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Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 27. Mai 2022

„Innere Immigration“, sagt der Kneipenphilosoph. „Das war mal ein Schlagwort. Das Schweigen, das Kopfeinziehen, das Überleben, wenn man so will. Oder die Maske vor dem Gesicht. Mit der Zeit wächst sie an, sozusagen. Man bekommt sie nicht mehr herunter. Aber innere Immigration ist mehr als eine Maske außenherum. Schau es dir an, das Volk schweigt. Und wundert sich vielleicht noch, was so ein paar Schreihälse anrichten können. Und sie schreien von morgens bis abends, immer im Kreis herum. Haben gelernt, daß man nur laut genug sein muß. Sind wie ein heranrauschender Güterzug, der alle anderen Geräusche schluckt. Ist fast so, als ob sie nicht mehr da wären, die anderen Geräusche. Aber wie es so ist, der Zug rauscht vorbei. Tja, und dann haben sie gelernt, gleich den nächsten hinterher zu schicken. Und immer so weiter. Des Volkes Mund sagt dazu: eine Sau durchs Dorf treiben. Hat also Methode, man soll die eigenen Gedanken nicht mehr hören. Und es ist ziemlich egal, was der Zug geladen hat; Corona, Krieg, Klimawandel, Gender – such dir was aus. Hauptsache es klappert.“
Der Kneipenphilosoph schaut mich an, dann trinkt er von seinem Kaffee, und dann setzt er hinzu: „Ist wie Zahnschmerzen.“
„Hm“, sage ich. „Gibt es alles, Corona, Krieg, Klimawandel, Gender.“
„Sicher“, entgegnet er und lacht. „Nur ist die Frage: was soll das eigentlich? Was sollte das brennende Rom, was sollte der dreißigjährige Krieg, was die Erstürmung Trojas? Homers Ilias oder das alte Testament, die fünf Bücher Mose, lies mal. Oder Morus, Utopia. Da steht alles da. Dazu noch den Simplizissimus und Tacitus, und am Ende Hegel und Feuerbach. Die klassische deutsch Philosophie, sagt man dazu. Und dann schau dir das hier an, im Jahr 2022. Na ja, und die Griechen, und Dante, und Heine und wie sie alle heißen, die Altvorderen.“
„Wer hat so viel Zeit?“, sage ich.
„Genau“, entgegnet der Kneipenphilosoph. „Wer damit zu tun hat, aufs neue Autochen zu sparen, hat keine. Und wer damit zu tun hat, überhaupt genug für den Kühlschrank heran zu schaffen, hat auch keine. Aber sei gewiß, die da immer im Kreis schreien sind Leute, denen die Anzüge zu groß sind, in denen sie stecken. Das Volk erträgt sie nur, das ist alles.“
Ich blicke mich um, heute ist der Himmel bedeckt. Dann schaue ich wieder auf das bärtige Gesicht des Kneipenphilosophen. Er sitzt und schweigt, die Geräusche der Stadt drängen sich nach vorn.
Doch dann sagt er doch noch etwas: „Tja, mein Lieber, wie immer. Alles, was entsteht, ist Wert, daß es zugrunde geht.

 

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 10. Mai 2022

„Der kategorische Imperativ – manche halten es eben mit Kant.“ Der Kneipenphilosoph zieht an seiner Zigarette und macht eine kleine blaue Wolke. „Ist bequem“, sagt er weiter. „So eine Instanz. Man muß sich nur zu ihr verhalten. Spart Energie, man muß nicht selber denken. Ist wie ein Hauptmann im Schützengraben, Befehl und Gehorsam. Die Leute schreien geradezu nach Befehlen. Wir sind aber auch eine seltsame Spezies.“
Ich nicke und überlege. Wie war das noch mit dem kategorischen Imperativ? Handle nur so, daß dein Handeln allgemeines Gesetz sein kann. Oder werden kann.
Der Kneipenphilosoph lacht: „Na, erinnerst du dich? Ich nicke.
„Tja“, sagt der Kneipenphilosoph. „So ist das mit Kategorien. Auf dem Papier stehen sie schön gerade da. Und weit ist es hier auch nicht, zu Nietzsches Zarathustra. Interessiert aber die Realität herzlich wenig. Wenn sich damit nicht Massen von Leuten programmieren lassen würden, wäre es pipegal. Aber es lassen sich wunderbare Moralkeulen daraus herstellen. Du mußt dir nur Corona anschauen. Oder unsere Kriegspropaganda. Gedanken sind halt Werkzeuge, kann man in Köpfen damit herum schrauben. Und für die Kinder im Sandkasten kann man daraus den guten und den bösen Engel machen. Die Linken zum Beispiel, schau sie dir an. Sie tragen den kategorischen Imperativ wie eine Monstranz vor sich her. Man könnte einen Lachkrampf nach dem anderen kriegen. Fehlt nur noch, daß sie wieder anfangen wollen, Hexen zu verbrennen.“
„Merken die nicht“, sage ich.
„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Sie merken nicht, daß sie sich wie mittelalterliche Inquisitoren aufführen. Aber was solls, immer wieder wächst das Gras, wild, und hoch und grün. Wenn du zu vergessen drohst, wer du bist, hör die Gundermann an. Tut vielleicht weh, heilt aber.“
„War keine Instanz“, sage ich. „War ein Bruder.“
„Genau“, entgegnet der Kneipenphilosoph. „Und mehr braucht es auch nicht.“
Ich schaue in den Himmel. Hoch und blau ist er. Kein Flugzeuggestrichel heute, nur hier und da Wattewölkchen. Oben der Himmel und unten die Stadt. Unten wir. Eine Kinderfrage fällt mir ein: Was ist der schnellste Flug? Nein, denke ich. Wir brauchen kein Konstrukt eines Menschen. Wir brauchen nur Menschen.
„So ist es“, sagt der Kneipenphilosoph. Und wieder mal ist es mir unheimlich, daß er anscheinend tatsächlich Gedanken lesen kann, zumindest meine.

 

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 28. April 2022

„Credo, quia absurdum. Ich glaube, obwohl es widersinnig ist“, der Kneipenphilosoph lacht. Dann sagt er: „Stammt nicht von mir. Geht zurück auf die Zeit, als ein Eulenspiegel sein Wesen trieb, Mittelalter also. Als in manchen Städten so viele Mönche herumliefen, daß es fast ein Viertel ausmachte. Und die soffen und hurten, daß es quietschte. Und der Papst verkaufte Ablaßbriefe. Tja, und dann kam der Luther.“
„Naja“, sage ich. „Ist lange her.“
„Ja“, entgegnet er und nickt. „Aber wenn du dich umschaust, Corona zum Beispiel, oder wie sie alle über einen Atomkrieg herum schwadronieren, dann ist’s genau jetzt. Die haben alle nur noch ein Kurzzeitgedächtnis. Da ist der Blick in die Vergangenheit mit Brettern vernagelt. Anscheinend sind wir inzwischen so eine Art Eintagsfliegen geworden, Horizont ein Tag. Oder denkst du, daß irgendeine Art von Herrschaft selbst denkende Leute mag? Kann man schlecht in den Schützengraben schicken, selbst denkende Leute. Treffen vielleicht die Entscheidung, daß es nicht ihr Schützengraben ist.“
Der Kneipenphilosoph raucht, wir sitzen unter der Frühlingssonne, es ist wärmer geworden. Dann kommt die Kellnerin und bringt den bestellten Kaffee. Diesmal ist es eine andere Studentin, sie lacht nicht, sie zieht ein mürrisches Gesicht. Aber in der Straße laufen die Leute mit offenen Jacken herum, und hier und da sieht man sogar schon ein Sommerkleid.
„Mit der Vergangenheit ist das so eine Sache“, sagt der Kneipenphilosoph. „Wenn man so gar nichts von ihr weiß ist es mit dem Verstehen dessen, was ist, ziemlich lausig. Und der Blick auch nur ein paar Tage voraus bleibt im Nebel stecken. Aber wie heißt es so schön: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht. Wenn du so willst, kannst du hier der spätrömischen Dekadenz zuschauen, nur daß Rom diesmal Wertewesten heißt. Wir gehen unter, mein Freund. Und kein Panzer, kein Flugzeugträger, keine Rakete wird etwas daran ändern. Wir sind einfach dran. Sind alle untergegangen, die Weltreiche. Die Mongolen, die Osmanen, die Römer, die Briten. Und alle taten sie so, als würde mit ihnen die Welt untergehen. Ist sie aber nicht. Nur, wenn wir tatsächlich Atombomben schmeißen, ist Schluß. Zumindest für die Spezies Mensch. Ratten und Kakerlaken überleben, heißt es.“
Ich schaue in die Straße, die Sonne scheint. Straßenbahnen rumpeln, Autos fahren, Mütter schieben Kinderwagen, Schulkinder in bunten Klamotten bilden fröhliche Trauben, Obstverkäufer sortieren Tomaten. Und ich stelle mir vor, wie jemand auf all das eine Bombe schmeißt.
„Ja“, sagt der Kneipenphilosoph. „Kaum zu glauben, was?“

 

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 15. April 2022

„Die Linken? Wirklich?“ Der Kneipenphilosoph schaut mich an, als wäre ich ein grünes Männlein mit drei Augen und Antennen als Ohren. Wir sitzen in seinem kleinen Café, der Himmel ist bedeckt. Aber es ist wärmer geworden und die Bäume machen endlich Frühling. Dann kommt die Kellnerin und bringt Kaffee.
„Die Linken“, der Kneipenphilosoph schüttelt den Kopf. „Das ist eine Frage fürs Tagesgeschäft. Das ist ein bunter Wimpel, ein Stöckchen zum reinbeißen. Du könntest genau so nach den Grünen fragen oder den Gelben, oder dem Kasper im Theater. Hinter den Farben ist die Realität. Unter den Farben ist der Schimmel.“
Und nach einer kleinen Pause setzt er hinzu: „Haben alle den Hang zur Religion, wenn man so will. Teilen alle gern die Welt in Freund und Feind. Denkt sich einfacher. Und rennen sich alle Beulen an die Köpfe. Die böse Welt ist anders, die Realität fragt nicht nach Wünschen. Von denen mal abgesehen, denen das alles sowieso egal ist, die ihr Pöstchen interessiert und sonst nichts. Insofern sind die mit einer Überzeugung sozusagen halb echt. Politik ist ein Geschäft, nichts weiter, ein Geschäft und Beschäftigung. Und komm mir nicht mit Recht, und Moral, und Anstand. Es gibt nur Interessen, das ist alles. Politik ist eine Bühne und das Volk schaut zu, manchmal vergnügt, meistens mit Wut im Bauch.“
Ich sitze und trinke meinen Kaffee. Der Kneipenphilosoph raucht und trinkt auch. Dann kommt die Kellnerin, eine junge, schlanke Frau, fast noch ein Mädchen. Vermutlich Studentin. Sie schaut auf uns, wie wir da sitzen und lächelt. Dann fragt sie: „Nochmal Kaffee?“
„Ja“, sag ich. „Kaffee und ein bißchen Sonne.“
Sie lacht und geht, und der Kneipenphilosoph schaut mich an und sagt langsam: „Wenn du all die bunten Luftballons wegläßt, all die Ideologien und Meinungen, all die gespielte Wut und den Neid und die Angst, was bleibt dann übrig?“
„Vermutlich so eine Art Urmensch“, sage ich.
„Genau“, entgegnet er und lacht. „Und nun stelle dir einen Urmenschen bei den Linken oder den Grünen oder den Schwarzen vor. Einen mit Bärenfellen um den Bauch, und mit Keule in der Hand.“
„Schätze, der würde draufhauen oder wegrennen“, sage ich.
„Genau“, sagt der Kneipenphilosoph. „Genau das ist es.“

 

Der Kneipenphilosoph
Aus dem Gedächtnis aufgeschrieben am 7. April 2022

„Kopfschütteln, Kopfschütteln, Kopfschütteln. So, wie ein Wackeldackel hinten im Auto bei jedem Schlagloch nickt, so kann ich nur noch den Kopf schütteln, mein Freund. Und wo ich anfangen soll, weiß ich auch nicht.“
Der Kneipenphilosoph sitzt unter der Frühlingssonne und starrt in seinen Kaffee. Dann fingert er umständlich eine Zigarette hervor, so, als gäbe das die Zeit für einen Gedanken. Und dann schaut er mich einen Augenblick lang an, als wäre ich ein Fremder. Bin ich ein Fremder?
Der Kneipenphilosoph nickt und lächelt: „Die Leute haben sich sortiert, immerhin, das kann man sagen. Und sehen kann man es auch. Man kann es nicht übersehen, tja. Ist selten, daß jeder seine Fahne im Gesicht trägt. Jedenfalls lügen die Zeitungen recht gekonnt, auch das kann man sagen. Sie haben es mittlerweile gut gelernt, besser jedenfalls, als vor ein paar Jahren noch. Jedenfalls laufen recht viele programmierte Leute herum, und einige davon sind wütend, abgesehen von denen, die nur Angst haben. Die Wütenden wissen, daß sie programmiert sind. Ist aber auch schwierig, wenn man weiß, daß man verkehrt herum läuft, rückwärts sozusagen. Verrenkt den Hals, und verrenkte Hälse ergeben verrenkte Gedanken. Da ist es gut, wenn man sich einen Feind suchen kann. Naja, und das machen sie dann auch.“
Der Kneipenphilosoph entzündet seine Zigarette und schaut auf die Straße. Das kleine Café liegt an einer mit Autos und Straßenbahnen und Müttern mit Kinderwagen und Omis mit Dackeln.
„Sieht alles noch ganz normal aus“, sagt er. „Bis auf die Fahnen in den Gesichtern. Haben sich dran gewöhnt, die Leute. Ist schon seltsam, das alles.“
Ich nicke und rauche auch. Wir haben uns lange nicht gesehen. Und ich bin froh, daß der Kneipenphilosoph noch der Kneipenphilosoph ist. Er sitzt da, als hätte es die letzten zwei Jahre nicht gegeben.
Und dann sagt er, als hätte er meine Gedanken erraten: „Tja, die Reste der alten Welt. Genießen wir jeden Tag, an dem es sie noch gibt.“