchen Planungen Verbrauchsware. Und ob da einer Gedichte liest, oder Klavier spielt, oder Vater von sieben Kindern ist, ist eine Marginalie. Nicht doch! Nicht der Bote ist die Botschaft. Unter der Farbe ist das morsche Holz. Oder unter der Schminke der Fernseh-Tanten. Wäre schon interessant, wie weit sie für ihre Wünsche gehen würden. Auf jeden Fall werden sie besser bezahlt als die „Klimakleber“, die sind das Fußvolk. Schätze, die meisten wissen, daß sie nur einen Job erledigen. Wie das mit den Sofa-Kriegern so ist. Das alles fühlt sich an wie ein Boxkampf. Im Ring hauen sie sich die Lippen dick und im Publikum feuern sie an, sie haben ja den Eintritt bezahlt und die eine oder andere Wette plaziert. Ansonsten hat jetzt ein Pulitzerpreisträger, ein Amerikaner, die Geschichte der Nordstream II-Sprengung offen gelegt. Klingt wie ein Hollywood-Schinken, würde mich nicht wundern, wenn sie einen Regisseur dafür engagiert haben, soll ja gute Unterhaltung hergeben, so eine Aktion. Zumal man davon ausgehen kann, das alles irgendwann heraus kommt, dann soll es schon was her machen. Nun, ein anderes Schauspiel ist die gerade stattfindende Wandlung des Herren „Gesundheitsministers“ vom Saulus zum Paulus. Zumindest glaubt er, das irgendwie hin zu bekommen, ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Sieht nach Angstschweiß aus. Nun, auch wenn er an Noske und Scheidemann lange nicht heranreicht, ist er doch von ähnlicher Art. Tja, die Sozialdemokraten haben noch alles und jeden verraten. Die gute alte Tante SPD. Unterdessen heizt man dieses Land zu rund einem Viertel mit Kohlekraftwerken wie in der gute alten Zeit und die Amerikaner kaufen so viel Öl von den Russen, wie sie kriegen können. Die Polen machen es nicht viel anders, drehen dafür aber die Ölleitung nach Schwedt zu. Sie möchten gern, daß die Deutschen die russische Ölfirma enteignen. Und die dann kaufen. Wie das so ist. Sarkasmus? Warum nicht? Man kann zumindest nicht sagen, daß es langweilig ist, wenn ein System den Bach runtergeht. Wenn allerdings ich einen Wunsch frei hätte, bei Mary Poppins vielleicht, dann wäre es der: Alle Schießeisen zerfallen zu Staub, heute noch. Und alle „Verantwortungsträger“ müssen in den Boxring, Beiden gegen Bärbock, Lauterbach gegen Schwaab und so weiter. Das wäre doch mal was, die Cäsaren müssen selber kämpfen, sie haben keine Gladiatoren.“

Das Café liegt im grauen Licht dieses Nachmittags, wir sitzen und rauchen, leise dudelt Musik.

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. Januar 2023

„Meinungen?“ Der Kneipenphilosoph lacht. „Interessieren nicht, Fakten interessieren, und auf diesen basierende Analysen von Fachleuten. Du fragst doch auch nicht den Bäcker, wie man die Zündung bei einem Viertakter einstellt, oder den Gärtner nach der Statik einer Brücke. Da kannst du auch ein Baby nach Atomphysik fragen. Meinungen kann man haben, klar, jeder seine. Aber unterhalten kann man sich damit sich sonderlich, dafür streiten. Oder missionieren. Wobei Meinung und Wunsch oft den Hang haben, das Selbe zu sein. Oder Meinung und Befindlichkeit. Es ist schwer, jemandem, den man nicht leiden kann, etwas zuzugestehen, ihn gar anzuerkennen, gar zu loben. Mag sein, daß da der Urmensch in uns spricht. Obwohl, die mußten zusammenhalten, da ging es ums Überleben. In einem alten Buch findet sich ein bemerkenswerter Satz, in etwa so: Der Sommer war üppig, die Jäger wurden fett, da fiel ihnen ein, daß sie noch eine Rechnung mit dem Nachbarstamm offen hatten. Es war der Bericht eines Indianers aus Nordamerika. Ansonsten kann man mit Meinungen eine Menge anstellen, sie sind sozusagen eine Macht. Jemand zum Beispiel, der meint, das Geburtshaus Goethes mit Toilettenpapier bewerfen zu müssen, erzeugt ein Bild. Die einen schütteln die Köpfe, die anderen klatschen Beifall. Und schon haben wir zwei Parteien. Und wenn es schlecht kommt schlagen sie sich gegenseitig die Lippen blutig. Oder nehmen wir die Werbung. Die ist da, uns eine Meinung zu verschaffen. Und dann wundern sich kleine Kinder, daß die Kühe auf der Wiese nicht lila sind. Die Eltern lachen, Kinder eben. Daß ihre Sprößlinge für den Rest ihres Lebens auf eine Sorte Schokolade programmiert wurden fällt ihnen nicht ein. Aber irgendeinem schlauen Werbefritzen fällt ein, auf irgendeiner Weide in der Nähe eines Ferienzentrums Kühe lila anzumalen. Damit ist eine Realität geschaffen und die Kinder werden jedem im Brustton der Überzeugung mitteilen, daß Kühe nun mal lila sind. Da ist das Schlaraffenland mit Spaghettibaum und Brathähnchen, die von allein und quietschvergnügt in aufgerissene Mäuler fliegen gleich um die Ecke. Bis die Realität hereinbricht. Ihr ist egal, was jemand meint. Sie kommt quasi physisch daher, die Realität. Es regnet, die Farbe wird von den Kühen heruntergewaschen und sie sind wieder schwarz/weiß, oder braun, wie Kühe eben so sind. Und das bißchen Lila verläuft sich in der Wiese nach irgendwo. Nur das Bild in den Kinderköpfen hat damit nicht viel zu tun. Du kannst dir also diesen simplen Mechanismus anschauen und deinen Reim drauf machen. Wobei Kühe und Schokolade die vergleichsweise harmlose Variante sind, der harmlose Zweck. Denn den gibt es ja. Zum Beispiel bekommt man einen Bäcker, einen Schuster, einen Musikanten nicht so einfach in den Schützengraben. Da muß schon ein Feind her. Und der darf weder Bäcker noch Schuster noch Musikant sein. Der muß ein Alien sein, ein Ungeheuer, oder eben ein Untermensch. Ein böser Zauberer, der finster in die Welt schaut und kleine Kinder mit lila Kühen in ihren Köpfen zum Frühstück verspeist, samt Schokolade natürlich. Nun, es dauert in der Regel nicht lange, bis die, die für das Gute kämpfen den Bösen zum verwechseln ähnlich sind. Da haben wir dann den Salat, die Amerikaner mit ihren Veteranen können ein Lied davon singen. Sie sind nicht zu beneiden. Ansonsten ist es ein alter, sozusagen zivilisatorischer Brauch, immer dann, wenn es nicht gut läuft im Ländle, einen äußeren Feind zu basteln. Well, that´s just how we are.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 16. Januar 2023

„Tja, nun haben wir das alles überstanden, den Jahreswechsel und so weiter“, der Kneipenphilosoph raucht seine Pfeife. „Übrigens, das Wort „bellum“ kommt aus dem Lateinischen, was ja inzwischen fast jeder weiß. Nun, mir scheint, es klingt nicht ganz zufällig nach Gebell. Und der „Bellizist“ ist dann der Hund. Und von dort aus ist es nicht weit zu: Getroffene Hunde bellen. Bellender Bellizist, hübsch oder? Und das „dulce bellum inexpertis“ des Thomas Morus – tja, das Problem ist älter, quasi aus der Geschichte importiert. Was allerdings nicht sehr beruhigend ist. Wenn wir, so als Spezies, immer noch das Gleiche machen wie vor 100 oder 1000 Jahren, ist das nicht beruhigend. Eine Art Kreisverkehr vielleicht, und an allen Ausfahrten rauschen wir im 1. Gang mit Vollgas vorbei. Kreischende Autos, bei denen sich jeder Autoschlosser die Ohren zuhält. Und leidet. Vom Gestank aus dem Auspuff mal ganz abgesehen. Außerdem übertönen kreischende Autos alle anderen Geräusche, und wenn irgendwo in der Nähe eine Nachtigall in der Dämmerung ein zartes Liebeslied singt, dann ist sie mit ihren Tönen schlicht nicht vorhanden. Man könnte auch sagen, Harmonie und Schönheit sind tonlos geworden, so lange jedenfalls, bis irgend jemand das Gekreisch abstellt. Oder die Hunde. Sie sind nicht niedlich. Aber das eigentlich Interessante ist, wer sie an der Leine hat, wer die Bellrichtung bestimmt sozusagen. Tja, in der Vergangenheit bellte es immer mal gen Osten. Und immer bekamen die Hunde eins auf den Deckel. Was sie mit eingezogenen Schwänzen jaulend abziehen ließ. Gewiß, das ist Geschichte und es gibt keine Himmelsrichtung, in die sie nicht gebellt hätten. Aber der Osten war, von Europa aus gesehen, der eindeutige Favorit. Ist auch gruselig, ein Land, welches sich über elf Zeitzonen streckt, ein Land, in das Deutschland rund fünfzig mal hineinpassen würde.“

Der Kneipenphilosoph schaut in die Runde. Wir trinken Kaffee, das Café ist zu dieser Nachmittgasstunde halbleer, oder halbvoll wie das zu oft bemühte Wasserglas. Im Hintergrund dudelt leise Musik, John Lennon, Imagine. Es ist, als würde die Nachtigall gerade jetzt, gerade hier ihr Liebeslied singen, ein Zufall. Ein nachdenkliches Gute-Laune-Lied, von dem ein schlauer Marketing-Experte festgestellt hat, daß es sich gut in einem Supermarkt macht. Bratwurst und John Lennon, Tofu und John Lennon.

Der Kneipenphilosoph nickt und sagt: „So ist das in einer Gesellschaft, die alles zur Ware macht, Imagine ist eine Ware, Krieg ist eine Ware. Und der Friede ist am Ende auch eine. Von Zeit zu Zeit ist er im Ausverkauf zu haben, billig wie ein altes Stück Käse, ein anderes Mal ist er unbezahlbar. Aber eigentlich ist er der Urzustand, wenn man so will, die Herkunft. Der Krieg mußte erst erfunden werden, erst mußte einer, irgendwann einmal, neidisch auf einen anderen sein, so neidisch, daß er ihm den Kopf einschlug. Tja, und danach mußte er sich rechtfertigen. Inzwischen rechtfertigen wir uns vorher, wir haben gelernt, daß man die träge Masse erst überreden muß. Von alleine geht keiner in den Schützengraben. Tja der Friede. Kommt vom Althochdeutschen „fridu“, könnte man grob mit dem Wort Harmonie übersetzen, was mehr als die Abwesenheit von Krieg bedeutet, sehr viel mehr. Aber die Hunde bellen ja, da muß man froh sein, wenn es wenigstens das ist.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 29. Dezember 2022

„Wer den Kopf in den Sand steckt hebt automatisch den Hintern in Tritthöhe.“ Der Kneipenphilosoph lacht, dann sagt er: „Das kommt aus deinem Nähkasten?“ Ich nicke. „Nun, da schwingt schon ein wenig Eulenspiegel mit. Und immerhin, der war kein Hochstapler. Was übrigens lustig ist, jede Menge Hochstapler meinen in diesen Tagen, ihren Jahresrückblick zum Besten geben zu müssen. Und alle gehen davon aus, daß ihnen jemand zuhört, das Volk zum Beispiel. Das Internet, das ohnehin seit Jahren wie ein überquellender Mülleimer daher kommt, bekommt noch ein wenig mehr Müll. Das ist alles. Aber interessant ist es doch, niemand von diesen „Rückblickern“ wagt einen Blick in die Zukunft, und seien damit auch nur die nächsten zwei Wochen gemeint. Und so schwafeln sie, und so deuteln sie, und so meineln sie und schnappen noch mal rückblickend nach jedem bunten Zettel, nach jedem Leckerli und nach jedem, der aussieht, als würde er selber denken können. Wenn du so willst recken sie alle ihre Hintern in Tritthöhe. Und sie werden getreten werden. Darauf kannst du wetten.

Aber die Zukunft, das ist die Richtung, die keine Wege kennt. Die Vergangenheit? Jeder Trottel kann in die Vergangenheit stolpern. Die Zukunft ist das ungesehene Land – läßt sich gut mit Wünschen behängen, das Wort. Die Zukunft, nun, schätzen wir mal. Zuerst: Die Russen werden den Krieg gewinnen, du mußt dir nur die Geschichte anschauen. Der Wertewesten in Europa wird sich mit geifernden Lefzen ohnmächtig die Lunge aus dem Hals schreien. Die schlitzohrigen Amerikaner werden ihre Vasallen ausnehmen bis aufs Hemd. Und alle hierzulande, die bis Drei zählen können, planen die Auswanderung. Das Klima? Nun, da streiten sich die Geister. Kann sein, daß wir schon wieder auf eine Kaltzeit zusteuern. Wenn man sich die Arktis so anschaut. Wäre doch lustig, die „Klimakleber“ mit Eiszapfen an den Nasen auf irgendwelchen Autobahnen reden von Erderwärmung. Mehr Kabarett ist schwerlich zu haben. Die Religionen? Ein alter Hut, in Zeiten der Unsicherheit breiten sie sich aus. Und sie werden auch diesmal wieder mißbraucht werden. Tja und die Künste, die Literatur, das Theater, die Musik und so weiter werden noch einmal aufleuchten bevor sie untergehen. Wie das so ist, kurz vor dem Tod. Manchmal jedenfalls. Aber natürlich sterben sie nicht, sie verstecken sich nur, verziehen sich in illegale Kneipen und heimliche Keller. Sie verziehen sich aus dem großen Bordell Kulturbetrieb und haben somit die Chance, wieder ganz echt und nicht nur eine Geschäftsidee zu sein. Das Geld? So wenig, wie man Scheine und Münzen essen kann, so wenig lassen sich Zahlen in Computern verspeisen. Heißt, jeder Stromausfall macht den Leuten klar, daß sich die Physik auf diesem Planeten nicht übers Ohr hauen läßt. Und da wir, so als Spezies, unser Energieproblem noch lange nicht gelöst haben, wird es mit der digitalen Währung nichts werden, auch wenn man damit Menschen herrlich kontrollieren, überwachen und reglementieren könnte. Das ist so ein Wunsch, Leute abschalten wie ein Radio, zum Beispiel. Tja und zum Schluß die Transhumanisten: Sie werden auch im Jahr 2023 nicht begreifen, daß so ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile, viel mehr, unendlich viel mehr. Sie können es nicht begreifen, sie haben Angst vorm Tod wie jeder andere auch. Ansonsten wird sich unsere Welt weiter neu sortieren, mit all dem Unfug, der damit einher geht. Das Alte versinkt, das Neue steigt auf. Wir haben nur das Pech, daß wir zum Alten gehören. Kann gut sein, daß das traurig ist. Sed hoc modo mundus operatur.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 16. Dezember 2022

„Tja, mein Lieber, nun geht dieses Jahr zu Ende.“ Der Kneipenphilosoph schaut durch das große Caféhausfenster in die schneehelle Abenddämmerung. Dann stopft er seine Pfeife, entzündet sie und schaut mich an: „Eine Zusammenfassung? Nun, da reicht ein Wort, Niedergang. Symbole? Die Nationalmannschaft zum Beispiel, samt Gegreine in Richtung Katar. Der Verlierer versucht nachzutreten. Und alle anderen lachen. Aber du kannst es auch sehr viel kleiner angehen, Tee zum Beispiel oder Zwieback im Markt um die Ecke. Oder warmes Wasser am späten Abend, oder – ach such dir was aus. Es bröselt an allen Ecken und Enden. Nur das Geschrei allenthalben, das bröselt nicht. Und wird zunehmend giftig. Es ist, als würde der, der langsam im Moor versinkt, in alle Richtungen Schuldzuweisungen herausbrüllen. Er macht keinen Finger krumm, aber er brüllt. Und alle anderen halten sich die Ohren zu und warten, daß es vorbei ist. Das ist Niedergang. Und unsere Regierung ist so gnadenlos peinlich, daß man nicht mehr hinschauen mag. Diese seltsame Paarung von zickiger Inkompetenz, moralloser Großmannssucht und Bückling in Richtung Amerika ist eine Mischung, die man nur noch toxisch nennen kann. Übrigens kannst du dir das Geschrei ganz real im Bundestag anhören, es ist keine Metapher. Man möchte ihnen sagen, daß Narziß in seinem Spiegelbild ersoff, und schreckt gleichzeitig davor zurück. Kann sein, die halten Narziß für einen Putin-Troll. Aus der Mitte der Gesellschaft, wie es so schön heißt, kam der Faschismus. Die Kleinbesitzer sind die Mitte der Gesellschaft, vom Bäckermeister bis zum Amtmann. Das sind die, die als erstes fragen: Was kriege ich dafür. Das sind die, die der gelbe Neid zerfrißt, wenn der Nachbar ein Stück mehr Acker hat. Eine Gesellschaft wie diese hier, die auf Diebstahl basiert, braucht genau diese Mitte. Die kann man füttern und melken und im Zaum halten. Tja, und wenn das nicht mehr so richtig funktionieren will, die Zeiten ändern sich ja immer mal, dann fangen die Kleinbesitzer an auszuflippen. Die Angst vor Verlust macht sie zu Berserkern. Nun, und die Politiker, die aus dieser Mitte kommen, die das alles nur zu gut kennen, haben damit zu tun, diese Wut möglichst irgendwohin zu lenken, irgendwohin, nur nicht zu ihnen. Da macht sich ein äußerer Feind hervorragend. Und wenn der auch noch den Wünschen von Übersee entspricht, ist es geradezu perfekt. Tja, und die Amerikaner, die auch ziemlich gut wissen, wie das funktioniert, halten den hiesigen Kleinbesitzer-Politikern die Möhre vor die Nase. Und die sind wirklich froh, daß sie eine Instanz haben. Geradezu glücklich sind sie, so glücklich, daß sie nicht interessiert, daß sie den Ast absägen, auf dem auch sie sitzen, daß sie nicht interessiert, was die eigenen Leute davon halten. Und manche sind tatsächlich dumm genug, dieses auch noch auszusprechen. Am Ende kommt heraus, daß sie das besondere Konstrukt Demokratie nach 1945 zerstören und dabei auf recht bekannten Pfaden wandeln, incl. Feind im Osten. So also geht dieses Jahr zu Ende.“

Der Kneipenphilosoph schaut wieder aus dem Fenster, dann sagt er noch: „Wenn du dich für den Nabel der Welt hältst sitzt du im eigenen Gefängnis. Ansonsten kannst du einfach irgendwohin gehen. Der Westen ist am Ende nur eine Himmelsrichtung, nichts weiter.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 2. Dezember 2022

„Sie haben Angst vorm Einsamsein. Wenn das Iphon aus ist sind sie einsam. Muß sich wie ein Strick um den Hals anfühlen, muß sich anfühlen wie ein Urmensch, der seine Horde verloren hat. Stille und Alleinsein, die so hoch Individualisierten haben eine geradezu hysterische Angst vorm Verlust der Horde. Die digitale Horde, die nicht mal echt sein muß. Aber der Schein reicht für Leute, die ihre Körper nur noch als sozusagen Behältnisse für die Rechenmaschine Namens Gehirn in ihren Köpfen ansehen. Geist und Materie, tja, die Bibel sagt einfach: Im Anfang war das Wort. Und Marx sagt: Geist ist an Materie gebunden. Und damit haben wir den ganzen Salat. Aber es gibt tatsächlich Leute, die meinen, die Menschheit sollte ins Internet umziehen. Als ob damit der Geist von der Materie getrennt wäre. Muß nur mal einer den Strom abschalten. Naja, am Ende sind es, wenn auch inzwischen mit vielen bunten Bildchen behängt, die immer gleichen, alten Fragen. Und die immer gleichen, alten Verhältnisse. Und die immer gleichen, alten Befindlichkeiten. Es muß aber auch schwierig sein für jemanden, der sein ganzes Leben damit zugebracht hat zu raffen, Besitz übereinander zu stapeln, nichts mitnehmen zu können, ins Grab. Und wenn der eigene Egoismus nicht mal erlaubt, Kinder in die Welt zu setzen und sich somit keine Dynastie begründen läßt, dann wird es schnell recht krude. Dann möchte man sein Ich gern konservieren. Die Angst vorm Tod ist die Angst vorm Verlust des Ichs. Und wenn doch Kinder da sind möchte man sein Ich auch nicht hergeben. Mehr Steigerung von Egozentrismus ist schlecht möglich, und mehr Lächerlichkeit eben auch nicht. Aber wer wird schon gern ausgelacht, wenn er doch so viel Geld übereinander gestapelt hat, so viel Macht. Vor dem Lachen hatten die Herrschenden schon immer Angst. Herrgott, was für eine Bande zu klein geratener Giganten. Aber schauen wir mal nach Osten, schauen wir mal in die Realität. Im Osten feiert die Vergangenheit, und damit die Zukunft, fröhliche Urständ. Im Osten feiert die Physik fröhliche Urständ, die Makro-Physik, wenn man so will. Schön? Nein, nur real. Im Osten frißt der Krieg Soldaten, das sind Väter und Brüder und Söhne. Und er frißt Frauen und Kinder und Städte und Felder. Aber vor allem frißt er das Menschsein. Die Amerikaner mit ihren Veteranen aus ihren Kriegen rund um die Welt können ein Lied davon singen. Die und alle anderen auch. Wir sind nicht dafür gemacht, uns gegenseitig zu erschlagen, Kain und Abel. Und wenn es doch passiert, dann hat das Folgen. Sich gegenseitig erschlagen ist Verrat an der Horde, und die Horde ist Basis des Überlebens, so hat es uns die gute Mutter Natur beigebracht. Tja, die Gemeinschaft. Und die Gier des Einzelnen. Je kleiner das Menschlein, je gieriger. Wer zu klein geraten ist kann halt kein offenes Duell riskieren. Er muß sozusagen hinten rum. Er muß sich einen Kämpen mieten, den er an seiner statt in die Arena schicken kann. Die Geschichte ist voll von zu klein geratenen Leuten mit zu groß geratenen Egos, die andere für sich kämpfen ließen.“

Der Kneipenphilosoph lacht: „Aber mach dir nichts draus, die Zeit, auch wenn sie sich nach Einstein krümmt, sorgt dafür, daß immer wieder alles auf seinen Platz rückt. Die Fischer schickt sie ans Wasser, die Affen auf die Bäume und die Egomanen ins Vergessen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 21. November 2022

„Es ist die Zeit der Irren und Idioten, das sang der Wenzel, ist eine Weile her. Wenzel? Wie sagte man so schön, ein Liedermacher. Mit Wenzel konnte man trinken, und ein passabler Skatspieler war er auch. Zu gebrauchen, der Mann. Kann man von anderen nicht behaupten, aber lassen wir das heute. Dem zerbröselnden Laden hier hilft nur noch eine Revolution, und dafür ist keiner da. Haben die Grünen und die Linken samt SPD gut hinbekommen, man muß ihnen gratulieren, sie verarschen mit Dauergeschwätz, quäkenden Frauenstimmen, infantiler Greinerei und falschen Flaggen seit Jahren einen ganzen Erdteil, Hut ab. Das Beste aber ist, ein Gutteil von ihnen glaubt der eigenen Propaganda, die müssen nicht mal fremdprogrammiert werden, die programmieren sich selbst. Dazu gehören schon ausgemachte Dummheit und Ignoranz, aber lassen wir das heute. Am Ende ist es ja doch nur die Angst quengelnder Kinder, denen jeder Schokoriegel als Liebesbeweis gilt. Und die nicht verstehen, daß ihnen nur der Mund gestopft wird, und die nicht verstehen, daß auch ihr Abonnement irgendwann ausläuft. Genau dann, wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat.“

Der Kneipenphilosoph lacht und stopft seine Pfeife neu. Wir sitzen im Café und schauen durch das Schaufenster auf die Straße. Es liegt Schnee. Das Café ist gut beheizt, kaum zu glauben. Fühlt sich an wie Friedensware.

Der Kneipenphilosoph nickt: „Friedensware, das ist ein Wort aus alten Büchern. Immerhin, die haben bewiesen, daß sie die Zeiten überdauern können, wie Schriftrollen, wie Tontafeln. Wenn man dem digitalen Kram den Strom abstellt, nun ja. Strom abstellen bedeutet Kontrollverlust; keine Kamera funktioniert mehr, kein Computer, kein Handy, kein bargeldloses Bezahlen, kein Navi, keine Börse – von Licht, Heizung und Wasser mal abgesehen. Heißt, die Regierungen werden alles, aber auch alles tun, um das zu vermeiden. Heißt, das ganze System hängt an der Elektrizität. Heißt, das ganze System läßt sich von heut auf morgen abschalten. Heißt, der ganze Laden steht dauernd auf der Kippe, am Rand des Abgrunds. Heißt, wir haben es gut hinbekommen, so als Spezies, uns selbst als Geiseln zu nehmen. Es ist, als würden wir, die Schlinge um den Hals, mit dem Hocker kippeln, auf dem wir noch geradeso auf Zehenspitzen stehen können. Und es ist, als hätten wir dazu auch noch eine Wette auf den Ausgang abgeschlossen, fünfzig/fünfzig. Könnte man als schräge Art von Humor bezeichnen. Aber wenn du jetzt meinst, ich sei ein Technikfeind – daneben. Als Maschinenstürmer haben sich schon andere versucht. Und versuchen sich andere. Damals wie heute ist es die gleiche Soße, als ob ein Hammer etwas tun könnte. Der ihn in die Hand nimmt, der kann etwas tun. Der ihn in die Hand nimmt bestimmt, ob er ein Werkzeug oder eine Waffe ist.“

Der Kneipenphilosoph lacht: „Aber ich habe noch ein Zitat für dich, bevor du gehst, also: Mir erscheinen Amerikaner, wenn sie losgelassen sind, immer wie fremde, böse Tiere. Die Europäer machen doch gewiß alles, was Gott verboten hat, und noch Schlimmeres – aber bei denen da habe ich stets das Gefühl: Die sind von einem anderen Stern. Und von keinem besseren.

Schrieb Tuchholsky 1935, kaum zu glauben, nicht wahr?“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 9. November 2022

„Literatur? Kunst? Kultur? Philosophie?“ Der Kneipenphilosoph lacht schallend. „Wir leben in einer Krämergesellschaft, hier geht es ums Geschäft. Nicht um Bedeutung oder Harmonie oder Erkenntnis gar. Schau dir die Laffen an, ist bitter, sicher. Vor allem aber ist es lächerlich. Die Geschichte wird unsere Zeit als blinden Fleck vermerken. Als Niedergang sowieso. Diese ganze, nun, sagen wir Hochstapler-Bande, frißt wie ein Geschwür so lange, bis der Wirt leergefressen ist. Tja, und dann fällt der morsche Laden eben zusammen. Das ist wie bei einem alten Karussell, dessen zerfressene Balken nur noch von der Farbe beieinander gehalten werden. Traurig? Gewiß. Verwunderlich? Nein. Dieses System des Raffens, dem sogar das Korrektiv Religion abhanden gekommen ist, kann nur absaufen. Und all die Theaterpuppen, die in Talkshows und Bundestagsreden und so weiter eine dicke Lippe riskieren und lügen und betrügen, daß die Balken sich zu Knoten biegen, diese ganze Bande wird wie eine aufgescheuchte Hühnerhorde im Stall, der Nächtens Besuch vom Fuchs erhält, gackern und durcheinander flattern – wenn es an der Zeit ist. Zumindest, wenn der Fuchs in Blutrausch gerät. Die Franzosen wissen sicher gut, was gemeint ist. Ansonsten, ja ich weiß, wo bleibt das Positive. Wer das Volk zu lange quält wird vom Volk erschlagen. Ist das positiv? Aber da fällt mir Homers Ilias ein, in der Übersetzung von Voß gut lesbar. Homer, dieser Schweinebazi, war parteiisch, natürlich. Hinten rum und vorne rum. So parteiisch, daß es manchmal nervt. Er wußte, wann er den Feind groß machen muß, auf daß der Sieg über ihn größer werde. Aber eben durchschaubar. Und damit langweilig. So langweilig, wie die plumpe, schwülstige Rede des sogenannten Bundespräsidenten, dessen Name mir nicht über die Lippen will. Feinde in alle Richtungen, tja, und das eigene Volk ganz vorn. Homer jedenfalls hat es mit seiner Odyssee dann besser gemacht. Aber vielleicht liegt das auch nur an meiner Sympathie für den Helden. Troja andererseits fühlt sich wie ein einziger Betrug an. Genau wie der Bundespräsident. Was noch? Tja, wir sind des Geyers schwarze Haufen, Bauernkrieg, Bundschuh. Und wollen mit Tyrannen raufen. Eine Erinnerung, gewiß. Niedergeschlagene Aufstände, gewiß. Warum mir das einfällt? Nun, nachdem allen voran die Grünen das eigene Volk zum Feind erklärt haben muß sich das Volk überlegen, wie es damit umgeht. Und ich habe den Eindruck, daß trotz aller hysterischen Beschallung und Programmierung das Volk immer noch lieber selbst denkt. Woraus folgt, daß irgendwann all die bunten Pappkameraden über den Jordan gehen werden. Sicher, das wird nur eine Weile helfen. Aber es wird sein, als hätte sich ein kalter Schatten von weitem Land gehoben. Das hat es in der Geschichte schon einige Male gegeben. Und das ist der Stoff, aus dem Literatur, Kunst, Kultur, Philosophie entstehen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 29. Oktober 2022

„Tja, womit soll man anfangen“, der Kneipenphilosoph streicht sich den Bart. „Vielleicht damit, daß alle hier immer recht gut wissen, was sie nicht wollen. Die reinsten Neinchen sind das. Bei kleinen Kindern ist das manchmal recht vergnüglich, eine gewisse Zeit lang. Bis die Erziehungsberechtigten dann festlegen, was sie zu wollen haben. Auf jeden Fall stellt sich die Vermutung ein, daß die Neinchen innen hohl sein müssen. Wenn was drin wäre, käme ja mal was heraus. Kommt aber nicht. Und so bleibt nur das Nein übrig, wenn man nix hat, ist das so. Übrigens, das sozusagen gehobenere Neinchen nennt sich Bedenkenträger. Wenn man den machen läßt ist er vorzüglicher Sand im Getriebe. Aber wie auch immer, ob gehoben oder nicht, allen ist eigen, daß sie unentwegt plappern. Sie stellen Forderungen auf Forderungen – nennt sich in der Psychologie die Brockenmethode. Und immer soll es jemand anderes machen, daran kannst du sie gut erkennen. Sie haben keine Lösungen, nur Forderungen. Es sind quengelnde Kinder, das haben sie gelernt, das funktioniert. Solange jedenfalls, wie genervte Leute sich lieber abwenden und genervte Eltern das nächste Iphon kaufen. Das Problem ist nur, daß sie glauben, die ganze Welt funktioniert so. Das Problem ist, daß sie noch nie Hunger gehabt haben, noch nie gefroren haben, noch nie für etwas arbeiten mußten und vor allem, noch nie für etwas Verantwortung übernehmen mußten. Ja, ich weiß schon, so ein böses Wort. Wie kann man von süßen Kindern so etwas erwarten wollen.“

Der Kneipenphilosoph stopft seine Pfeife und sagt: „Nun ja, wenn man alles zusammen nimmt, dann kommt das Wort Degeneration heraus. Was nicht schlimm wäre, würde diese Brut nicht auch im Bundestag herumsitzen. Sitzt sie aber. Die, die zu allererst zu glauben wissen, was ihnen zusteht, gefälligst. Diese Leute, die genau wie ihre Vorgänger und deren Vorgänger und immer so weiter, überall auf der Welt und zu allen Zeiten den Völkern das Mark aus den Knochen gesaugt haben. Eine eklige Vorstellung? Ja, ist es. Ein hartes Bild? Ja sicher. Aber ich sage dir, ein Dieb bleibt ein Dieb, ob ich ihn nun König nenne oder Kanzler. Ein Mörder bleibt ein Mörder, ob ich ihn nun General nenne oder den Muschkoten, der Befehle ausführt. Und ein Betrüger bleibt ein Betrüger, ob nun getarnt als Lehrer oder Anwalt oder Pfarrer. Die Dinge, wie sie sind, sind das Einzige, was eine wirkliche Relevanz besitzt. Der Rest ist rosaroter Nebel. Funktioniert, kann man jeden Tag anschauen. Und das Volk läßt sich gerne rosarot vernebeln, kann man auch jeden Tag anschauen. Also, wenn du wissen willst, wo die Zukunft steckt, dann mußt du nach den meist ziemlich stillen Leuten schauen, die ein Ja haben. Der Rest ist peinlich, egozentrisch, bedauernswert, überflüssig. Je lauter das Geschrei desto überflüssiger. Und, das sollte man nicht vergessen, niemand kann sie noch retten, es ist einfach viel zu spät.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 17. Oktober 2022

Ich setze mich, der Kneipenphilosoph nickt und sagt: „Haben uns eine Weile nicht gesehen.“

„Grippe“, sage ich. „Die hartnäckige Variante.“

Er lacht und entgegnet: „Tja, so ist das mit der Realität. Sie macht einfach, was sie will.“

„Banause“, sage ich.

„Genau“, entgegnet der bärtige Mann und stopft gemütlich seine Pfeife.

Wir sitzen mitten im Goldenen Oktober, die Sonne scheint, es ist so warm, daß die Damen ihre Kleider wieder aus den Schränken geholt haben. Und überall leuchtendes Herbstlaub. Und hier und da sogar Kinder, die deshalb vergessen, auf ihre Iphons zu starren.

„Die Realität“, sagt der Kneipenphilosoph und kratzt sich schmunzelnd den Kopf. „Kannst du dir gerade bei den Grünen anschauen. Sie haben das Volk im Nacken, da können sie bellen wie junge Hunde. Sie winden sich wie gefangene Schlangen und zischen vor lauter Ohnmacht in alle Richtungen, immer im Kreis herum sozusagen. Es ist wahrlich ein peinliches Theater, jeder kann zuschauen, wie sie versuchen, ihre Ideologie-Häufchen mit fahrigen Fingern zusammen zu halten. Zudem schielen sie andauernd über ihre Schulter und erwarten andauernd, daß ihnen jemand auf die Finger klopft, und sie bestaunen jeden Tag, an dem das nicht geschieht. Aber alles hat seine Zeit, wie die Dichter so schön sagen. Diese Auswüchse werden verschwinden, wie so vieles verschwunden ist.“

„Das klingt eher nach einer Hoffnung“, sage ich.

„Naja“ entgegnet der Kneipenphilosoph. „Wenn der Schmarotzer den Wirt umgebracht hat, stirbt er halt auch. Bei allem Hang der Geschichte, sich zu widerholen, gibt es auch tatsächliche Enden. Ansonsten sind die Grünen ein Problem fürchterlich gelangweilter Wohlstandskinder, nichts weiter. Geht es einer Gesellschaft gut, leistet sie sich so etwas. Gehört zum Spiel, zur Selbstbeschäftigung. Je schlechter es einer Gesellschaft geht, desto überflüssiger, hinderlicher wird so ein Konstrukt. Am Ende wird es sang und klanglos entsorgt. Der Witz ist, daß die Grünen selbst nicht wissen, was sie eigentlich sind. Und das macht sie so peinlich. Aber das ist wohl immer so, die Überflüssigen halten sich für die Unverzichtbaren.“

Die Kellnerin kommt, wir bestellen Kaffee, der Nachmittag ist warm und weich, die Stadt dehnt und streckt sich wie eine Katze nach dem Mittagsschlaf.

Der Kneipenphilosoph lacht: „Du kannst einem Frosch sagen, daß er ein Frosch ist. Das kann auch ganz objektiv stimmen. Aber wenn der Frosch sich für einen Adler hält, dann wird er, selbst wenn du ihm einen Spiegel vorhältst, der ganz eindeutig einen Frosch zeigt, behaupten, so sehe eben ein Adler aus. Das funktioniert so lange, bis ein Adler kommt. Und sei gewiß, irgendwann kommt immer ein Adler. Mit anderen Worten, kein Frosch quakt ewig.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 30. September 2022

„Ein Zitat ist immer recht billig“, sagt der Kneipenphilosoph. „Aber dieses hier hat es in sich, stammt von Tucholsky, aus dem Jahr 33. Stammt aus einem seiner Briefe, die man in ein Buch gedruckt hat: Massen und Führer – das ist immer so gewesen. Die Deutschen sind viel weniger interessant als sie glauben. Gefährlich – das ja. Aber langweilig.

Der Kneipenphilosoph lacht und setzt hinzu: „Erinnert doch ein wenig am Wilhelm Reich, nicht wahr? Die Massenpsychologie des Faschismus. Und an Klemperers LTI natürlich auch gleich noch. Tucholsky übrigens konnte den Brecht überhaupt nicht leiden. Hat ihn sogar Scharlatan genannt. Tja, die Weimarer Republik. Wenn dich heute, im Herbst 2022, vieles an sie erinnert, dann kannst du dich fragen, ob wir gerade eine Zeitreise machen. Obwohl, das mit der Programmierung von Leuten läuft heute besser, oder schneller, wie du willst. Und die Vehemenz, mit der einige ihre Programmierung als eigene Meinung, Erkenntnis gar, wiedergeben, ist schon erstaunlich. Es ist, als würden sie vor Angst jeden Zweifel, jeden eigenen Gedanken niederschreien. Wie hat es Pispers so schön gesagt: Wenn man einen Feind hat, hat der Tag Struktur.“

Ich nicke, Pispers, dieser Kabarettist, der es fertig gebracht hatte, in einer BRD, die es nicht mehr gibt, auf der Bühne eine Wahrheit nach der anderen auszusprechen, und der dabei manchmal wie ein Rumpelstielzchen herumfuhrwerkte.

„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Linken konnten sich schon immer gut zerfleischen. Manchmal ist es amüsant, zuzuschauen, manchmal bitter. Ansonsten machen die Grünen einen hervorragenden Job, das sollte man nicht verwechseln, sie tun genau das, wofür sie bezahlt werden. Und geradezu infantil ist es, von ihnen einen anderen Job zu verlangen. Wenn sie hier fertig sind, werden sie alle irgendwo im Süden ihre Memorieren schreiben, nicht in Europas Süden selbstverständlich. Aber das ist alles Tagesgeschäft; bunte Wimpel, Stöckchen für den Hund, organisiertes Gewusel. Das sind so viele Luftballons, daß man den Himmel nicht mehr sieht. Der eigentliche Grund, der Sturm, der sich über den Ballons ankündigt, der schon angefangen hat Wolken zu türmen, ist die Angst vorm Sinken des Schiffs. Tja, die Amerikaner haben den Mast beflaggt, sie wollen noch ein Stück weiterfahren, wenigstens ein Stück, so lange es irgendwie geht. Sie knurren und bellen wie ein hungriger Kettenhund an ihrer eigenen Kette. Und sie sind bereit, jedes Schiffchen in ihrem Schlepptau absaufen zu lassen.“

Dann schweigt der Kneipenphilosoph und stopft seine Pfeife, und alles, was er eben gesagt hat, ist wie eine Stadt unter dem gelbem Herbstlicht des Abschieds.

Ich stehe auf, um mich zu verabschieden, da sagt er noch: „Diese Demokratien sind faul und schwach bis ins Mark – Tucholsky, 33, solltest du mal lesen.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 14. September 2022

„Es gibt viele hier, die lieber nichts wissen wollen.“ Der Kneipenphilosoph schaut mich nachdenklich an. „Sie haben zu tun, die Leute. Und sind müde. Und haben Angst. Nun, und sie haben die Hoffnung des Vogels Strauß, Kopf in den Sand und so weiter. Was nutzt auch das Wissen, wenn man nichts machen kann. Und wenn man brav ist wird´s vielleicht nicht so schlimm. Kopf einziehen und schweigen.“ Der Kneipenphilosoph lacht. Es klingt ein wenig bitter: „Tja, wer nichts weiß kann wirklich nichts machen, nicht mal rechtzeitig weglaufen. Auch dafür braucht es Mut. Aber eigentlich soll das Leben so weitergehen wie bisher, wie vor ein paar Jahren noch. Das ist die Hoffnung. Und die da oben sollen es irgendwie richten. Es ist aber auch verstörend, wenn dir alles Bekannte unterm Hintern wegbröselt. Und nirgendwo gibt es den sicheren Hafen. Und so sind inzwischen jede Menge Leute hier, die sich den aufgeklärten Monarchen wünschen, ein wenig verschämt vielleicht, aber mit steigender Vehemenz. Als ob es den je gegeben hätte. So eine Art Vater, der lobt und bestraft. Von Gottes Gnaden. Es könnte allerdings auch ein Dorfältester der Wickinger sein oder ein kriegerischer Mönch in Kutte, natürlich mit Schwert darunter. Hauptsache irgendeiner, der sagt: Da geht´s lang. So ist das mit uns, wie sortieren uns immer auf die gleiche Weise. In der Mitte der mit dem Hut und alle anderen drumherum. Angst funktioniert hervorragend. Und je weniger Wissen, desto leichter ist es damit. So konnte Corona eine Art Religion werden. Und der Klimawandel. Und der böse Russe. Ansonsten sieht es ganz so aus, als wollten die Leute lieber Untertanen als alles andere sein. Mal davon abgesehen, daß die Amerikaner ihre Felle wegschwimmen sehen und zu gerne andere für sich kämpfen lassen. Sind wie Zauberer, die Amerikaner. Bekommen es immer wieder hin, daß Vater und Sohn, Bruder und Schwester, Onkel und Tante sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

Ich nicke, der Kneipenphilosoph stopft seine Pfeife. Dann kommt die Kellnerin und bringt den bestellten Kaffee. Es nieselt, wir sitzen unter einem viereckigen, roten Schirm mit Bierwerbung an den Rändern. Der Sommer, der mit großen Schritten über die Felder schreitende Mann, hat die ersten grauen Haare im Bart.

Der Kneipenphilosoph lächelt und sagt: „Am Ende ist´s immer das Gleiche. Die jungen Hähne ziehen am liebsten in den Krieg, je dümmer desto lieber. Den Rest muß man mühevoll überreden. Aber die Sehnsucht nach einem Häuptling ist den meisten eigen. Ich habe nur Befehle befolgt – schau dir mal die alten Aufnahmen vom Nürnberger Prozeß an. Obwohl, naja, wie viele der Chargen sich nach Südamerika verdrückt haben weiß keiner so genau. Ansonsten: veritas non est in oculis aspicientis.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 5. September 2022

„Tja, wenn für mich das Bild eines Baumes realer ist als der Baum, dann habe ich ein Problem. Mal abgesehen davon, daß das Bild immer nur ein Bild sein kann, kann der lebende reale Baum, bei Sturm zum Beispiel, umfallen. Genau auf meinen Kopf. Da liege ich dann und mein Handy, zum Beispiel, mit dem Bild vom Baum, liegt neben mir. Hat Glück gehabt, ist noch ganz. Bis einer der Rettungssanitäter versehentlich drauf tritt, in der Eile. Da ist´s dann auch hinüber. Was das soll? Nun, die Realität ist zwingend. Das Bild vom Baum ist nur ein Datensatz. Kann man, wie in einem Computerspiel den Helden, wieder herstellen. Ein Baum muß wachsen. Aber es gibt Leute, die wollen uns erzählen, so ein Baum wäre auch nur ein Datensatz. So wie ein Mensch, so wie der Himmel, die See, eine Stadt. Alles nur Datensätze. Hätten sie gern. Warum? Nun ja, sie haben Angst. Vor dem Tod zum Beispiel. Sie würden gern ein Datensatz sein, den man immer wieder herstellen kann. Aber dann kommt die böse Realität, die Zeit zum Beispiel. Und die sagt einfach, daß nix für die Ewigkeit gemacht ist, außer der Ewigkeit vielleicht. Aber das ist nur ein Wort, das wir Menschen uns ausgedacht haben. Das ist so mit Worten, sie schränken ein, wenn man nicht hinter die Buchstaben schaut.“

Der Kneipenphilosoph lacht und ich denke unvermutet an Diogenes in seiner Tonne, der es laut Legende fertig brachte, Alexander den Großen zu ignorieren, Platon zu veralbern und ansonsten so frei jeglicher Konvention zu leben, daß er in aller Öffentlichkeit onanierte.

Der Kneipenphilosph schaut mir einen Augenblick zu, wie ich lache, dann sagt er: „Tja, da kommt einem der ein oder andere der Altvorderen in den Sinn.“ Ich nicke.

„Die sogenannten Transhumanisten würden gern wissen wollen, aus was Gedanken bestehen. Sie würden gern 0 und L daraus machen und das Ganze dann abspeichern. Und von Zeit zu Zeit würden sie gern den Reset-Knopf drücken. Da sind die Altvorderen mit ihren Legenden und Schriften, die sie hinterlassen haben, ganz analog, der Beweis, daß es Vergangenheit gibt und damit die Zeit, zum Beispiel. Die alles verschlingende Zeit, dieses Monster. Aber das ist so bei Narzißten. Das ist so, wenn der einzige Sinn der eigene Bauchnabel ist. Das ist so, wenn man völlig bedeutungslos ist und sich über einen Feind definieren muß. Das ist so, wenn man nichts weiter als ein Schmarotzer ist.“

Ich schaue auf die Straße und denke: Harte Worte. Mitten im Spätsommer. Mitten im Leben dieser Stadt. Mitten in dieser so zerrissenen Welt im Jahr 2022.

„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Geschichte unserer Spezies ist voll von Schmarotzern und Hochstaplern jeglicher Couleur.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. August 2022

„Also, wer der Kasper ist dürfte klar sein. Bei dieser Rolle ist fast egal, was gesagt wird. Hauptsache es ist viel und durcheinander. Und es muß sich steigern, immer verrückter werden sozusagen, dann hat der Kasper seinen Job gemacht. Das böse grüne Krokodil mit roter Zuge läßt sich auch recht einfach zuordnen. Es schnappt mit seinen Stoffzähnen nach jedem und allem – und hat den Stein der Weisen gefressen. Die Prinzessin? Kein Problem, sie muß einfach nur dumm sein, sich vor dem Spiegel drehen und ab und zu vorgefertigte Texte ablesen. Tanzen muß sie auch nicht können, sie muß eigentlich gar nichts können. Tja, und dann ist da noch der König. Der muß hinterlistig und ein wenig gruselig sein, und er muß lange Sätze sprechen können, am besten im Kreis, Kreissätze sozusagen. Und wenn alle besoffen sind hat er seinen Job gemacht. Der Rest sind Bänkelsänger, Spione, Sittenwächter, Polizisten und Sternengucker. Diese Rollen sind austauschbar, so wie die Farbe ihrer Hosen, mal sind´s rote, mal gelbe, mal schwarze. Grüne sind auch dabei. Blaue auch. Und bunte. Wenn alles funktioniert klatschen die Kinder Beifall. Die Story? Nun ja. Hauptsache, die lieben Kleinen sind beschäftigt und fürchten sich ein bißchen vorm bösen Krokodil und vorm Kasper. Ach und die Hexe noch, die hätte ich beinahe vergessen. Sie wohnt im Wald und kommt immer mal vorbei, und flüstert den Puppen einen neuen Text ins Ohr. Damit hätten wir´s.“

Der Kneipenphilosoph lacht und stopft seine Pfeife. Wir trinken Kaffee, der Sommer ist inzwischen alt geworden, Ferienzeit vorbei. Und es ist, als liege über allem ein grauer Schleier. Die bunten Kinderhorden, die Hunde, die Katzen, die Passanten, alle sehen aus, als liefen sie gebückt. Sogar die Häuser sehen aus, als stünden sie gebückt.

„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Das ist so, wenn das Puppentheater den Leuten Angst macht. Und dann darfst du den „General Winter“ nicht vergessen. Die Deutschen haben so ihre Erfahrung damit. Die Franzosen übrigens auch, wie es so ist. Naja, und die Bänkelsänger singen und singen. Aber eigentlich pfeifen sie wie der Rattenfänger von Hameln, dem die Stadtoberen den Lohn verweigerten. Der Unterschied ist nur, sie pfeifen vorher, sie haben Angst. Sie sind abhängig Beschäftigte, wie es so schön neudeutsch heißt. Aus ihrem dauernden Lügenmüssen ist inzwischen längst Wut geworden. Und da sie zu feige sind, sich im Spiegel zu betrachten, schlagen sie auf alles ein, was sie an ihre Situation erinnert. Aber mein Mitleid hält sich in Grenzen. Sie sind zu eifrig, diese gebrochenen Seelen. Und: Für manche von ihnen gibt es einen Weg zurück, für manche nicht.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 16. August 2022

„Gestern sah ich drei junge Männer mit ihren Handys neben einem Haufen Elektrorollern stehen. Einer hatte einen, die zwei anderen probierten und probierten, und nix passierte. Sie tippten und wischten und tippten und wischten, und schimpften dabei wie Waschweiber. Und gleich nebenan schloß ein Rentner, ein Graukopf, sein Fahrrad ab, stieg gemütlich auf und radelte gemütlich davon, ganz analog. Nun ja, die drei jungen Männer schauten einen Augenblick irritiert, dann schauten sie verbiestert und wischten und tippten weiter. Da waren die alte und die neue Welt mal kurz nebeneinander. Oder die Welt und die Vorstellung davon auf Handybildschirmgröße. Ansonsten steht in diesem Sommer alles auf der Stelle. So müssen sich die Leute auf der Titanic gefühlt haben. Man trinkt Sekt, die Kapelle spielt und niemand schaut in Richtung See, lieber nicht. Und ein paar Kinder spielen Fußball mit den Eisklumpen auf den Oberdeck. Was lustig ist und Väter und Mütter mehr beschäftigt als die Kinder selbst.“

Der Kneipenphilosoph schaut mich an, wir rauchen und trinken Kaffee. Und ich überlege, ob ich mir nicht auch eine Pfeife anschaffen sollte. Immerhin riecht es gut und erinnert.

Dann kommt die Kellnerin und sagt: „Macht ihr heute wieder Kabarett, ihr Zwei?“

„Wieso“, frag ich verblüfft.

„Naja“, entgegnet sie und lacht. „Du schreibst den ganzen Kram doch auf. Ist Kabarett, wenn auch manchmal etwas bitter.“

Ich schaue auf den Kneipenphilosophen, der schaut auf mich und lacht auch: „Tja, mein Lieber, nichts bleibt geheim. Wenn du nicht willst, daß jemand liest, mußt du Tagebuch schreiben.“

Die Kellnerin nickt, lächelt und geht wieder, der Kneipenphilosoph aber setzt hinzu: „Obwohl Tagebuch, das der Anne Frank ist auch nicht geheim geblieben, zum Beispiel. Oder die Briefe des Gneisenau. Hast du die mal gelesen? Befreiungskrieg, Napoleon und so weiter, sehr erhellend. Inkompetenz, Befindlichkeiten, Interessen, Egoismus, Gier, alles vertreten. Ist fast ein Wunder, daß der Franzosenkaiser bei Leipzig geschlagen wurde. Tja, und die Deutschen und die Russen kämpften zusammen. Ist Geschichte, kannst du sagen. Ist wie heute, kannst du gleichfalls sagen. Vor allem Inkompetenz und Befindlichkeiten. Was mir allerdings wirklich Sorge macht, ist die Verbiesterung der Intellektuellen hierzulande, das Vergnügen am preußischen Knüppel, um mit Heine zu sprechen. Und der mittlerweile geifernde Haß auf Rosa Luxemburgs selbst denkende Leute. Übrigens, eines der hervorstechenden Merkmale des Faschismus ist militante Intoleranz. Kannst du nachlesen, stammt nicht von mir. Und: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 5. August 2022

„Dein Beitrag zum Geschwätz sagst du?“ Der Kneipenphilosoph lacht schallend. Dann setzt er hinzu: „Es ist ein anstrengender Job, gewiß. Mit dem Fernglas den eigenen Bauchnabel anstarren. Und es ist ein anstrengender Job, sich selbst nicht leiden zu können. Sei beruhigt, ohne Fragen keine Erkenntnis, ohne Erkenntnis kein Handeln. Jede Amöbe reagiert auf einen äußeren Reiz, das ist kein Handeln. Das ist nur Reaktion. Handeln setzt ein Ziel voraus, und dazu muß man erst mal eines haben. Tja, und wie läßt sich besser eines finden, als durch Fragen. Also frag ruhig. Übrigens ist der Vorwurf des Geschwätzes eines der beliebtesten Totschlagargumente, wie man so schön neudeutsch sagt. Man darf allerdings den Zweck nicht aus den Augen verlieren, die besetzen Ohren, die besetzten Gehirne. Die Bildzeitung zum Beispiel, schau sie dir an, die macht das hervorragend. Die haben keine Fragen, nur Meinungen. Da sitzen schlaue Leute, die Trudchen und Erna bei Bäcker zuhören und am Vergnügen des Schwatzens andocken. Tja, und von dort aus ist es nicht weit zum Voyeurismus. Und von dort aus nicht weit zum Feind. Das ist der Ansatz, damit bekommt man es hin, daß sogar Massen, die Mehrheit dieses Landes zum Beispiel, gegen die eigenen Interessen handelt. Und am Ende lassen sich die Leute sogar in den Schützengraben schicken. Natürlich zu einem höheren Zweck. Wie hieß es doch neulich so schön? Frieren für den Frieden, ehrlich, da kannst du die Massenprogrammierung anschauen, ganz ähnlich wie Corona. Victor Klemperer, Lingua Tertii Imperii, da kannst du nachlesen, wie das funktioniert. Nun ja, und die Feigheit der Intellektuellen hierzulande, die immer noch glauben, zu viel zu verlieren zu haben, und die es gut hinbekommen, sich selbst anzulügen. Sie unterwerfen sich, sie sind wie Kinder, die hoffen, daß es mit ein paar Ohrfeigen getan sein wird. Wird es aber nicht.“

Ich rauche und starre auf meine Kaffeetasse. Er hat mich erwischt, der Kneipenphilosoph. Und die Sonne scheint dazu, und auf der Straße rumpelt eine Straßenbahn, und der Himmel hat weiße Wattewölkchen.

„Ja“, sagt der große bärtige Mann und raucht seine Pfeife. „Sie schleichen in unserer Gehirne, hinten rum, und vorne rum erschlagen sie uns mit bunten Bildern und Nachrichten und Meinungen. Und wenn das nicht so recht funktionieren will, holen sie den Knüppel aus dem Sack und zeigen ihn uns. Und schlagen probehalber schon mal den ein oder anderen Kopf ein, zu Erziehungszwecken. Die Demokratie, mein Freund, zerbröselt gerade wie ein halb gebackener Biodinkel-Keks.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 25. Juli 2022

„Aber er hat ja gar nichts an“, der Kneipenphilosoph lächelt. „Ich frage mich, wann hier das Kind kommt und den Kaiser so sieht, wie er ist. Obwohl, wer den im Augenblick darstellt ist ja nicht so richtig klar. Als es die Kaiserin noch gab, war zumindest das kein Problem. Aber nehmen wir mal den Lauterbach. Der Name ist Programm, er ist ein lauter Bach, geschwätzig und ohne jeden Tiefgang. Kann ein Bach auch nicht haben, will ja später erst ein Fluß werden. Ein Bächlein ist hübsch, aber niemand nimmt es ernst, eigentlich. Allerdings, wer den Fluß nie gesehen hat hält den Bach für ein bedeutendes Gewässer. Das ist ein Problem, und ein Problem ist mehr als ein Umstand.“
Der Kneipenphilosoph lächelt wieder und pafft blaue Wölkchen aus seiner Pfeife. Es ist Sommer, die Stadt stöhnt unter der Hitze, in den Straßen steht die Luft wie in einem Backofen ohne Gebläse. Und die bunten Kinderhorden sind samt Eltern in die Ferien gefahren.
„Der Lauterbach ist ein Synonym. Er ist wie der einzige Großinquisitor, den es in hiesigen Landen je gegeben hat. Ist übrigens eine lustige Geschichte. Die Inquisition in Deutschland dauerte genau so lange, wie dieser Mann lebte. Da waren die Spanier eifriger. Wußtest du, daß die Inquisition erst in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts abgeschafft wurde? Mancher Unfug ist überaus zäh. Das liegt daran, daß er sich gut gebrauchen läßt. Krieg ist sowas. Wenn es innen nicht mehr rund läuft ist ein äußerer Feind geradezu ideal. Ein Universalschuldiger ist wie ein Geschenk des Himmels, und wenn keiner da ist, wird einer erfunden. Die Geschichte kennt tausend Beispiele. Man kann mit dem Finger immer in eine Richtung zeigen, herrlich. Und es ist völlig egal, was Ursache und was Wirkung ist. Und Kausalität ist nur noch ein Wort im Duden. Naja, das Volk muß halt programmiert werden, nennt man heutzutage Framing. Ein Rahmen fürs Denken. Ist wie der Rand eines Sandkastens, drinnen die zu Erziehenden, draußen die Erzieher. Und lauter eifrige, gut programmierte Menschen spielen den Wachhund an der Kette. Und bei jedem Bellen klirrt es wie die hölderlinschen Fahnen.“
Ich nicke und denke an die klirrenden Fahnen, die Zäsur in der Literatur. Immer hat es solche Texte gegeben. Immer, wenn in der Zeit ein Riß entstand, sozusagen.
„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Ameisen sind schlauer als wir. Die wissen, daß sie zusammenhalten müssen, wenn es ums Überleben geht.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 14. Juli 2022

„Hurrah, wir saufen ab“, der Kneipenphilosoph lacht, daß es über die Straße schallt. Ein paar Frauen drehen ängstlich die Köpfe, ein paar junge Männer schauen finster. Die Straße liegt unter der Sommersonne, es ist Nachmittag, es fahren weniger Autos als sonst. Und wir haben uns eine Weile nicht gesehen.

Der Kneipenphilosoph schaut mich an und sagt: „Denkzeiten und Denkpausen. Und manchmal hüpfen die Gedanken ein wenig hin und her, und die Erkenntnisse hüpfen mit. Naja, und der Hang zum Masochismus. Hat was mit der Dreistigkeit eines Kindes zu tun. Wie lange kann ich den Hund quälen, bis er endlich beißt. Hast du übrigens mal den Fühmann gelesen? Da gibt es eine schöne Frage: Sind die Widersprüche in der Realität oder entstehen sie durch die Abbildung der Realität? Könnte von heute sein, ist von 1980. Also, wir haben Sommerloch. Und alle fühlen sich wie in den letzten Tagen. Die einen feiern, was sie nur können, die anderen stapeln Vorräte. So kriegt man die Freiheit in die Kammer, da kann sie dann hängen wie eine Dauerwurst und warten.“

Ich muß lachen, die Freiheit als Dauerwurst. Dann kommt die Kellnerin und bringt Kaffee. Wir rauchen.

„Es gibt jede Menge Leute, die sich so ihre Gedanken machen“, sagt der Kneipenphilosop. „Aber die meisten davon verstehen nicht, daß das Auflisten irgendwelcher Dinge keinen Sinn macht. Sie tun so, als müßten sie sich auf eine Gerichtsverhandlung vorbereiten. Das ist Käse. Das Verzetteln in Details, das hastige, eifrige Aufzählen ist Käse. Als brauchten sie dauernd eine Rechtfertigung, als gäbe es eine Instanz. Sind wie Kinder, die zudem noch petzen. Tja, wo eigentlich? Am Ende ist´s nur Angst, die Konsequenz schreckt. Und die ist ganz einfach: Dieses Gesellschaftssystem ist nicht in der Lage, die Probleme der Spezies Mensch zu lösen. Das Ende der Geschichte ist eben nicht erreicht. Möchte übrigens jeder Fürst, das Ende der Geschichte sein. Und dann gibt es noch die, die Hopfen und Malz für verloren halten und auswandern. Sind viele, schreibt keine Zeitung was davon. Und viele warten auf den richtigen Augenblick und hoffen, daß sie nicht zu spät sind. Waren schon einige Leute in der Geschichte zu spät. Und spätestens jetzt solltest du dir überlegen, was von unserem Gespräch du aufschreibst.

Ich nicke und denke an Heinrich Heine. Ja, was schreibe ich auf und was bleibt besser ungesagt.

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 23. Juni 2022

„Laß uns über´s Leben reden“. Der Kneipenphilosoph lacht, dann schmunzelt er vor sich hin und schweigt. Eine kleine Weile.
„Tja“, sagt er und schaut mich an. „Es gibt viele Leute, die wollen viel und können wenig. Ist der Normalzustand, sozusagen. Künstler zum Beispiel, oder Politiker. Und weil das so ist haben sie andauernd Angst, ertappt zu werden. Sie huschen aufgeregt hin und her und plappern, was das Zeug hält. Aber sie haben etwas entdeckt. Man könnte sagen: Unter den Blinden ist der Scheeläugige König. Also verwenden sie viel Energie darauf, das Niveau zu senken. Es funktioniert hervorragend. Nun, und von dort aus ist es nicht weit zur Meinung, und von der Meinung nicht weit zur Realitätsverweigerung. Und damit lassen sich wunderbar Feinde herstellen. Kannst du dir jeden Tag anschauen.“
Der Kneipenphilosoph stopft seine neue Pfeife und entzündet sie. Dann kommt die Kellnerin, wieder eine andere Studentin, und bringt den bestellten Kaffee. Der Himmel ist klar und hoch, die Stadt brummt gemütlich vor sich hin.
„Harmonie und Schönheit“, sagt der Kneipenphilosoph. „Die Natur, der Goldene Schnitt, der Klang. Meinetwegen auch der Sonnenuntergang an der See. Das technisierte Zeitalter macht alles viereckig, das Dezimalsystem macht alles viereckig. Und der Mond über einer Nächtens voll erleuchteten Stadt ist nicht mehr als eine blasse Lampe. Wir asphaltieren auch Feldwege, wir haben eine Vorstellung von Ordnung, sie ist viereckig. Tja, inzwischen haben die meisten von uns Angst vor der Natur. Wenn es nachts richtig dunkel ist, im Wald zum Beispiel, kriegt ein gutes Drittel einen Herzinfarkt. Und wenn es dann noch knackt im Unterholz, dann sind es zwei Drittel. Nur, wenn man die Leute von der Physik entfernt, sozusagen, kann man als Künstler oder Politiker der Scheeläugige und damit König sein. Wenn man die Natur als Lehrmeisterin ausblendet. Schau die neuen Häuser an, die in den letzten vierzig Jahren gebauten; Beton, Stahl und Glas. Alles hart, spitz und viereckig. Oder die mit dem Computer entworfenen Autos. Hüllen, keine Idee. Fassaden, kein Inhalt. Es gibt inzwischen Physiker, die glauben, daß es Materie überhaupt nicht gibt, alles nur Energiezustände. Die sitzen in klimatisierten Neonlichtkästen ohne Fenster. So wie Leute, die sich hinter ihren Computern verkriechen und in einer virtuellen Stadt Bürgermeister oder Bankräuber spielen.“
Dann lacht der Kneipenphilosoph, stopft seine Pfeife neu und sagt: „Aber weißt du was, laß sie. Der Natur ist das Individuum egal, die Natur interessiert sich nur für die Art. Ich denke, ein paar werden übrig bleiben. Und Schwätzer werden kaum darunter sein.“

Der Kneipenphilosoph

Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 10. Juni 2022

„Schein und Sein, Physik und Wunsch­ ­— oder die Reise. Wenn du dich ins Flugzeug setzt, ist´s wie eine Blase. Wenn das Ding landet, wirst du irgendwo ausgespuckt. Tja, die Indianer sagen, so schnell kommt die Seele nicht hinterher. Kann also sein, daß hier mittlerweile ein Haufen Leute ohne herumläuft. Weiß keiner so genau. Und ein Haufen Seelen hat keinen Besitzer mehr. Obwohl, Besitzer ist nicht das richtige Wort, zu Hause ist besser. Stell dir vor, da schwirren jede Menge Seelen herum und wissen nicht, wohin.“
Der Kneipenphilosoph zückt eine Pfeife. Das ist neu. Er lacht, stopft sie gemütlich und sagt: „In jedem Klischee steckt das Korn Wahrheit. Kommt drauf an, wie man damit umgeht.“ Er entzündet ein Streichholz, auch das ist neu, und dann raucht er genüßlich. Es riecht würzig und ein paar Passanten drehen die Köpfe. Da sitzt ein großer, graubärtiger Mann und raucht Pfeife. Fast könnte man ihn für Rübezahl halten oder einen Fischer mit Blick auf die See, Blick in die Ferne.
„Es gibt eine Sorte Leute, die sind schon nicht mehr auf diesem Planeten. Und überall gibt es die gleichen Hotels für sie, die gleichen Kneipen, die gleichen Getränke, die gleiche Sprache. Die sagen, sie wären überall zu Hause. Aber ich denke, die haben gar keines mehr, oder sie wollen keines mehr haben. Sie haben einen Mangel einfach umgedreht und verachten jeden, der an der Scholle klebt. Was sollen sie auch machen? Der Neid würde sie ja glatt zerfressen. Das ist so, wenn man überall und nirgendwo ist. Das ist so, wenn man keine Heimat mehr hat. Tja, und so schweben sie immer einen halben Meter über dem Boden. Und wenn jemand das Wort „zu Hause“ sagt, werden sie wütend. Eine Muttersprache haben sie übrigens auch nicht mehr, und eine Vergangenheit so wie so nicht. Das sind Leute, die denken, sie können ihr Ich auf einer Festplatte speichern und so dem Gevatter ein Schnippchen schlagen. Eigentlich sind´s schon Aliens, man sollte sie zum Mars schicken, für den Anfang jedenfalls.“
Der Kneipenphilosoph lacht: „Zu viel geschimpft? Zu viel Wahrheit? Das ist so eine Sache mit der Wahrheit, die Leute verwechseln das andauernd. Eine Meinung ist eine Meinung, und nichts weiter. Eine Ansicht eine Ansicht. Und das immer nur auf Zeit. Die Wahrheit schert sich nicht drum, die objektive Realität. Die Philosophen kauen schon seit Äonen daran herum. Und können sich auch nur auf die Reise begeben, wie alle. Aber das ist etwas anderes, als ein Flugzeug. Sie führt wohin, nicht weg. Das ist ein großer Unterschied.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 27. Mai 2022

„Innere Immigration“, sagt der Kneipenphilosoph. „Das war mal ein Schlagwort. Das Schweigen, das Kopfeinziehen, das Überleben, wenn man so will. Oder die Maske vor dem Gesicht. Mit der Zeit wächst sie an, sozusagen. Man bekommt sie nicht mehr herunter. Aber innere Immigration ist mehr als eine Maske außen herum. Schau es dir an, das Volk schweigt. Und wundert sich vielleicht noch, was so ein paar Schreihälse anrichten können. Und sie schreien von morgens bis abends, immer im Kreis herum. Haben gelernt, daß man nur laut genug sein muß. Sind wie ein heranrauschender Güterzug, der alle anderen Geräusche schluckt. Ist fast so, als ob sie nicht mehr da wären, die anderen Geräusche. Aber wie es so ist, der Zug rauscht vorbei. Tja, und dann haben sie gelernt, gleich den nächsten hinterher zu schicken. Und immer so weiter. Des Volkes Mund sagt dazu: eine Sau durchs Dorf treiben. Hat also Methode, man soll die eigenen Gedanken nicht mehr hören. Und es ist ziemlich egal, was der Zug geladen hat; Corona, Krieg, Klimawandel, Gender – such dir was aus. Hauptsache es klappert.“
Der Kneipenphilosoph schaut mich an, dann trinkt er von seinem Kaffee, und dann setzt er hinzu: „Ist wie Zahnschmerzen.“
„Hm“, sage ich. „Gibt es alles, Corona, Krieg, Klimawandel, Gender.“
„Sicher“, entgegnet er und lacht. „Nur ist die Frage: was soll das eigentlich? Was sollte das brennende Rom, was sollte der dreißigjährige Krieg, was die Erstürmung Trojas? Homers Ilias oder das alte Testament, die fünf Bücher Mose, lies mal. Oder Morus, Utopia. Da steht alles da. Dazu noch den Simplizissimus und Tacitus, und am Ende Hegel und Feuerbach. Die klassische deutsch Philosophie, sagt man dazu. Und dann schau dir das hier an, im Jahr 2022. Na ja, und die Griechen, und Dante, und Heine und wie sie alle heißen, die Altvorderen.“
„Wer hat so viel Zeit?“, sage ich.
„Genau“, entgegnet der Kneipenphilosoph. „Wer damit zu tun hat, aufs neue Autochen zu sparen, hat keine. Und wer damit zu tun hat, überhaupt genug für den Kühlschrank heran zu schaffen, hat auch keine. Aber sei gewiß, die da immer im Kreis schreien sind Leute, denen die Anzüge zu groß sind, in denen sie stecken. Das Volk erträgt sie nur, das ist alles.“
Ich blicke mich um, heute ist der Himmel bedeckt. Dann schaue ich wieder auf das bärtige Gesicht des Kneipenphilosophen. Er sitzt und schweigt, die Geräusche der Stadt drängen sich nach vorn.
Doch dann sagt er doch noch etwas: „Tja, mein Lieber, wie immer. Alles, was entsteht, ist Wert, daß es zugrunde geht.

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 10. Mai 2022

„Der kategorische Imperativ – manche halten es eben mit Kant.“ Der Kneipenphilosoph zieht an seiner Zigarette und macht eine kleine blaue Wolke. „Ist bequem“, sagt er weiter. „So eine Instanz. Man muß sich nur zu ihr verhalten. Spart Energie, man muß nicht selber denken. Ist wie ein Hauptmann im Schützengraben, Befehl und Gehorsam. Die Leute schreien geradezu nach Befehlen. Wir sind aber auch eine seltsame Spezies.“
Ich nicke und überlege. Wie war das noch mit dem kategorischen Imperativ? Handle nur so, daß dein Handeln allgemeines Gesetz sein kann. Oder werden kann.
Der Kneipenphilosoph lacht: „Na, erinnerst du dich? Ich nicke.
„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „So ist das mit Kategorien. Auf dem Papier stehen sie schön gerade da. Und weit ist es hier auch nicht, zu Nietzsches Zarathustra. Interessiert aber die Realität herzlich wenig. Wenn sich damit nicht Massen von Leuten programmieren lassen würden, wäre es pipegal. Aber es lassen sich wunderbare Moralkeulen daraus herstellen. Du mußt dir nur Corona anschauen. Oder unsere Kriegspropaganda. Gedanken sind halt Werkzeuge, kann man in Köpfen damit herum schrauben. Und für die Kinder im Sandkasten kann man daraus den guten und den bösen Engel machen. Die Linken zum Beispiel, schau sie dir an. Sie tragen den kategorischen Imperativ wie eine Monstranz vor sich her. Man könnte einen Lachkrampf nach dem anderen kriegen. Fehlt nur noch, daß sie wieder anfangen wollen, Hexen zu verbrennen.“
„Merken die nicht“, sage ich.
„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Sie merken nicht, daß sie sich wie mittelalterliche Inquisitoren aufführen. Aber was solls, immer wieder wächst das Gras, wild, und hoch und grün. Wenn du zu vergessen drohst, wer du bist, hör die Gundermann an. Tut vielleicht weh, heilt aber.“
„War keine Instanz“, sage ich. „War ein Bruder.“
„Genau“, entgegnet der Kneipenphilosoph. „Und mehr braucht es auch nicht.“
Ich schaue in den Himmel. Hoch und blau ist er. Kein Flugzeuggestrichel heute, nur hier und da Wattewölkchen. Oben der Himmel und unten die Stadt. Unten wir. Eine Kinderfrage fällt mir ein: Was ist der schnellste Flug? Nein, denke ich. Wir brauchen kein Konstrukt eines Menschen. Wir brauchen nur Menschen.
„So ist es“, sagt der Kneipenphilosoph. Und wieder mal ist es mir unheimlich, daß er anscheinend tatsächlich Gedanken lesen kann, zumindest meine.

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 28. April 2022

„Credo, quia absurdum. Ich glaube, obwohl es widersinnig ist“, der Kneipenphilosoph lacht. Dann sagt er: „Stammt nicht von mir. Geht zurück auf die Zeit, als ein Eulenspiegel sein Wesen trieb, Mittelalter also. Als in manchen Städten so viele Mönche herumliefen, daß es fast ein Viertel ausmachte. Und die soffen und hurten, daß es quietschte. Und der Papst verkaufte Ablaßbriefe. Tja, und dann kam der Luther.“
„Naja“, sage ich. „Ist lange her.“
„Ja“, entgegnet er und nickt. „Aber wenn du dich umschaust, Corona zum Beispiel, oder wie sie alle über einen Atomkrieg herum schwadronieren, dann ist’s genau jetzt. Die haben alle nur noch ein Kurzzeitgedächtnis. Da ist der Blick in die Vergangenheit mit Brettern vernagelt. Anscheinend sind wir inzwischen so eine Art Eintagsfliegen geworden, Horizont ein Tag. Oder denkst du, daß irgendeine Art von Herrschaft selbst denkende Leute mag? Kann man schlecht in den Schützengraben schicken, selbst denkende Leute. Treffen vielleicht die Entscheidung, daß es nicht ihr Schützengraben ist.“
Der Kneipenphilosoph raucht, wir sitzen unter der Frühlingssonne, es ist wärmer geworden. Dann kommt die Kellnerin und bringt den bestellten Kaffee. Diesmal ist es eine andere Studentin, sie lacht nicht, sie zieht ein mürrisches Gesicht. Aber in der Straße laufen die Leute mit offenen Jacken herum, und hier und da sieht man sogar schon ein Sommerkleid.
„Mit der Vergangenheit ist das so eine Sache“, sagt der Kneipenphilosoph. „Wenn man so gar nichts von ihr weiß ist es mit dem Verstehen dessen, was ist, ziemlich lausig. Und der Blick auch nur ein paar Tage voraus bleibt im Nebel stecken. Aber wie heißt es so schön: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht. Wenn du so willst, kannst du hier der spätrömischen Dekadenz zuschauen, nur daß Rom diesmal Wertewesten heißt. Wir gehen unter, mein Freund. Und kein Panzer, kein Flugzeugträger, keine Rakete wird etwas daran ändern. Wir sind einfach dran. Sind alle untergegangen, die Weltreiche. Die Mongolen, die Osmanen, die Römer, die Briten. Und alle taten sie so, als würde mit ihnen die Welt untergehen. Ist sie aber nicht. Nur, wenn wir tatsächlich Atombomben schmeißen, ist Schluß. Zumindest für die Spezies Mensch. Ratten und Kakerlaken überleben, heißt es.“
Ich schaue in die Straße, die Sonne scheint. Straßenbahnen rumpeln, Autos fahren, Mütter schieben Kinderwagen, Schulkinder in bunten Klamotten bilden fröhliche Trauben, Obstverkäufer sortieren Tomaten. Und ich stelle mir vor, wie jemand auf all das eine Bombe schmeißt.
„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Kaum zu glauben, was?“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 15. April 2022

„Die Linken? Wirklich?“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an, als wäre ich ein grünes Männlein mit drei Augen und Antennen als Ohren. Wir sitzen in seinem kleinen Café, der Himmel ist bedeckt. Aber es ist wärmer geworden und die Bäume machen endlich Frühling. Dann kommt die Kellnerin und bringt Kaffee.
„Die Linken“, der Kneipenphilosoph schüttelt den Kopf. „Das ist eine Frage fürs Tagesgeschäft. Das ist ein bunter Wimpel, ein Stöckchen zum reinbeißen. Du könntest genau so nach den Grünen fragen oder den Gelben, oder dem Kasper im Theater. Hinter den Farben ist die Realität. Unter den Farben ist der Schimmel.“
Und nach einer kleinen Pause setzt er hinzu: „Haben alle den Hang zur Religion, wenn man so will. Teilen alle gern die Welt in Freund und Feind. Denkt sich einfacher. Und rennen sich alle Beulen an die Köpfe. Die böse Welt ist anders, die Realität fragt nicht nach Wünschen. Von denen mal abgesehen, denen das alles sowieso egal ist, die ihr Pöstchen interessiert und sonst nichts. Insofern sind die mit einer Überzeugung sozusagen halb echt. Politik ist ein Geschäft, nichts weiter, ein Geschäft und Beschäftigung. Und komm mir nicht mit Recht, und Moral, und Anstand. Es gibt nur Interessen, das ist alles. Politik ist eine Bühne und das Volk schaut zu, manchmal vergnügt, meistens mit Wut im Bauch.“
Ich sitze und trinke meinen Kaffee. Der Kneipenphilosoph raucht und trinkt auch. Dann kommt die Kellnerin, eine junge, schlanke Frau, fast noch ein Mädchen. Vermutlich Studentin. Sie schaut auf uns, wie wir da sitzen und lächelt. Dann fragt sie: „Nochmal Kaffee?“
„Ja“, sag ich. „Kaffee und ein bißchen Sonne.“
Sie lacht und geht, und der Kneipenphilosoph schaut mich an und sagt langsam: „Wenn du all die bunten Luftballons wegläßt, all die Ideologien und Meinungen, all die gespielte Wut und den Neid und die Angst, was bleibt dann übrig?“
„Vermutlich so eine Art Urmensch“, sage ich.
„Genau“, entgegnet er und lacht. „Und nun stelle dir einen Urmenschen bei den Linken oder den Grünen oder den Schwarzen vor. Einen mit Bärenfellen um den Bauch, und mit Keule in der Hand.“
„Schätze, der würde draufhauen oder wegrennen“, sage ich.
„Genau“, sagt der Kneipenphilosoph. „Genau das ist es.“

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 7. April 2022

„Kopfschütteln, Kopfschütteln, Kopfschütteln. So, wie ein Wackeldackel hinten im Auto bei jedem Schlagloch nickt, so kann ich nur noch den Kopf schütteln, mein Freund. Und wo ich anfangen soll, weiß ich auch nicht.“
Der Kneipenphilosoph sitzt unter der Frühlingssonne und starrt in seinen Kaffee. Dann fingert er umständlich eine Zigarette hervor, so, als gäbe das die Zeit für einen Gedanken. Und dann schaut er mich einen Augenblick lang an, als wäre ich ein Fremder. Bin ich ein Fremder?
Der Kneipenphilosoph nickt und lächelt: „Die Leute haben sich sortiert, immerhin, das kann man sagen. Und sehen kann man es auch. Man kann es nicht übersehen, tja. Ist selten, daß jeder seine Fahne im Gesicht trägt. Jedenfalls lügen die Zeitungen recht gekonnt, auch das kann man sagen. Sie haben es mittlerweile gut gelernt, besser jedenfalls, als vor ein paar Jahren noch. Jedenfalls laufen recht viele programmierte Leute herum, und einige davon sind wütend, abgesehen von denen, die nur Angst haben. Die Wütenden wissen, daß sie programmiert sind. Ist aber auch schwierig, wenn man weiß, daß man verkehrt herum läuft, rückwärts sozusagen. Verrenkt den Hals, und verrenkte Hälse ergeben verrenkte Gedanken. Da ist es gut, wenn man sich einen Feind suchen kann. Naja, und das machen sie dann auch.“
Der Kneipenphilosoph entzündet seine Zigarette und schaut auf die Straße. Das kleine Café liegt an einer mit Autos und Straßenbahnen und Müttern mit Kinderwagen und Omis mit Dackeln.
„Sieht alles noch ganz normal aus“, sagt er. „Bis auf die Fahnen in den Gesichtern. Haben sich dran gewöhnt, die Leute. Ist schon seltsam, das alles.“
Ich nicke und rauche auch. Wir haben uns lange nicht gesehen. Und ich bin froh, daß der Kneipenphilosoph noch der Kneipenphilosoph ist. Er sitzt da, als hätte es die letzten zwei Jahre nicht gegeben.
Und dann sagt er, als hätte er meine Gedanken erraten: „Tja, die Reste der alten Welt. Genießen wir jeden Tag, an dem es sie noch gibt.“