Thomas Bachmann

Autor

Thomas Bachmann

Last update: 25.07.2016




Dieser Sommer


Der Kneipenphilosoph kratzt sich den Kopf. Traurig sieht er aus, stelle ich fest. „Tja“, brummt er. „Das ist so. Die Dame Realität schert sich nicht drum, ob sie einer wahrnimmt oder nicht. Jeder Rucksack wird ab jetzt mit scheelen Augen beguckt. Je größer desto scheeler. Besonders bei dunkelhäutigeren Zeitgenossen. Männlichen.“ Er lacht, es klingt bitter. „Es ist alles verkehrt herum, als liefen alle auf den Händen, mit Konsequenz. Oder rückwärts mit verdrehten Hälsen. Eine ewige Vendetta. Und natürlich hat jeder seine Gründe, seinen Schmerz. Es ist, als wären die Heldeneinsamerächerfilme von der Leinwand gehüpft, fehlen nur noch die Zombies und die Vampire. Wem soll man dafür danke sagen. Den Casinozockern, den Clowns aus dem Zirkus, den Schauspielern im Theater, dem Darknet, dem Klimawandel, den Waffenfabriken, der Systempresse.“ Der Kneipenphilosoph schüttelt den Kopf und entzündet seine Pfeife. Sie lag vor ihm auf dem Tisch, sauber gestopft, unberührt. „Es ist ja nicht so, daß die Zusammenhänge im Morgennebel versteckt wären, obwohl sich unsere Presse alle Mühe gibt. Aber wen interessiert das, wenn die Tochter oder der Bruder oder die Mutter oder der Vater tot auf dem Asphalt liegen. Wen interessiert die sture Dummheit einer Frau Merkel oder die Zerstörung ganzer Staaten durch die Amerikaner. Da liegt mein Kind auf dem Asphalt, mein Vater, meine Mutter. Was folgt dürfte klar sein. Und es wird keines der Probleme lösen. Das dürfte auch klar sein. Aber die Seele schreit und die Heldeneinsamerächerfilme wabern in den Köpfen und schauen aus blutunterlaufenen Augen in die Welt.“






























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