Roland Erb – Schlafende Hunde VI

SCHLAFENDE HUNDE VI. POLITISCHE LYRIK: VERLAG AM PARK, BERLIN, 2019

Es ist erstaunlich, dass der Verlag am Park zusammen mit seinem Herausgeber Thomas Bachmann immer wieder die Kraft und Geduld aufbringen, sich den Bemühungen deutscher Lyriker zu widmen, die auch politische Gedichte schreiben, und dass sie damit schon beim sechsten Band angelangt sind.

Die 48 Autoren des Bandes, davon 14 Lyrikerinnen, stammen zum größeren Teil aus westlichen Bundesländern, was zu Vermutungen Anlass geben kann. Man könnte denken, dass die Autoren aus dem Osten auf Grund der zahlreichen Veränderungen und Herausforderungen, die sie in den letzten Jahrzehnten zu bewältigen  hatten, weniger sicher und gefestigt in ihren staatsbürgerlichen und vielleicht auch literarischen Positionen sein könnten, was ihre Texte womöglich etwas angreifbarer und weniger selbstbewusst macht, während die aus den westlichen Bundesländern eher von einem gesicherten Standpunkt  ausgehen, nämlich der ungenierten Kritik  von Missständen der Gesellschaft und besonders Anstoß erregenden Auswüchsen kapitalistischer Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Schon das erste Gedicht des Bandes ist für mich eine Überraschung. Der aus Kasachstan nach Deutschland gekommene, in Nordrhein-Westfalen lebende Artur Rosenstern, ein Russlanddeutscher, schreibt mit auffallendem sprachlichen Talent über die Behinderung des freien Denkens in dem Land hinter der drei Meter hohen Mauer und in einem anderen Text über die Schwierigkeiten des Ankommens, das Fremdbleiben in einer ganz anders gearteten Gesellschaft, wo er das Gefühl  hat, dass seine Seele „ins innere Exil“ gehen muss. – Ein erfahrener, sprachlich sicher formulierender Lyriker ist der in Kronach lebende Ingo Cesaro, der sich u.a. der Not afrikanischer Flüchtlinge auf dem Mittelmer annimmt oder in anderen Gedichten die innenpolitische Situation in der Türkei mit den willkürlichen Verhaftungen oder Probleme des Zusammenlebens von Deutschen, bei uns lebenden Ausländern und Asylbewerbern thematisiert. – Der Leipziger Autor Lutz Nitzsche-Kornel resümiert in dem Gedicht „Born in the G.D.R.“ die Bewusstseinslage eines jungen DDR-Intellektuellen, wie sie sich in seiner Erinnerung darstellt, in Form einer aus Buch- und Musiktiteln und bedeutungsträchtigen Ortsnamen zusammengesetzten Collage. Dieser satirische Text gelangt an die äußerste Grenze dessen, was man als Gedicht betrachten kann. – Der Bochumer Autor Michael Arenz schreibt in konzisen, kurzzeiligen Gedichten illusionslos über das Alltagsleben mit seiner offenkundigen Einsamkeit und Entfremdung; vor allem „Fremd“, ein Gedicht über die existentielle Krise einer jungen Frau, ist sehr eindrucksvoll. – Auch der Thüringer Rainer Karg aus Greiz schreibt über Alltägliches in einfacher, unverstellter Form und schafft es immer wieder, Texte zu schreiben, die wirkliche Gedichte sind. – Von der nach ihren Exiljahren seit 1976 wieder in Deutschland lebenden Ruth Fruchtmann gibt es mit „Sonntagsauflug“ einen sehr eindrucksvollen Text über einen Besuch in Berlin, vor allem beim Denkmal für die ermordeten europäischen Juden, der in der Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit höchst komplex wirkt.

Nicht allen Autoren gelingen solche überzeugenden Texte wie die erwähnten, vor allem, weil sie häufig vor der Schwierigkeit kapitulieren, den andrängenden, widersprüchlichen Stoff, den das gesellschaftliche Leben an uns heranträgt, in ansprechende, sprachliche gemeisterte Gedichte zu verwandeln. Dennoch vermittelt die Anthologie einen höchst interessanten Einblick in die Bemühungen deutschsprachiger Autoren um das so vernachlässigte politische Gedicht.

Roland Erb (April 2019)

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